Tiefe Traurigkeit: Nach fast 230 Jahren schließt Manufaktur Weimar-Porzellan

Die Manufaktur Weimar-Porzellan besteht seit 1790. Nun schließt das Werk am Jahresende, was für Enttäuschung und Tränen bei den Mitarbeitern sorgt

Die letzten Pinselstriche: Die Porzellanmaler Marion Schmökel, Hartmut Sambale und Marion Braun (von links).

Die letzten Pinselstriche: Die Porzellanmaler Marion Schmökel, Hartmut Sambale und Marion Braun (von links).

Foto: Gerald Müller

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Die Abschlussfeier hat schon stattgefunden. Vor wenigen Tagen in der ersten Etage des Werksverkaufs. „Die haben wir selbst organisiert“, sagt Manuela Reinhardt. Fröhlich? Nein, das war das Zusammensein nicht. Wie auch? Es seien jedenfalls nicht nur Getränke geflossen, sondern auch viele Tränen. Und die 50-Jährige stockt etwas. „Aber wir haben uns geschworen, das Treffen nicht als Ende zu sehen, sondern als Anfang von etwas Neuem.“ Auch, wenn sich die Wege der etwa siebzig Mitarbeiter nach jahrzehntelanger Gemeinsamkeit schmerzlich trennen.

Im April stellte die seit 1790 existierende Weimarer Porzellanmanufaktur den Antrag auf Insolvenz, im Herbst erhielt die komplette Belegschaft in Blankenhain die Kündigung, im November wurde das endgültige Aus verkündet, das sich nun noch bis 31. Dezember hinzieht.

Die Stille in der großen Produktionshalle wirkt gespenstisch, die Maschinen ruhen, die Öfen sind kalt, Personen nicht sichtbar. Warum auch? Es gibt keine Rohlinge mehr, die veredelt, keine Ware, die gefertigt werden muss, Arbeitsschritte wie Drehen, Gießen, Brennen oder Glacieren sind in der Manufaktur überflüssig, die Regale und Stiegen stehen leer in den kahlen Gängen.

Wenige Meter weiter in der Malerei hängen zumindest noch Plakate und Poster an der Wand, einige Grün-Pflanzen recken sich widerspenstig zur Decke. In diesem Bereich werden die Reste der Aufträge abgearbeitet. Weinrote Tassen und Teller türmen sich in Nähe des Eingangs – das Kaffee-Service wird in Kürze als eines der letzten Produkte von Blankenhain nach Aserbaidschan verschickt.

Bitterer Abschied nach 44 Jahren in der Firma

„Vor allem räumen wir jedoch auf“, sagt Marion Schmökel. Und schluckt. „Das tut so weh.“ Ihre Kollegin Marion Braun läuft bei diesen Worten davon, wischt sich mit dem Arm übers nass werdende Gesicht. Ein scheinbar belangloser Satz endet und sie beginnt zu weinen. „Ja, das macht alle tieftraurig“, bemerkt Hartmut Sambale, der 1974 in der Porzellan-Manufaktur angefangen hat und nun mit 60 nach 44 Jahren gehen muss.

Spätestens in der nächsten Woche werden die Räumlichkeiten verwaist und alle Porzellanmaler weg sein. „Wissen Sie, wir waren wie eine Familie“, sagt Marion Schmökel. „Wir haben über vierzig Stunden gearbeitet, nur den Mindestlohn erhalten, kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld bekommen. Dennoch sind wir immer gern auf Arbeit gegangen.“

Als große Handwerkskunst bezeichnen viele das, was sie und ihre Kollegen, auf dem kleinen Hocker sitzend, geleistet haben. Auch Lothar Peppel schwärmt. „Sie haben jeden Tag millimetergenau gemalt. Bewundernswert.“

Der 54-Jährige lebt – wie eigentlich alle Angestellten der Manufaktur – in Blankenhain. 1981 hat er in der „Porzelbude“, wie er und seine Mitstreiter das Werk im Weimarer Land liebevoll nennen, als Keramformer begonnen und war zuletzt vor allem für die Aufbereitung der Rohstoffe zuständig.

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Wie aus einem Guss kann er die Porzellanfertigung beschreiben: „Aus Granulat wird Drehmasse hergestellt, je nach Artikel diese gedreht oder mit Gießschlicker gegossen. Dem Verputzen folgt der Glühbrand, das Glasieren und der Glattbrand.“ Und schließlich würde das fertige Weiß-Porzellan die wunderbare Dekoration erhalten: Mit Drucken, Gravieren, Stempeln oder Bemalungen.

„Wir wussten, dass die Situation durchaus prekär ist. Aber uns wurde immer wieder Hoffnung gemacht, dass es weitergeht“, sinniert er. Der Glaube daran war erst gebrochen, als die Kündigung ausgestellt war. Eine Abfindung gibt es nicht, keinen Cent. Nach jahrzehntelanger Arbeit. „Das kann schon wütend machen, wenn man bedenkt, dass manche Manager für wenige Monate Millionen-Entschädigungen erhalten.“ Doch das Geld wäre gar nicht entscheidend sagen alle. „Eine Familie wird auseinandergerissen“, wiederholt Marion Schmökel „die Fabrik ist unser Leben“, ergänzt Marion Braun. Und die Männer gestehen, wie schwer das Loslassen fällt.

Die meisten haben glücklicherweise einen neuen Job, „die Arbeitsmarktlage ist ja günstig. Wenigstens das“, bemerkt Manuela Reinhardt, die seit 1984 in der Verwaltung tätig und derzeit erste Ansprechpartnerin für alle ist – innen und außen.

Noch keinen neuen Arbeitgeber hat Ingrid Geßner gefunden, die 1974 als Malerin angefangen hatte. Seit zwei Jahren betreut sie den Werksverkauf, der wegen der jetzigen Rabatte in diesen Tagen Hunderte anzieht. Bis 31. Dezember soll er noch geöffnet sein. „Aber ich muss mich sputen, mit 61 wird es nicht leicht, etwas Neues zu finden“. Sie bezeichnet das Aus als „Katastrophe“. Und je näher der Abschied rücke, desto schlimmer werde es.

Frust und Wut sind dennoch wenig zu hören. Die Blankenhainer wollen mit Anstand gehen. Trotzdem tauchen Fragen auf: Ob es nicht möglich gewesen wäre die Firma zu retten, ob der Mutterkonzern Könitz nicht mehr hätte tun können? Und warum ist kein Investor gefunden worden? Schließlich seien es doch tolle und besondere Produkte, die sie zu bieten hätten.

Auch Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe wusste einst die Güte des Weimarer Porzellans zu schätzen, als er in einem Brief an Frau von Stein bemerkte: . . .das Porzellan ist gut, besser als man es ganz in der Nähe zu machen vermag und nicht teuerer.

Suche nach einem Investor bleibt erfolglos

Doch der Markt war zuletzt instabil geworden, wobei ohnehin 80 Prozent des Umsatzes aus Erträgen in Asien, Saudi-Arabien, Dubai und Russland stammt. Der Absatz schrumpfte von Jahr zu Jahr, zudem wurde Gebrauchsporzellan immer häufiger in Osteuropa und Asien gefertigt. Billige Ware, die auch die Menschen hierzulande bevorzugt gekauft haben. Insolvenzverwalter Rolf Rombach sagt deshalb: Porzellan als Produkt sei „in Deutschland unattraktiv“. Und so habe sich trotz Mühen kein Investor gefunden.

Die Mitarbeiter wünschen sich jetzt vor allem, dass das einzigartige Blankenhainer Handwerk zumindest als Erinnerung in ihrem Ort erhalten bleibt. Es sei schließlich eine Art Kulturgut, das bewahrt werden muss. Der Erfurter Rolf Rombach will sich dafür mit aller Kraft einsetzen: „Es gibt Stücke aus dem 19. Jahrhundert, die dürfen nicht verkauft werden und verschwinden.“ Es gebe deshalb Gespräche mit dem Bürgermeister von Blankenhain und der Stiftung von der Leuchtenburg in Kahla.

„Es wäre so schön, wenn noch ein bisschen mehr als Staub übrig bleibt“, sagt Lothar Peppel. Sein liebstes Teil ist die Form 21, ein Service mit „wunderbaren handgemachten Feinheiten“. Für Manuela Reinhardt ist es das Service Katharina. „Wenn ich das zu Familienfeiern aus dem Schrank hole, bin ich stolz, weil es tolle Tischkultur ist.“ Irgendwie hätte jedoch jeder sein Herzstück, „wir haben die Produkte ja geliebt“.

Die wackeren Porzellanmaler nicken. Sie schauen über den langgezogenen Arbeitstisch an der Fensterfront. Dort liegen noch vereinzelte Pinsel. Sie werden nicht mehr benötigt. Ein Stück entfernt steht ein Behälter mit Bruch-Stücken. Scherben bringen Glück? In der Blankenhainer Manufaktur nicht.

Zur Historie von Weimar-Porzellan

  • Weimar-Porzellan wurde 1790 in Blankenhain durch Christian Andreas Speck gegründet und gehört zu den ältesten Porzellanmanufakturen Deutschlands. Ein Werk, welches die alte Handwerkskunst ohne Automatisierung bewahrt – von der Herstellung des Scherbens bis zur prachtvollen Veredlung.
  • Es gehörte seit 2007 zur Firma Könitz Porzellan in Unterwellenborn. Eine kurzfristige Forderung des Zolls löste am 19. April den Insolvenzantrag aus, weil das Mutter-Unternehmen kein weiteres Geld zuschießen wollte.
  • Am 1. September wurde für Weimar-Porzellan das Insolvenzverfahren eröffnet. Anfang November teilte der Insolvenzverwalter mit, dass sich alle Hoffnungen auf eine Rettung zerschlagen haben.
  • Von den einst etwa 700 Beschäftigen wie in den 80er-Jahren waren in Blankenhain 2018 noch ungefähr 70 Mitarbeiter übrig geblieben. Sie erhielten alle ihre Kündigung zum 1. Januar 2019.
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