Rot-Rot-Grün: 16 Waldgebiete in Thüringen kommen für Windparks in Frage

Erfurt. Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter der Thüringer so sehr wie Windräder im Wald.

Die Betreiber von Windenenergieanlagen tun viel für ein gutes Image. Wie etwa die Firma Prokon mit einem Besichtigungstermin in Schwabhausen bei Gotha. Archiv-Foto: Peter Riecke

Die Betreiber von Windenenergieanlagen tun viel für ein gutes Image. Wie etwa die Firma Prokon mit einem Besichtigungstermin in Schwabhausen bei Gotha. Archiv-Foto: Peter Riecke

Foto: zgt

Die rot-rot-grüne Landesregierung hat sich der Energiewende verschrieben: Bis 2040 soll der Eigenenergiebedarf im Land komplett aus erneuerbaren Quellen gespeist werden. Der Plan lautet, die Windkraftnutzung zu verdreifachen. Auch Waldgebiete sind nicht tabu - es sei denn, Naturschutz-Vorgaben sprechen dagegen.

Doch es regt sich Protest. Bürgerinitiativen und Naturliebhaber laufen Sturm gegen die rot-rot-grüne Windrad-Strategie. Sie befürchten eine Verschandelung der Landschaft.

Nun hat das Infrastrukturministerium eine Studie vorgelegt, die 94 neue Vorrangflächen für Windkraftanlagen vorsieht. Dabei werden erstmals auch Waldgebiete aufgeführt - nämlich insgesamt 16. Betroffen sind ausschließlich die Planungsregionen Südwest- und Ostthüringen.

In Südwestthüringen liegen die größten für Windkraft geeigneten Waldflächen in den Landkreisen Hildburghausen, Schmalkalden-Meiningen und im Wartburgkreis. In Ostthüringen werden folgende Landkreise für Windkraft im Wald ausgewiesen: Greiz, Saale-Holzland- und Saale-Orla-Kreis.

Die Studie erwähnt ausdrücklich "Tabuflächen" für Windräder im Wald. Dazu zählen zum Beispiel Erholungswald, Schutzwald, Altholzinseln oder Naturwaldparzellen. Genannt werden auch Naturparke wie "Südharz", "Kyffhäuser" oder "Eichsfeld-Hainich-Werratal", der Nationalpark "Hainich", Naturschutzgebiete und Biosphärenreservate.

Der meiste Strom käme aus der Windkraft

Bei den Flächen für Windräder in der Ebene liegen die geografischen Schwerpunkte anders. Hier befinden sich die größten Gebiete in den Planungsregionen Mittel- und Nordthüringen. In Mittelthüringen sind vor allem die Landkreise Sömmerda, Weimarer Land und Gotha betroffen. In Nordthüringen werden der Unstrut-Hainich-Kreis, der Kyffhäuserkreis sowie die Landkreise Eichsfeld und Nordhausen genannt.

Die anderen Landesteile verfügen laut Studie über erheblich weniger Windgebiete in der Ebene. In Ostthüringen liegen diese insbesondere in den Landkreisen Altenburger Land, im Saale-Holzland-Kreis sowie im Landkreis Greiz. In Südwestthüringen werden an erster Stelle der Wartburgkreis und die Stadt Eisenach genannt.

Der Auftrag für den Bericht wurde im Oktober 2013 vom damaligen Bauminister Christian Carius (CDU) an ein Göttinger Büro vergeben. Das Papier kommt zu dem Ergebnis, dass der Stromverbrauch in Thüringen zu mehr als 50 Prozent aus Windkraft gedeckt werden könnte - vorausgesetzt, alle Flächen werden genutzt. Derzeit liefert die Windenergie nur rund acht Prozent des in Thüringen verbrauchten Stroms.

Trotzdem erfüllt die Studie nicht die Zielvorgaben der rot-rot-grünen Koalition. In dem Report sind nur rund 0,6 Prozent der Landesfläche für die Windkraft bestimmt. Das ist immerhin eine Verdoppelung gegenüber dem jetzigen Wert. Die Landesregierung hat sich aber eine Verdreifachung der Fläche auf ihre Fahnen geschrieben.

Infrastrukturministerin Birgit Keller (Linke) hat deshalb bereits angekündigt, gemeinsam mit dem Umweltministerium eine Anschlussstudie zur Windkraft aufzulegen. "Die Grundsatzfrage, ob Windenergie auch im Wald produziert werden kann, ist mit dieser Studie positiv beantwortet", unterstrich Ministerin Keller.

Landesregierung geht die Studie nicht weit genug

Allerdings würden insgesamt nur 1615 Hektar Fläche Wald vorgeschlagen. Das ist ein knappes Fünftel aller in der Studie vorgeschlagenen Flächen. "Gemeinsam mit den Fachleuten für Naturschutz wollen wir außerdem prüfen, inwiefern die bisherigen Tabuzonen aufrechterhalten werden müssen", fügte die Ministerin hinzu.

Grünen-Fraktionschef Dirk Adams brachte neben einer Ausweitung der Flächen für Windkraft eine Erhöhung der Strom-Kapazität ins Spiel: "Es geht vor allem um eine Steigerung der Leistungskraft", sagte er unserer Zeitung. Denkbar sei zum Beispiel, auf einen Standort mit zwei kleinen Windtürmen eine größere Anlage mit doppelter Leistung zu stellen.

Bei der Opposition stießen die Regierungspläne auf scharfe Kritik. "Wir bleiben bei unserer Linie: Kein Wind im Wald", erklärte der energiepolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Stefan Gruhner. Dagegen sprächen Punkte wie Ökologie, Landschaftsbild und Tourismus.

Außerhalb von Waldgebieten könne sich die Union grundsätzlich Windräder vorstellen - allerdings nur, wenn sie von der Bevölkerung vor Ort gewollt seien. Ähnlich argumentierte der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion, Stefan Möller: "Wir lehnen die Errichtung von Windkraftanlagen im Wald grundsätzlich ab."



Erfurt: Ortsteil wehrt sich gegen neue Anlagen

Die Stadtwerke Erfurt verfolgen etwa seit einigen Jahren das Ziel, bis zum Ende des Jahrzehnts drei Viertel der erneuerbaren Energie durch Windkraft abzudecken. Zudem gibt es private Betreiber von Windkraftanlagen in Erfurt. Darunter findet sich die Firma Enercon, die einen Windpark bei Schwerborn im Nordosten Erfurts bestückt.

Weil dieser Windpark nun aufgestockt werden soll, regt sich Protest. Zu den bestehenden 14 Windrädern sollen weitere acht hinzukommen einige davon sollen fast doppelt so hoch werden, wie die alten. Die Anwohner befürchten, dass sich Schattenwurf und Lautstärke auf den Wert ihrer Grundstücke auswirken könnte. Außerdem haben die Schwerborner bereits eine Mülldeponie, eine Müllverbrennung sowie eine Autobahn in der Nähe.

Weimar: Stadt hält sich Blick auf Horizont frei

Die Politik des Weimarer Landes, sich als Tourismus- und Kulturregion zu vermarkten, spiegelt sich auch im Umfang der Windkraft wider. Lediglich drei Standorte existieren zurzeit: am Ettersberg bei Hottelstedt im Nordwesten des Kreises sowie im Nordosten auf der Saaleplatte in Wormstedt sowie in Eckolstädt. Gerade letztere florieren und wurden in den vergangenen beiden Jahren erweitert.

Weitere Windparks im Norden und im Süden prägen zwar dort das Panorama. Allerdings befinden sich diese jenseits der Kreisgrenze etwa in Treppendorf im Kreis Saalfeld-Rudolstadt und bei Kleinbrembach im Kreis Sömmerda. Aktuell versuchen mehrere Betreiber von Windkraftanlagen jedoch auch im Weimarer Land gezielt, neue Standorte zu erschließen und hierfür Land zu erwerben.


Eisenach: Baubeginn, aber nicht vor Wartburg

Mit der Errichtung von Windkraftanlagen hat das Unternehmen Juwi bei Mihla begonnen. Die Windräder sind 135 Meter hoch. Der Windpark erzeugt künftig Strom für 10.000 Haushalte. Zunächst werden fünf Anlagen errichtet, weitere vier folgen noch.

Für Juwi ist es das erste Windprojekt in Thüringen. Juwi-Projekte waren in der Vergangenheit überschattet von Korruptionsvorwürfen gegenüber dem einstigen Eisenacher Beigeordneten Christian Köckert (CDU), der inzwischen zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Der Windpark Mihla soll im Sommer in Betrieb gehen.


Vom Tisch ist inzwischen die Windkraftanlage auf dem Milmesberg bei Marksuhl. Sie hätten die Sicht von der Wartburg aus beeinträchtigt. Dieses Vorhaben wurde gestoppt.

Südthüringen: Bürger wollen mitverdienen

Für Windräder im Thüringer Wald macht sich Neustadts Bürgermeister Dirk Macheleidt (parteilos) stark. Der Bau von Anlagen mit einem vertikalen Rotor ist nicht zuletzt eine Einnahmemöglichkeit für die Rennsteiggemeinde. Seit 2012 kämpft der Ortschef um ein Pilotprojekt in Neustadt.

"Naturschutz schön und gut, aber der Mensch muss auch von etwas leben", findet der Bürgermeister. Es sei nicht einzusehen, "dass die einen daran verdienen, während durch unsere Region der Strom einfach nur durchgeleitet wird", sagt Macheleidt mit Blick auf die 380-kV-Trasse durch den Thüringer Wald. Einwohner gibt es in Neustadt, die ein solches Vorhaben mitfinanzieren würden doch bislang scheiterte Windkraft im Wald am Nein der Ex-Lieberknecht-Landesregierung.

Sömmerda: Kreis schafft Naturstrom-Vorgabe

Vor zwei Jahren legte Landrat Harald Henning (CDU) erstmals Basisdaten zur Stromgewinnung aus Windenergie, Biomasse, Fotovoltaik, Wasserkraft, Klärgas und Geothermie vor und stellte fest: Der Landkreis hat schon erreicht, was Thüringen bis 2020 schaffen will: Mindestens 45 Prozent des Nettostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien.

Damals waren 53 Windräder im Einsatz, inzwischen drehen sich 82. Der Windpark Olbersleben (mit den Bereichen Bachra, Ostramondra und Roldisleben) ist zum größten im Landkreis herangewachsen. Das soll nicht so weitergehen. "Vor 2016 machen wir keine neuen Flächen auf. Der Regionalplan sieht da nichts vor und wir wollen und werden hier auch regulierend eingreifen", so der Landrat des Landkreises Sömmerda.

Kyffhäuserkreis: Plan für Windpark in Ebeleben

Nach jahrelangem Zögern hat sich nun auch Ebeleben entschlossen, auf erneuerbare Energien zu setzen. Zumal es Vorgaben des Landes gebe, bis 2020 rund 40 Prozent der Energie alternativ zu fossilen Brennstoffen zu gewinnen, sagt Bürgermeister Uwe Vogt (SPD). Eine windreiche Anhöhe ist gefunden.

Der Stadtrat hat grünes Licht für das Projekt gegeben und das Unternehmen Boreas mit der weiteren Planung beauftragt. Genau das kritisiert der Konkurrent ABO Wind. Der Projektentwickler sieht eine Bevorzugung des Mitbewerbers. ABO Wind aber habe alle Termine verschlafen, kontert Vogt, dem die Zeit wegläuft. Denn das Gelände ist noch nicht als Windvorranggebiet in den Regionalplan aufgenommen. Bis zum Baubeginn werden deshalb noch etwa vier Jahre vergehen.