Rohrbomben, Sprengstoff, gefährliche Briefe: Wie spätere NSU-Mitglieder Spuren hinterließen

Es ist ziemlich genau 18 Jahre her. Am 12. Juni 1995 herrschte in Jenas Innenstadt für Stunden der Ausnahmezustand. Im damaligen Horten-Kaufhaus war am Vormittag ein selbst gebastelter Sprengsatz entdeckt worden. Ein Spezialkommando des Landeskriminalamtes (LKA) entschärfte den Fund mit einem Hochdruck-Wasserstrahl.

Im April 2008 wird eine harmlose herrenlose Reisetasche in Erfurt an der Ecke Bahnhofstraße und Bahnhofsvorplatz mit einem Hochdruck-Wasserstrahl geöffnet. Die Polizei wollte auf Nummer sicher gehen, um einen Sprengstoffanschlag zu verhindern. Genau so entschärfte die Polizei im Juni 1995 auch einen vermuteten Sprengsatz im Jenaer Horten-Kaufhaus. Foto: Sascha Fromm

Im April 2008 wird eine harmlose herrenlose Reisetasche in Erfurt an der Ecke Bahnhofstraße und Bahnhofsvorplatz mit einem Hochdruck-Wasserstrahl geöffnet. Die Polizei wollte auf Nummer sicher gehen, um einen Sprengstoffanschlag zu verhindern. Genau so entschärfte die Polizei im Juni 1995 auch einen vermuteten Sprengsatz im Jenaer Horten-Kaufhaus. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Die in einem Leinenbeutel verpackte Sprengladung war hinter der Feuerschutzwand eines Schaufensters versteckt und erst bei deren Abbau entdeckt worden. Die Untersuchung der Reste des Sprengsatzes förderte unter anderem einen Wecker zutage und ergab, dass für den Bau der Militärsprengstoff TNT verwendet wurde.

Bei der Suche nach Verdächtigen liefen die Ermittlungen der Polizei damals ins Leere.

Bomben-Nachbau in Jena fehlte nur die Batterie

Das Erfurter LKA meldete seinen Fund zwei Tage später auch an das Bundeskriminalamt (BKA) im hessischen Wiesbaden. Denn dort werden in einer Datei mit dem sperrigen Namen "Tatmittelmeldedienst Spreng- und Brandvorrichtungen" alle Hinweise gesammelt, die deutschlandweit über Brandsätze oder selbst gebaute Sprengladungen bekannt sind.

So fand auch der Sprengsatz vom Horten-Kaufhaus in diese Datei Eingang. Es sollte nicht die letzte Meldung aus Jena bleiben. Denn in den beiden darauffolgenden Jahren stellten die Ermittler mehrere Bombenattrappen in und um die Saalestadt sicher.

Jedes Mal wieder ging auch eine Meldung nach Wiesbaden. Nicht nur, um die dortige Datei mit Fakten zu ergänzen, sondern auch, um nachzufragen, ob es irgendwo anders vergleichbare Bombenfunde gab.

Die Thüringer Ermittler meldeten auch zwei Briefbombenattrappen zum Jahreswechsel 1996/97. Sie waren an eine Zeitungsredaktion und das Ordnungsamt Jena geschickt worden und enthielten "Drohungen gegen das Leben von Personen des öffentlichen Lebens". So vermerkte es damals die Polizei.

Auch über die Beschaffenheit des Bombennachbaus, der am 26. Dezember 1997 vor einem Denkmal auf dem Nordfriedhof in Jena entdeckt wurde, informierten die Ermittler ihre Kollegen in Wiesbaden.

Die Attrappe, ein roter Koffer, auf dem beidseitig jeweils ein schwarzes Hakenkreuz in einem roten Kreis aufgemalt war, ähnelte der Bombenattrappe, die Anfang September des gleichen Jahres vorm Theaterhaus in Jena von Kindern gefunden wurde.

Mit einem Unterschied: Der Nachbau am Theaterhaus enthielt zehn Gramm TNT-Sprengstoff und einen funktionsfähigen Zünder. Es fehlte lediglich die Batterie, wie die Ermittler herausfanden. Nach diesem Fund erkundigten sich die Kriminalisten auch beim BKA, ob es ähnliche Sprengsätze gebe.

Fingerabdruck entlarvte Böhnhardt

Als vergleichbar wurde in Wiesbaden der Sprengsatz aus dem Horten-Kaufhaus angegeben. Für die Ermittler schloss sich ein Kreis. Sie hatten mehrere Tatverdächtige. Unter ihnen waren mit Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe auch die späteren Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Auf die Spur der Neonazis kam die Polizei spätestens im April 1996. Eine Puppe, die mit einem Judenstern versehen war, hing an einer Autobahnbrücke bei Jena und sorgte für besondere Aufregung. Der makabre Torso war zudem mit zwei Bombenattrappen versehen.

Die Ermittler konnten einen Fingerabdruck von Uwe Böhnhardt sicherstellen. Es gab eine erste verheißungsvolle Spur. An den Briefbombennachbildungen fanden sich dann DNA-Reste, die ebenfalls zum späteren NSU-Trio führten.

Die Ermittler stellten außerdem Übereinstimmungen bei der verwendeten Farbe der Bombenattrappen am Theaterhaus und am Stadion fest.

Uwe Böhnhardt fand 1996 auch als Person Eingang in den "Tatmittelmeldedienst" Sprengladungen und Brandsätze beim Bundeskriminalamt.

Mit dem Untertauchen des Neonazi-Trios während einer Polizeirazzia am 26. Januar 1998 wurden die Einträge in dieser Datei erweitert. Neben Böhnhardt gab es nun auch einen Hinweis zu Beate Zschäpe und Uwe Mundlos. Nach Informationen unserer Zeitung entstanden zudem Querverweise zu den jeweils anderen beiden Namen des untergetauchten Neonazi-Trios.

So finden sich beispielsweise bei Beate Zschäpe, aber auch bei Uwe Mundlos, in einem Schreiben des BKA vom Oktober 1998 an das Landeskriminalamt in Thüringen (LKA) die Hinweise auf die Briefbomben in Jena sowie die Bombenattrappe auf dem Friedhof. Zudem wird bei beiden der Name Böhnhardt erwähnt.

Verpasste Chance bei der Tätersuche

Dieser Fakt führte Ende April zu heftigen Debatten im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages in Berlin. Das Gremium beschäftigte sich mit dem Nagelbombenanschlag im Juni 2004 in Köln.

Damals explodierte in der Keupstraße ein Sprengsatz, der mit 800 Zimmermannsnägeln bestückt worden war. Mindestens 22 Menschen erlitten teils schwere Verletzungen. Als Verdächtige für diesen Anschlag gelten seit dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im November 2011 Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Einer der mutmaßlichen Täter von damals ist auf einem Überwachungsvideo zu erkennen. Er schiebt ein Fahrrad mit einem Koffer auf dem Gepäckträger, der vermutlichen Nagelbombe. Das Fahrrad identifizierten die Ermittler als dasjenige, welches für den Anschlag genutzt wurde.

Mehrere Ausschussmitglieder warfen in der Beratung den damaligen Ermittlern von Köln vor, in der Zentraldatei für Sprengsätze nicht umfassend recherchiert zu haben.

In dieser Ausschusssitzung wurde bekannt, dass Uwe Böhnhardt unter anderem mit den Schlagworten "rechtsradikal" und "Koffer" in der Datei "Tatmittelmeldedienst Spreng- und Brandvorrichtungen" im BKA zu finden gewesen wäre.

Clemens Binninger, CDU-Obmann im Bundestags-Untersuchungsausschuss, sieht in diesen Einträgen eine verpasste Chance. Er sprach sich Ende April dafür aus, zu prüfen, wie künftig Abfragen in dieser Datei erleichtert werden können.

Die Männer vom Entschärfungs-Kommando der Thüringer Polizei

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