Traumwelten und Geschichten mit Blaufilter erzählt

Erfurt  „Die Evakuierung des Himmels“: Ruprecht von Kaufmann zeigt in der Kunsthalle einen Überblick über sein Werk

Die Evakuierung des Himmels heißt die neue Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt.

Die Evakuierung des Himmels heißt die neue Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt.

Foto: Holger Wetzel

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Im düsteren Treppenhaus ist der Boden noch feucht vom Wischen. Von den Türen, die zu den Wohnungen führen, pellt die Farbe ab. Etwas Gelbes kommt die Treppe hoch, uns entgegen. Es hat Füße wie ein Mensch, sieht ansonsten aber aus wie ein Spuk.

So beginnt „In the House“, ein bestimmt zehn Meter langes Gemälde, das Ruprecht von Kaufmann speziell für die „Evakuierung des Himmels“ geschaffen hat. Das ist der Titel der neuen Ausstellung, die in Kooperation mit dem Erfurter Kunstverein in der Kunsthalle gezeigt wird.

„In the House“ hat tatsächlich einen Anfang. Es hat auch ein Ende. Das Gemälde lässt sich lesen. Wie ein Comic besteht es aus mehreren Einzelbildern, kunstvoll verbunden durch subtile Übergänge.

„Vom Treppenhaus über das Bad bis ins Schlafzimmer werden die Räume immer intimer“, erzählt von Kaufmann die Kurzfassung seiner „Geschichte“. „Dann gibt es einen großen Knall, und man steht wieder draußen und kann nur schemenhaft in das Haus sehen.“

In dem Gemälde wirkt das freilich weniger banal. Da wird das Bett zum Treibsand, in dem der Schlafende in seinen Traum versinkt. Da ist der „große Knall“ ein mauvefarbenes Zwischenspiel unter meerblauen Kapiteln und ganz konkret ein Mädchen, das auf einem Tisch steht und uns den Rücken zukehrt, während Stühle durch die Luft wirbeln. „Draußen“ ist eine Dünenlandschaft bei Nacht. Dahinter ist das Meer.

Von Kaufmann sieht in dem Gemälde auch eine ideale Einführung in die Erfurter Ausstellung, die „den roten Faden seines Werkes sichtbar machen“ soll. Es stelle den Prozess des Malens dar, findet der in München geborene Berliner. „Es geht darum, etwas zu greifen, das sich wahr anfühlt und dann doch immer wieder entgleitet“, sagt der Künstler.

Die Betrachter können in den Bildern freilich sehen, was sie wollen. Von Kaufmann ist nicht nur Meister seines Handwerks. Er besitzt auch ein unheimlich anmutendes Talent darin, etwa mit einem bloßen Fenster oder einem halb geöffneten Schrank Assoziationen zu wecken und Stimmungen zu erzeugen.

Dabei hilft sein Markenzeichen, ein meerblauer Filter. Auch Lilatöne benutzt er gern. „Es sind Farben, zu denen ich mich hingezogen fühle“, sagt von Kaufmann.

„Unter der figurativen Malerei, die nicht Pop ist, gehört Ruprecht von Kaufmann zu den stärksten Positionen in Europa“, sagt Kai Uwe Schierz. Der Direktor der Erfurter Kunstmuseen fühlt sich an das Medium Film erinnert, wenn er die Bilder sieht. Der Künstler selbst hingegen bezieht seine Inspiration eher aus der Literatur.

Zitate aus seinen Tagebüchern, die in der Ausstellung an den Wänden hängen, belegen den Einfluss, den etwa der Amerikaner David Foster Wallace oder der Japaner Haruki Murakami auf seine Visionen haben. Das Werk ist voller lichtdurchfluteter Türen, hinter denen eine andere Welt lauert.

Omnipräsent ist in seinem Werk auch die griechische Mythologie mit ihren Göttern, Halbgöttern und Fabelwesen. Bei der „Evakuierung des Himmels“ haben sie in seinem Werk Zuflucht gefunden.

Der Typ, der auf einer Rakete über einen Bretterboden zu reiten scheint, ist tatsächlich Odysseus, der auf einem Floß von der Insel Ogigya flieht – nur irgendwie anders. Im Gemälde „Prometheus“ fällt der Schein eines brennenden Blockhauses auf einen Zentaur, der sich zersägen will, um Pferderumpf und Menschenkopf zu trennen. In „Monster“ liegt der Zentaur schlafend im Bett, von einer Nackten umarmt. Die Verwirrtheit dieser Welt will von Kaufmann zeigen, und die Verunsicherung der Wesen, die in dieser Welt leben.

Zu seiner Malerei gehört auch das Spiel mit Material und Perspektive. Ein kanariengelber Vogel hat dreidimensionale Flügel aus Kunststoff. Ein ganzes Bild rollt sich auf den Galerieboden aus und geht dort einfach weiter.

Der Künstler erwartet, dass der Betrachter seine Position wechselt, um das Bild irgendwann in Gänze zu erfassen. Das hat zugleich den Vorteil, dass der Betrachter auch die letzten Details im Bild erfasst. Details, die, wie in jeder guten Geschichte, das Ganze in ein anderes Licht tauchen.

Ruprecht von Kaufmann: Die Evakuierung des Himmel. Kunsthalle Erfurt, Fischmarkt 21. Januar bis 2. April. Di bis So 11 bis 18 Uhr, Do 11 bis 22 Uhr. Eröffnung 20. April 18 Uhr

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