So erlebte ein Bernteröder 1989 als Kind den ersten Besuch in Duderstadt

Bernterode (Eichsfeld). Steffen Anton schreibt: Das erste Jahrzehnt meines Lebens, also die achtziger Jahre, waren für mich eine sehr spannende Zeit. Zum einen geprägt von Begriffen wie Altstoffsammlung und Pioniernachmittag, zum anderen aber von der Sehnsucht, endlich mal in den "Westen" fahren zu dürfen.

Steffen Anton wohnt heute in Ulmund, ist Banker und zuweilen Barney-Stinson-Double.

Steffen Anton wohnt heute in Ulmund, ist Banker und zuweilen Barney-Stinson-Double.

Foto: zgt

Ihn kannten wir Kinder ja nur aus dem Fernsehen und von Erzählungen unserer Eltern und Großeltern. Und natürlich aus glänzenden Katalogen und dem Intershop. So wie dort musste es im Westen überall riechen.

Umso überraschter und gespannter war ich, als ich am 9. November 1989 von der Grenzöffnung erfuhr. Jeder durfte nun offensichtlich einfach so die Grenzen überschreiten, welche der Staat zuvor jahrelang bewacht hatte wie einen Goldschatz. Ich war sofort Feuer und Flamme und wünschte mir nichts sehnlicher, als einen Abstecher nach Duderstadt zu machen.

Zum ersten Mal die Schule geschwänzt

Zwei Tage später, am 11. November, war es endlich soweit. Es war ein Samstag, und zum ersten Mal in meinem Leben schwänzte ich an diesem Tag die Schule. So machten wir uns also zu viert in unserem hellblauen Trabant Kombi auf in das sagenumwobene Land, in dem es Spielsachen geben sollte, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte.

Bereits um fünf Uhr morgens befanden wir uns auf dem Weg nach Worbis in Richtung Grenze. Anfangs ging es auch noch erstaunlich gut voran, hatten wir doch mit einem kilometerlangen Rückstau gerechnet. Dieser erwartete uns jedoch erst ab Winzingerode, von wo aus es nun im stop-and-go weiter ging. Ich hatte nie zuvor solch eine lange Schlange aus Autos gesehen, und alle hatten sie das gleiche Ziel. Wir kamen langsam aber stetig voran und hatten bald das Dorf Ferna erreicht.

Gleich einer stinkenden und qualmenden Schlange aus Blech näherte sich der Autokorso immer weiter dem Ort Teistungen, in dem es nun ernst werden würde. Ein Polizist kontrollierte unsere Pässe und winkte uns durch. Als wir den Schlagbaum und die zahlreichen anderen Barrieren überwunden hatten, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich hatte immer noch insgeheim die Befürchtung gehabt, dass alles nur ein Missverständnis war und man uns einfach wieder heim schicken würde. Dem war jedoch nicht so, und wir erreichten schlussendlich - Gerblingerode. Wir waren im Westen!

Das Ortsschild von Duderstadt hatte ein Witzbold mit einem Pappschild überklebt, auf dem in großen Buchstaben "Trabbi Town" geschrieben war. Unser erster Weg galt einer Bank, auf der wir freudestrahlend unser Begrüßungsgeld entgegen nahmen. 100 DM pro Person gab es, und der Andrang an Menschen war entsprechend groß. Nach einer für einen zehnjährigen Jungen schier unendlich langen Wartezeit war jedoch auch diese Formalität erledigt, und nun begaben wir uns schleunigst dorthin, wo wir unser Geld schnellstmöglich an den Mann bringen konnten - in einen Supermarkt. Der damalige "Eins A" war der am nächsten gelegene, und so steuerten wir diesen an.

Kein verlockender Duft wie im Intershop

Was mich dort erwartete - es ist schwer in Worte zu fassen! Als erstes fiel mir der Geruch auf. Es roch nach nichts. Kein verlockender Duft nach Seife, Parfüm und frisch gedruckten Ansichtskarten. Genauso hatte es im Intershop gerochen. Die Illusion war nun zerstört, und dieses eigenartige Aroma nahm ich hernach nie wieder wahr.

Der Supermarkt war brechend voll. Es wimmelte von genervten Menschen, die mit ihren Einkaufswagen orientierungslos umherirrten. Überall gab es Delikatessen, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Und es gab noch etwas - eine zunehmend schlechte Luft. Ich kam gerade so noch dazu, mir einen Spielzeug-Truck auszusuchen, und dann wurde mir schlecht.

Draußen wurde es etwas besser, und beim Betrachten meines erbeuteten Spielzeugs war der Kummer bald verschwunden. Wohl nie wieder werde ich einer solchen Flut von Eindrücken begegnen. Ich bin dankbar, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Alter war, in dem ich zu würdigen wusste, welch einmaliger geschichtlicher Vorgang hier am ablaufen war. Und ich war mittendrin.