Trotz Verbots: Burschenschafter formieren sich zum „Wartburgfestgedenken“

Eisenach  200 Jahre nach dem Wartburgtreffen kamen um die 1000 Burschenschafter nach Eisenach. Trotz Verbots gingen sie auf die Burg und sangen von Großdeutschland.

Ein wenig Feuerzauber wurde Samstagabend am Burschenschaftsdenkmal bei Eisenach geboten. Danach trafen sich die rund 1000 Burschenschafter zur Feier aus Anlass des ersten Wartburgtreffens vor 200 Jahren. Die Deutsche Burschenschaft ist wegen ihrer rechten Tendenzen umstritten. Mehrere Burschenschaften hatten den Dachverband deshalb verlassen.

Ein wenig Feuerzauber wurde Samstagabend am Burschenschaftsdenkmal bei Eisenach geboten. Danach trafen sich die rund 1000 Burschenschafter zur Feier aus Anlass des ersten Wartburgtreffens vor 200 Jahren. Die Deutsche Burschenschaft ist wegen ihrer rechten Tendenzen umstritten. Mehrere Burschenschaften hatten den Dachverband deshalb verlassen.

Foto: Kai Mudra

Vielleicht bemerkten es viele Eisenacher ja gar nicht. Unterhalb des Burschenschaftsdenkmals, in Sichtachse zur Wartburg, versammelten sich am Wochenende mehr als 1000 Burschenschafter aus Deutschland und Österreich. Sie feierten 200 Jahre Wartburgfest.

In den Jahren zuvor fielen die jungen und alten Männer mit ihre bunten Schiebermützen und den zeitlosen Anzügen samt der farbigen Bänder schon deshalb auf, weil gegen ihre Anwesenheit lautstark in der Stadt protestiert wurde. Dieses Jahr blieben sie völlig unbehelligt unter sich.

Dass die Deutsche Burschenschaft (DB) nicht wahrnehmbar war, können die Eisenacher trotzdem nicht behaupten. Denn die mit ihrem Äußeren etwas aus der Zeit gefallenen Herren zeigten sich an den vergangenen Tagen überall in der Innenstadt. Taxifahrer kamen mit ihren Fuhren zwischen dem Burschenschaftsdenkmal auf der Göpelskuppe und den Unterkünften in der Stadt kaum nach.

Eisenacher Firmen errichteten das für mehr als 1000 Personen gedachte Festzelt am Fuße des Denkmalhügels. Die Stadt prüfte mit akribischen Kontrollen die Sicherheit des Leichtbaus, gab vergangenen Freitag nach letzten Nachbesserungen ihr Okay.

Proteste in Eisenach sind völlig verstummt

Der Vertrag der Burschenschaft für die Werner-Assmann-Halle in der Innenstadt ist ausgelaufen. Die stattdessen längerfristig gemietete Halle in Seebach bei Eisenach war für den Ansturm am Wochenende einfach zu klein. Deshalb musste das Festzelt her. Die DB ist wegen ihrer rechten und nationalistischen Tendenzen als Dachorganisationen studentischer Verbindungen heftig umstritten.

Katja Wolf (Linke), die Oberbürgermeisterin von Eisenach, will den Eindruck, dass die Deutsche Burschenschaft in der Stadt willkommen ist, so nicht gelten lassen. Sie räumt aber auch ein, dass die lautstarken Demonstrationen verstummt seien. Eisenach reagierte auf seine Weise: Wartburgstiftung und die Friedrich-Schiller Universität in Jena richteten vor zwei Wochen ein wissenschaftliches Symposium zur historischen Einordnung des Wartburgfestes vor 200 Jahren aus.

Auch die Teilnehmer des Festtreffens an der Göpelskuppe diskutieren am Samstag über „burschenschaftliche Geschichtsforschung“. Jedenfalls stand es so im Veranstaltungsheft.

Unterbrochen wurden die Studienarbeit am Samstagvormittag. So gegen zehn Uhr rieben sich Besucher der Wartburg und der dortigen Ausstellung zum Luther-Jubiläum verwundert die Augen: Etwa 500 Burschenschafter formierten sich zum „Wartburgfestgedenken“ im Innenhof – ein Aufmarsch, der ihnen eigentlich verwehrt bleiben sollte.

Etwa eine halbe Stunde dauerte die Spontanbesetzung. Nach dem Singen aller drei Strophen des Deutschlandliedes ging es mit Bussen zurück zum Festzelt.

Dachverband kämpft gegen Austrittswelle

Sie sei nicht begeistert gewesen, als sie von der Aktion erfahren habe, sagt Katja Wolf. Dass sich an einem solchen Rechtsbruch auch Akademiker und sogar Rechtswissenschaftler beteiligen, sei unverständlich, kritisiert die Oberbürgermeisterin. Der Stiftungsrat werde sich damit befassen, kündigt sie an.

Philip Stein zeigte sich Samstagnachmittag zufrieden über den Coup. Er bestätigt, dass die Aktion eine Art „Flashmob“ war. Also eine Aktion, bei der unerwartet größere Menschenmengen irgendwo auftreten, weil sie sich dazu verabredet haben. Der 25-Jährige ist Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft, studierte in Marburg Geschichtswissenschaft, Philosophie und Germanistik. Heute lebt er in Dresden und ist Mitglied der Marburger Burschenschaft Germania.

Die Hochschulbeilage der „Zeit“, zitiert ihn in seiner jüngsten Ausgabe zu seiner politischen Position: „Wenn der Begriff nicht so vorbelastet wäre und man nicht sofort an Skinheads denken würde, könnte man sagen: rechtsradikal. Denn faktisch sind das ja radikale rechte Positionen, die wir einnehmen.“

Diese Aussage bestätigt Philip Stein in Eisenach auf Nachfrage. Zugleich weist er aber darauf hin, dass dies seine private Meinung sei – und keine Einschätzung der Deutschen Burschenschaft ist.

Auch Torben Braga war in Eisenach dabei. Er amtierte früher auch als Sprecher des umstrittenen Verbands. Heute führt eine direkte Verbindung der Deutschen Burschenschaft zur AfD-Landtagsfraktion und Björn Höcke. Braga arbeitet als sein Assistent und ist Pressesprecher der Landespartei.

Wie es aktuell um die Deutsche Burschenschaft steht, dazu sagt Philip Stein am Wochenende eher wenig. Dabei kämpft der Dachverband seit Jahren mit Austritten. Von etwas mehr als 120 Mitgliedsbünde soll knapp die Hälfte gegangen sein, darunter waren auch die Verbindungen aus Jena.

Stein will lieber von einer Neujustierung sprechen und davon, dass er sicher sei, dass der eine oder andere Mitgliedsbund wieder zurück kehren werde. Auffällig in Eisenach ist jedoch, dass geschätzt die Hälfte der angereisten Burschenschafter aus Österreich kommen.

Er sehe derzeit keine Rückkehroption, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Stefan Gruhner. Er ist ein „Alter Herr“ in der Jenaer Burschenschaft Teutonia. Die revanchistischen und teils rechtsextremen Tendenzen in der Deutschen Burschenschaft hätten vor einigen Jahren zum Austritt der Teutonia geführt, sagt Gruhner, der auch die Junge Union im Land führt.

Auslöser für den Austritt sei am Ende die Ablehnung durch die DB für eine Ehrung der Hitler-Attentäter vom 20. Juni 1944 gewesen. Gruhner schätzt die Teutonia als eine eher liberal ausgerichtete Burschenschaft ein.

Ganz allgemein, sagt er, sehe er in einer Burschenschaft eine Gruppe patriotisch Gleichgesinnter. Eine Mitgliedschaft habe aber auch ganz pragmatische Gründe. So könne beispielsweise gemeinsam studiert werden. Auch böten Verbindungen mit ihren Vereinshäusern Lösungen für die angespannte Wohnsituation an den Studienorten. Die Netzwerke der Burschenschaften würden aber überschätzt, meint er.

Das Treffen in Eisenach endete am Sonntag mit einem Frühschoppen. Bier floss in den drei Tagen reichlich. Männer in den Farben ihrer Bünde und einem Bierglas in der Hand gehörten am Wochenende zum allgegenwärtigen Anblick auf der Göpels­kuppe.

Wartburgfest vom 18. Oktober 1817

  • Am 18. Oktober 1817 trafen sich auf der Wartburg etwa 500 Studenten und einige Professoren aus Anlass des 300. Jahrestags der Reformation sowie des vierten Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig.
  • Es war ein Protest gegen die reaktionäre Politik und Kleinstaaterei verbunden mit der Forderung nach einem Nationalstaat. Die Wartburg galt als Zufluchtsort Martin Luthers als Nationalsymbol.
  • Eingeladen hatten Urburschenschaftler der Universitäten in Jena und Halle. In Jena gründete sich 1815 die Urburschenschaft, mit dem Ziel, die deutsche Einheit vorzuleben und so die bis dahin existierenden traditionellen Landsmannschaften an der Universität abzulösen.
  • Die Wartburg als Ort des Treffens war auch wegen ihrer Nähe zu Jena und der teils liberalen Einstellung von Großherzog Karl August gewählt worden.
  • Unter dem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“ wurden im Rittersaal der Burg Reden gehalten, die auch erste vage Vorstellungen einer deutschen Einheit skizzierten.
  • Damit kann das Wartburgfest 1817 als erste nationale Kundgebung Deutschlands aufgefasst werden.

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