"Treuhand in Thüringen": Unser Buch erzählt vom Ausverkauf eines Bundeslandes

Erfurt. Was als Serie in unserer Zeitung schon für viele Diskussionen sorgte, liegt jetzt als Buch vor: "Treuhand in Thüringen". Dieser neunte Band der Thüringen Bibliothek sei eine gute Dokumentation einer Zeit, die bislang kaum untersucht wurde, sagte Herausgeber und TA-Chefredakteur Paul-Josef Raue am Freitag in der Erfurter Industrie- und Handelskammer (IHK). Dort wurde das neue Buch, das rechtzeitig zur Buchmesse in Leipzig erschien, vor Lesern und Zeitzeugen erstmals vorgestellt.

Am Freitagvormittag stellten die TA-Redakteure Hanno Müller und Dietmar Grosser (v.l.n.r.) in Erfurt das neue Buch "Treuhand in Thüringen - Wie Thüringen nach der Wende ausverkauft wurde" vor. Es ist im Klartext-Verlag erschienene und bereits der 9. Band der Thüringen-Bibliothek. Foto: Marco Kneise

Am Freitagvormittag stellten die TA-Redakteure Hanno Müller und Dietmar Grosser (v.l.n.r.) in Erfurt das neue Buch "Treuhand in Thüringen - Wie Thüringen nach der Wende ausverkauft wurde" vor. Es ist im Klartext-Verlag erschienene und bereits der 9. Band der Thüringen-Bibliothek. Foto: Marco Kneise

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"Wir sind gespannt auf die Reaktionen", sagte Raue, der die Arbeit der Autoren Hanno Müller und Dietmar Grosser in den zurückliegenden eineinhalb Jahren hervorhob.

An die Zeit unmittelbar nach der Wende erinnerte TA-Redakteur Dietmar Grosser. Nicht nur die Wartburg aus Eisenach und die Computer aus Sömmerda seien quasi über Nacht unverkäuflich gewesen.

Selbst Thüringer Lebensmittel wurden zunächst von den Menschen verschmäht. "Joghurt musste bunt sein und aus dem Westen kommen und auch einheimische Biere blieben stehen", sagte Grosser.

Er erinnerte an die oft überstürzten Verkäufe von Unternehmen, die von windigen Investoren ausgeplündert wurden. "Diese Scharlatane sorgten für viel Frust." So hätten Mitarbeiter des Eisenacher Autowerkes die Autobahn gesperrt.

Diese Emotionen seien zwanzig Jahre nach den Ereignissen nicht mehr vordergründig. "Das ermöglicht einen sachlicheren Blick und Umgang mit den damaligen Ereignissen", ist Hanno Müller überzeugt.

Heute sei nicht mehr vorstellbar, dass die Treuhand die Faser AG in Rudolstadt von der Treuhand an indische Investoren verkauft habe, ohne deren wirtschaftliche Kraft zu prüfen. "Da lagen lediglich Prospekte vor."

Die Zeitung habe die Ilmenauer Glaswerker damals in der Treuhand-Zeit begleitet, erinnerte sich der frühere Betriebsrat Eberhard Dittmar: "Auf die TA war immer Verlass." Dittmar bedankte sich auch für das Buch, in dem der Kampf der Ilmenauer um ihr Werk festgehalten wurde.

In den ersten Jahren nach der Wende sei bei der Privatisierung einiges schiefgelaufen, so Wolfgang Jörgens, damals Direktor einer HO-Handelskette. "Wir müssen daraus lernen, reparieren lässt sich jetzt nichts mehr", so Jörgens.

Dagegen forderte Klaus Leschowski von grip Metallspielwaren Weimar eine juristische Aufarbeitung.

Das Buch sei eine "wichtige Dokumentation unserer Wirtschaftsgeschichte", sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser: "Hier werden menschliche Schicksale in den Blickpunkt gerückt", dankte der IHK-Chef allen Mitwirkenden.

Editorial von Hanno Müller: Akten blieben kein Geheimnis

Wer sich mit dem Wirken der Treuhandanstalt beschäftigt, ob nun als Wissenschaftler, recherchierender Journalist oder einfach nur als Interessierter, stößt auf viele Schwierigkeiten. Nicht selten verstellt dabei das Feindbild "Treuhand" eine objektive Bewertung des Geschehenen.

Die Privatisierungsbehörde trug mit Skandalen dazu bei, dass ihr Wirken von vielen Vorwürfen, Gerüchten und Spekulationen begleitet wurde.

Treuhand-Akten sind für Forschung und Recherchen größtenteils unzugänglich.

Dass in diesem Buch von mehr als bloßem Hörensagen die Rede sein kann, ist auch unseren Lesern sowie zahlreichen Akteuren von damals zu verdanken, die Erinnerungen, Anregungen, Dokumente und Fotos beisteuerten.

Darüber hinaus gestatteten die Thüringer Ministerien Einblicke in ihren seinerzeit teils vertraulichen Schriftverkehr zur Treuhand. Bereitgestellt wurden die Akten vom Hauptstaatsarchiv in Weimar.

Das sagen unsere Leser zum neuen Buch

Uta Oschatz, Greußener Salami: "Wir haben damals schon nichts Gutes mehr erwartet. Für den von der Treuhand ausgewählten Investor war unser Betrieb wohl eine Nummer zu groß. Doch die Salami gibt es noch immer."

Gerhard Schmidt, Umformtechnik Erfurt: "Alle wollten damals unsere Pressen haben. Darunter viele namhafte Autoproduzenten aus dem Westen. Doch die Treuhand war mit der Umformtechnik ziemlich überfordert."

Rolf Grabarits, Kofferfabrik Kindelbrück: "Wir kannten uns gut mit Leder und Koffern aus, aber nicht mit den Tricks amerikanischer Geschäftemacher. Wir konnten ja nicht mal richtig Englisch. Von der Treuhand bekamen wir keine Hilfe."

Rudolf Lucas, Solidor Heiligenstadt: "Solidor machte nach der Wende viele Schlagzeilen mit Spekulationen über seine Manager. Die Privatisierungserfolge gingen dabei fast unter. Solidor ist so noch immer eine Adresse in der Stadt."

Harald Lieske, Automobilwerk Eisenach: "Der Markt brach total ein. Irgendwann war es billiger, die Leute zu bezahlen, ohne dass auch nur ein Wartburg das Band verließ. Mit Opel bekam Eisenach dann eine neue Chance."

Hans-Jürgen Straub, Mikroelektronik Erfurt: "Die sogenannten ,Experten’ der Treuhand hatten von der Mikroelektronik null Ahnung, sollten aber den Daumen nach oben oder nach unten halten. Es war unerträglich."

Analysen, Reportagen und Lesermeinungen - das steht im Buch

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Das war eine heiße Zeit, das ging bis zu Morddrohungen Interview mit Volker Großmann, Ex-Treuhandchef in Erfurt
  • "Da gingen häufig Briefumschläge über den Tisch" Die Treuhand und ihre gierigen Abwickler
  • Apolda: Presatex GmbH"Für die Löhne war kein Geld mehr da"
  • Strickchic GmbH"Wir sind mit ganzem Herzen Stricker"
  • Bad Frankenhausen: Linn Elektro Therm GmbH "Der neue Besitzer wollte der Belegschaft keinen Besserwessi vor die Nase setzen"
  • Eisenach: Automobilwerk GmbH Vom Dixi zum Opel
  • Erfurt: Chemiehandels-GmbH"Keine Diskussion, ihr werdet abgewickelt"
  • Thüringer Landtechnik und Maschinenbau AG "Die wollten einfach nur zerstören"
  • Lingel Schuhfabrik Ost-Konkurrent sollte vom Markt verschwinden
  • ERMIC GmbH "Viele Experten der Treuhand hatten null Ahnung"
  • Brücken-, Straßen- und Tiefbau GmbH "Fast alle Mitarbeiter kamen unter"
  • Umformtechnik GmbH "Die Treuhand war mit der Umformtechnik überfordert"
  • Gabelbach: Berg- und Jagdhotel "Ich lasse mich nicht so schnell vergraulen"
  • Geraberg: Thermometerwerk GmbH Rettender Fiebermesser
  • Gotha: West-Thüringer Fisch GmbH Das Geheimnis der Forellen
  • Greiz: Greika Thüringer Weberei- und Veredlungs-GmbH Indische Glücksritter brachten der Greika kein Glück
  • Greußen: Salami- und Fleischwaren GmbH "Wir haben schon nichts Gutes mehr erwartet"
  • Heilbad Heiligenstadt: Solidor AG "Solidor ist noch immer eine Adresse in der Stadt"
  • Hermsdorf: Keramische Werke Tridelta AG "Lasst uns nicht das Armenhaus Thüringens sein"
  • Ilmenau: Glasring AG "Ilmenauer Glasring wurde für Jena geopfert"
  • Jena: Jenoptik Carl-Zeiss Jena GmbH In Jena war von Anfang an alles ganz anders
  • "Ich habe fest an Jena geglaubt" - Interview mit Lothar Späth
  • Katzhütte: Kefama Maschinenbau GmbH Nach der Übernahme ging es bergab
  • Kindelbrück: Kofferfabrik GmbH Ein Koffer für Bill Clinton, aber keine Zukunft
  • Knau: Rittergut Knau "Wir könnten heute schon viel weiter sein"
  • Rudolstadt-Schwarza: Thüringische Faser AG Verkauft an windige Investoren aus Indien
  • Sömmerda: Robotron Büromaschinenwerk AG "Robotron war das Herz der Stadt Sömmerda"
  • Suhl: Jagd- und Sportwaffen GmbH Der Kampf der Büchsenmacher
  • Tabarz: Thüringer Wald Die Furcht vorm großen Fürstenhalali
  • Weimar: Grip Metallspielwaren GmbH Strafanzeige gegen den Treuhandchef

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