Studenten werden zu Diplomaten und gestalten Weltpolitik

Seit 2003 existiert an der Erfurter Uni das Projekt zur UN-Konferenz. Die Vorbereitungen für Teilnahme im März in New York laufen.

Abstimmung des im Rathaus simulierten UN-Parlamentes. Schirmherrin Marion Walsmann gab dort am Sonntag Tipps als Ministerin. Foto: Susann Fromm

Abstimmung des im Rathaus simulierten UN-Parlamentes. Schirmherrin Marion Walsmann gab dort am Sonntag Tipps als Ministerin. Foto: Susann Fromm

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Erfurt. Der Rathaus-Sitzungssaal ist gut gefüllt, obwohl die Uhr Samstag kurz vor dreiviertel Eins zeigt. Nicht die Stadträte tagen, sondern knapp 70 Vertreter der Vereinten Nationen.

Die informellen Beratungen der Delegationen sind beendet, die Debatte wird fortgesetzt: 90 Sekunden hat jeder Redner Zeit, die Position seines Landes zum Thema Hilfe für Flüchtlinge möglichst überzeugend darzulegen. Die slowakische Vertreterin beginnt, gefolgt von den USA und Großbritannien . . .

Studenten aus ganz Deutschland sind für dieses Wochenende in die Rolle von UN-Diplomaten geschlüpft, haben sich "in Schale" geworfen und diskutieren auf Englisch. Nora Henschke (23) kommt aus Göttingen, studiert Politik und Wirtschaftswissenschaft. Florian Hader (25) aus Wiesbaden widmet sich der Politik und den Rechtswissenschaften. Beide studieren an der Erfurter Uni. Sie vertritt dieses Wochenende Russland in den Vereinten Nationen und er die USA. "Das macht unheimlich Spaß, ist anspruchsvoll, aber auch anstrengend", sind sich beide einig. Bis Samstag 22 Uhr geht die Debatte, dann werten die Studenten ihre Auftritte noch aus. Sonntag geht es schon ab 9 weiter, bis 17 Uhr. "Man muss sich sehr gut auf das Thema vorbereiten, Kenntnisse haben, um die Meinung fundiert und überzeugend herüberzubringen.

Wahre Auffassung der Regierung vertreten

Damit einen andere Länder nicht überreden oder umstimmen", beschreibt Florian Hader den Reiz der Veranstaltung. Man dürfe nicht irgendetwas sagen, sondern nur das, was auch im wahren Leben die Auffassung der jeweiligen Regierung ist. "Das mag bei den USA oder Großbritannien noch gehen. Da hört man viel in den Nachrichten, aber bei Schweden oder gar Liechtenstein wird das schwierig." Oder wenn man eine Meinung vertreten muss, die man nicht teilt, so Nora Henschke. Das schule ungemein, zeige wie die Mechanismen funktionieren und wie wichtig die Sprache der Diplomatie ist. Der Auftritt vor vielen Leuten stärkt auch das Selbstvertrauen. "Wenn ich bei der ersten Rede noch an meine Hände denke", schmunzelt sie.

Für beide ist es in diesem Jahr die zweite größere Simulations-Konferenz. Schon seit September/Oktober bereiten sie sich auf ein besonderes Ereignis vor: Im März fliegen sie nach New York. Dort werden 5000 Studenten aus rund 40 Ländern in die Rolle von UN-Diplomaten schlüpfen, Nora als Vertreterin Pakistans im Sicherheitsrat. "Da das etwa 2000 Euro kosten wird, suchen wir noch Sponsoren, die uns unterstützen."

Seit zehn Jahren existiert dieses Projekt "Model United Nations" an der Uni. Die Vertreterin Libyens spricht am Rednerpult, die Glocke erschallt. Sie war aber fast fertig, nur das "Thank you" fehlte noch. Dann wird abgestimmt, ob man die Sitzung unterbricht - zur Mittagspause. Das Votum war einstimmig.

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