Solarziegel für das energieeffizienteste Haus Erfurts – Hauptsache sie sind rot

Erfurt  Bauherr Frank Orschler ist mit schwarzen Solarziegeln auf der alten Likörfabrik in der Rathausgasse 6 an der Denkmalschutzbehörde gescheitert

Frank Orschler (rechts), der mit diesen roten Solarziegeln die Denkmalschützer bei der Rathausgasse 6 zum Einlenken bewegen möchte, und Robert Fichtner

Frank Orschler (rechts), der mit diesen roten Solarziegeln die Denkmalschützer bei der Rathausgasse 6 zum Einlenken bewegen möchte, und Robert Fichtner

Foto: Michael Keller

Frank Orschler ist das, was man landläufig als „Temperamentsbolzen“ bezeichnet. Der 56-Jährige ist sehr emotional. Beurteilen kann man das, wenn man mit dem gebürtigen Kölner über sein nervenaufreibendes Geschäft spricht: alte Häuser in Erfurt sanieren. Da ist er in seinem Element und da schaltet er auch gern in den Kampfmodus, wenn es darum geht, mit städtischen Ämtern zu verhandeln.

Bei Brennstoffheizung hartnäckig geblieben

Gerade ist wieder so ein Moment. Sein jüngstes Projekt: Römplers Likörfabrik in der Rathausgasse 6. Gut zu sehen von der Schlösserbrücke, das Haus, dessen Wurzeln bis in das 17. Jahrhundert reichen. Orschler hat Großes damit vor. „Es soll das energieeffizienteste Haus in Erfurt werden“, sagt er. Soll heißen: Grundwasserwärmepumpe, Brennstoffzelle für die Heizung und – eine Einzigartigkeit. Für Deutschland. Ach was, für ganz Europa. Ein Solarziegel.

Gibt es noch nicht. Tesla probiert gerade, kann aber erst 2018 liefern. Zu spät für Orschler. Also hat er gesucht. Im Internet. Und gefunden. In der Farbe Schwarz. Pech für Orschler. Die Denkmalschutzbehörde lehnte ab. Das verstoße gegen die Gestaltungssatzung. Danach müssten Dächer rot eingedeckt sein. Was Orschler sehr befremdlich fand, weil sich in der Umgebung der Rathausgasse zig Beispiele mit schwarz eingedeckten Dächern finden. Seine Lebensgefährtin Anke Büttner suchte weiter. Die Lösung kam ins Haus. Name: Robert Fichtner, Chef einer Installateursfirma in Werningsleben. Dort hat man sich mit Solarziegeln lange beschäftigt und ist in Holland fündig geworden. Die Lösung für die Rathausgasse. Der Ziegel ist rot und dass darauf ein dünnes photovoltaisches Element geklebt ist, sieht man wirklich nur aus nächster Nähe. Auf Distanz sieht er aus wie ein ganz gewöhnlicher roter Dachziegel.

Ganz so billig ist der allerdings nicht. Da fällt schnell mal das Zehnfache an, wie für einen normalen. Aber Frank Orschler, der von sich sagt, er sei „ein schwarzer Grüner“, will ihn unbedingt haben. Auch wenn das rein wirtschaftlich gesehen nicht unbedingt vernünftig sei. „Ich will etwas dafür tun, dass die Stadt noch schöner wird und dabei neue innovative Technologien einbeziehen. Und dann kommt einer vom Denkmalschutz, dem der Ziegel nicht rot genug ist“, sagt er und grinst grimmig. Er sei aber Kummer mit Erfurts Ämtern gewöhnt, sagt er mit Blick auf die Sanierung des „Güldenen Sterns“. Da wurde seine Hartnäckigkeit belohnt. Für das Objekt in der Allerheiligenstraße bekam er 2016 den Thüringer Denkmalschutzpreis und landete 2017 beim Kfw-Award für nachhaltiges privates Bauen deutschlandweit auf Platz 4. Er sei halt ein Quertreiber und er werde sich nicht abbringen lassen, sagt er. So wenig, wie er sich von der Brennstoffheizung hat abhalten lassen. Die bekam er im zweiten Anlauf doch noch genehmigt.

Es gibt in Werningsleben erst 20 dieser neuen Solarziegel mit den aufgeklebten Solarzellen, die härter und damit widerstandsfähiger gegen Witterungsunbilden sein sollen, als herkömmliche PV-Module. Robert Fichtner könnte ihn aber so termingerecht aus Holland heranholen, dass man die Rathausgasse 6 damit eindecken könnte. Neben dem unübersehbaren Effekt für die Umwelt könnte man im Sommerhalbjahr die produzierte Elektroenergie dazu nutzen, das Haus nahezu unabhängig von einem Stromversorger zu machen und sogar Überschüsse durch Einspeisung zu erzielen. Winters decken die Erlöse aus der sommerlichen Überproduktion die Energiekosten.

Der rote Solarziegel liegt nun bei den Denkmalschützern. Von ihrem wohlwollenden Veto hängt ab, ob Frank Orschler damit bauen kann. Dass man dort schnell eine Entscheidung trifft, glaubt der Bauherr – schon aus Erfahrung – allerdings nicht. Aber die Zeit drängt. Sollte sich nichts drehen, werde er halt wieder die alte schwarze Dachpappe aus dem Urzustand der Likörfabrik draufnagel, sagt er. Die ist zwar schwarz, aber genehmigt.

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