Thüringer Jeans-Geschichten

Vietnamesische Arbeiter nähten zu DDR-Zeiten auch in Heiligenstadt, Apolda und Eisenach - legal und auch heimlich. Die Preise für originalgetreue Kopien der Westhosen waren genauso breit gefächert wie deren Qualität.

Diese vietnamesische Vertragsarbeiterin nähte im Jahr 1987 im VEB Eichsfelder Bekleidungswerk in Heiligenstadt unter anderem Hosen. Foto: Archiv/Manfred Steinig

Diese vietnamesische Vertragsarbeiterin nähte im Jahr 1987 im VEB Eichsfelder Bekleidungswerk in Heiligenstadt unter anderem Hosen. Foto: Archiv/Manfred Steinig

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Erfurt. Langweilig, sich heutzutage eine Jeans zu kaufen. Wirklich abenteuerlich war es zu DDR-Zeiten, an eine solche begehrte Hose zu kommen.

Das zeigen die Briefe unserer Leser, die in ihren Erinnerungen - und manchmal auch Kleiderschränken - kramten.

Oliver Bachmann aus Mühlhausen ließ sich drei Hosen von Vietnamesen schneidern. Als 14- bis 17-jähriger Schüler arbeitete er im Automobilwerk Eisenach. Für seinen Verdienst leistete er sich von vietnamesischen Vertragsarbeitern maßgeschneiderte Hosen. "Sehr stolz trug ich meine Röhrenjeans. Die Qualität war wirklich super!", schreibt er und fügt hinzu: "Hier nochmals meinen herzlichen Dank an diese netten Mitbürger."

Ingrid Wetzel aus Triptis erinnert sich, dass sie Mitte der 80er-Jahre in Saalfeld eine Jeans-Kopie nähen ließ. "So um die 100 Ostmark müsste die Hose gekostet haben", erzählt sie. "Das konnte ich mir nur einmal leisten." Die Hose sei sehr strapazierfähig gewesen, die Nähte stabil. "Verräterisch war, dass sich darin keine Größenschilder befanden. Egal, sie war ja schließlich exakt auf meine Größe gefertigt."

Helmut Dietzel aus Krauthausen arbeitete seinerzeit als Kraftfahrer beim Handelstransport in Eisenach. "Eines Tages erzählte mein Beifahrer Joachim davon, dass im Wohnheim der Vietnamesen in Wutha auf dem Gelände vom Forst Jeans produziert würden. Weil er kein Auto hatte, bat er mich, ihn dorthin zu fahren. Dort wurde dann Maß genommen und er konnte sich die Knöpfe, Nieten und Firmenlogos auf Lederschildern aussuchen. Nach 14 Tagen konnten wir dann die fertige Jeans abholen. Mein Beifahrer war begeistert. Doch nach einigen Tagen kam er mit einem langen Gesicht zur Arbeit", schreibt Helmut Dietzel.

Der Grund für den Unmut: Der Saum der Jeans war an verschiedenen Stellen aufgegangen. "Wir fuhren erneut zu dem Vietnamesen, um ihn nachbessern zu lassen. Er entschuldigte sich mit der schlechten Qualität des Zwirns und nähte sofort mit besserem Zwirn nach. Die Nachbesserung war natürlich kostenfrei. Sonst hatte die Jeans keinerlei Schwachpunkte."

Zur Wende verlor man sich aus den Augen, seitdem hat Helmut Dietzel zu seinem einstigen Beifahrer keinen Kontakt mehr. Ob der aber seine Jeans von damals noch hat, würde ihn durchaus interessieren.

Hartwig Mähler aus Niederroßla schreibt uns, dass auch in der "Wolle", im VEB Thüringer Obertrikotagen in Apolda, vietnamesische Vertragsarbeiter beschäftigt waren. "Sogar nach Feierabend werkelten die Vietnamesen weiter, allerdings in ihren Unterkünften, eben in dem Wohnheim am Weimarer Berg. Sie nähten weiter an ihren Nähmaschinen, und sie nähten auch Jeans."

Der freie Journalist Hartwig Mähler weiß noch eine kleine Episode zu berichten: "Eines Tages wurde bekannt, dass die elektrischen Leitungen in dem Wohnheim defekt waren. Und das betraf fast alle Etagen. Ein Fehler bei der Installation? Nein! Weil die Mehrzahl der Gastarbeiter nach Feierabend die Nähmaschinen surren ließ, kam es alsbald zu einer Überlastung der elektrischen Leitungen. Mit Erstaunen stellten bei der Reparatur die Elektriker und auch Betreuer der Vietnamesen fest, dass fast in jedem Raum in den Unterkünften so ein Maschinchen stand."

All diese Erinnerungen wird unsere Zeitung dem Auswandererhaus in Bremerhaven zukommen lassen. Dort nämlich soll im Frühjahr, wie wir in der vergangenen Woche berichteten, eine zweite Ausstellung eröffnet werden. Sie befasst sich mit der 300-jährigen Einwanderergeschichte in Deutschland.

Die Schicksale der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR gehören zu dieser langjährigen Einwanderergeschichte, wenngleich sie auch nur einen Bruchteil davon ausmachen. In den 80er-Jahren kamen Vietnamesen in die DDR, waren in volkseigenen Betrieben tätig, bekamen eine Facharbeiterausbildung, galten als sehr fleißig und freundlich.

Mit der Wende wurde ihr Aufenthalt in Deutschland ungewiss. Im Jahr 1989 waren rund 60.000 Vietnamesen in den ostdeutschen Ländern. Erst im Jahr 1997 gab es für sie Rechtssicherheit und wurden unbefristete Aufenthaltserlaubnisse vergeben.

Jeans in der DDR

  • Informationen, wer Jeans schneidert, galten als Geheimtipp.
  • Wer weder Beziehungen zu Vietnamesen noch Westverwandte hatte, ging in Warschau, Prag oder Budapest auf Jagd nach einem Original.
  • Um die perfekte Passform zu erreichen, wurde in die Badewanne oder ins salzige Ostseewasser gestiegen und das gute Stück an der Haut getrocknet.
  • Auch der Allzweckreiniger IMI half, damit die Jeans bloß nicht ungetragen aussah.
  • Die volkseigenen Bekleidungswerke kopierten amerikanische Vorbilder mit den DDR-Jeansmarken Wisent, Boxer, Goldfuchs und Bison.
  • Ein Gerücht besagt, vor Weihnachten 1978 habe die DDR-Führung eine Million Levi-Strauss-Jeans einführen lassen.