Und ewig grüßt das Jonastal: Die Geschichten dazu füllen Bücher

Arnstadt (Ilm-Kreis). Der Arnstädter Eberhardt Pfeiffer hat in Archiven gewühlt und versucht, den gesicherten Wissenstand zum Jonastal (und Umgebung) zu ergründen und aufzuschreiben.

Im Jahr 2015 gab es einen Sternmarsch zur Gedenkstätte im Jonastal im Zeichen der Erinnerung an die Todesmärsche der Häftlinge im Außenkommando S III des Konzentrationslagers Buchenwald. Mit dabei war Petro Mischtschuk aus der Ukraine (in der damaligen Häftlingskleidung), der im Jonastal schuftete. Archiv-Foto: Hans-Peter Stadermann

Im Jahr 2015 gab es einen Sternmarsch zur Gedenkstätte im Jonastal im Zeichen der Erinnerung an die Todesmärsche der Häftlinge im Außenkommando S III des Konzentrationslagers Buchenwald. Mit dabei war Petro Mischtschuk aus der Ukraine (in der damaligen Häftlingskleidung), der im Jonastal schuftete. Archiv-Foto: Hans-Peter Stadermann

Foto: zgt

Als kürzlich ein paar Heimatforscher mit der Nachricht aufwarteten, in einem Hohlraum unter dem Jonastal könnten noch ein paar deutsche Atombomben aus dem zweiten Weltkrieg herumliegen, gab es zwar ein paar bemühte Dementis, aber so richtig regte sich keiner auf.

Man hat sich schon gewöhnt an solche Meldungen aus der Region zwischen Ohrdruf, Crawinkel und Arnstadt, für die sich der Begriff “Jonastal“ eingebürgert hat. Denn die Stollen, die in den letzten Kriegsmonaten in die Muschelkalkhänge des Jonastals getrieben wurden, kann man heute noch sehen, während vieles andere verschwunden oder verborgen ist.

Geschichten darüber, was sich zum Ende des Zweiten Weltkrieges hier zugetragen haben könnte, füllen zahlreiche Bücher. Die guten erkennt man am eher leisen und zurückhaltenden Ton, die schlechten sind laut und selbstbewusst und enden oft mit dem Versprechen, die endgültigen Beweise für die verkündete Sensation würden im nächsten Buch präsentiert.

Gekauft werden sie trotzdem. Viele Behauptungen beziehen sich auf Aussagen von Zeugen, die dummerweise vor der Veröffentlichung verstorben sind. Andere Mutmaßungen fußen auf Messungen, die sich kaum überprüfen lassen, weil die genauen Daten nicht preisgegeben werden. Und manches ist schlicht gefälscht. Das Jonastal regt die Fantasie an und übt eine magische Anziehungskraft auf alle aus, die Geheimnisse lieben.

Die schlechten Bücher enden mit Versprechen

Denn das Gelände wurde von offiziellen Stellen nie systematisch untersucht. Die alten Akten darüber sind zum Teil schwer oder auch gar nicht zugänglich. Und das, was man mittlerweile über die Aktivitäten der Nazis in der Region um den Truppenübungsplatz Ohrdruf weiß, ist spannend genug, um weiteren Spekulationen einen fruchtbaren Boden zu bieten:

Da muss doch einfach noch mehr sein. Dass es überhaupt gesicherte Erkenntnisse über die Vorgänge in der Region gibt, ist hauptsächlich engagierten und seriösen Heimatforschern zu verdanken. Als Diskussionsplattform dient dabei die 2001 gegründete “Geschichts- und Technologiegesellschaft Großraum Jonastal“, die mit dem Aufbau eines Dokumentationszentrums, regelmäßigen Veranstaltungen und Veröffentlichungen nicht nur wichtige Forschungsergebnisse zugänglich gemacht hat, sondern auch entscheidend zur Versachlichung der Debatten beitragen konnte.

Gerade das Dokumentationszentrum, dass sich heute im alten Arnstädter Bahnbetriebswerk (am Lokschuppen) befindet, bietet eine guten und anschaulichen Überblick über das gesicherte Wissen. Und das ist eine ganze Menge. Die Zusammenstellung ist unvollständig, aber reicht schon, um sich auszumalen, was die Nazis noch alles in der Gegend geplant haben könnten – oder vielleicht heimlich schon realisiert haben.

Russen und Amerikaner haben viel mitgenommen

Hinzu kommt: Nach Kriegsende waren erst die Amerikaner hier und dann die Russen. Was haben sie damals vorgefunden? Was haben sie mitgenommen? Und warum sind die meisten Akten darüber nicht auffindbar? Man muss nicht Anhänger der Verschwörungstheorie sein, dass alle Beteiligten bis heute unter einer Decke stecken, um solch Fragen legitim zu finden.

Und sich zu wundern, dass außer der Gedenkstätte Buchenwald offenbar keine deutsche Behörde oder Forschungseinrichtung den Versuch unternommen hat, die offenen Fragen aufzuklären. Das ist auch einer der Gründe, warum sich das Gerücht von den “gesperrten Akten“ der Amerikaner bis heute gehalten hat:

Es hat noch niemand richtig gesucht. Tatsächlich sind zumindest in den USA offenbar keine Akten mehr gesperrt, aber es gibt auch keine zentrale Stelle, wo man alles über das Jonastal erfahren könnte. Es bedürfte eines hohen Aufwands, alle möglichen Archive nach Informationen zu durchforsten.

Aber dazu gab es bisher kein groß angelegtes wissenschaftliches Forschungsprojekt - warum auch immer. Das historisch hochinteressante Feld wird nach wie vor fast ausschließlich Hobbyforschern überlassen.

Mit dem zweifelhaften Ergebnis, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Graswurzelarbeit der vielen seriösen und um Wahrheitsfindung bemühten Jonastal-Enthusiasten kaum eine Rolle spielt.

Dagegen findet eine Suche bei Google von “Jonastal“ und “Atombombe“ über 5000 Einträge, obwohl es für eine Beziehung zwischen beiden Begriffen keine belastbaren Beweise gibt. Die These, die Nazis hätten entgegen der offiziellen Geschichtsschreibung doch über funktionsfähige Atombomben verfügt, geistert seit langem nicht nur durch die Jonastal-Literatur.

Die Grundlagen der Technologie wurden in Deutschland entdeckt und Versuche, sie für Kriegszwecke nutzbar zu machen, sind nachgewiesen. Wie weit die Nazis dabei kamen, ist strittig. Man kann jedoch sicher sagen: Zum Glück kamen sie nicht weit genug, um die Bombe einsetzen zu können - obwohl sie für diese Projekte Tausende von Menschenleben opferten.

Die entsprechenden Anlagen in ganz Deutschland wurden von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern errichtet. Und die Bedingungen waren überall genau so unmenschlich wie im Jonastal. Dieser Aspekt wird bei der Suche nach “Hitlers Bombe“ leider oft ausgeblendet.

Auch die Tatsache, dass die Entwicklung der Nukleartechnik auf große Physiker wie Albert Einstein oder Lise Meitner zurückgeht, die so gar nicht den Rassenidealen der Nationalsozialisten entsprachen und wahrscheinlich im Konzentrationslager gelandet wären, hätten sie Deutschland nicht rechtzeitig verlassen.

Es wird wohl weiter nach der deutschen Atombombe gesucht werden, auch im Jonastal. Die jüngste Geschichte von den Bomben, die noch irgendwo im Tal im Boden lagern, wird jetzt durch weitere amtliche Messungen überprüft. Es ist gut, dass auch solche Geschichten von den Behörden endlich ernst genommen werden, auch wenn sie zunächst verrückt erscheinen.

Man sollte nicht über jedes Stöckchen von Verschwörungstheoretikern springen, aber ihnen nicht die Deutungshoheit über die Geschichte überlassen. Deshalb machen die Heimatforscher um den “Jonastalverein“ in aller Stille weiter, bereiten die nächsten Publikationen vor und pflegen den Geschichts- und Naturlehrpfad im Tal.

Es lohnt sich, die Ergebnisse ihrer Forschungen im Dokumentationszentrum in Arnstadt anzuschauen. Denn das, was der Region an Geheimnissen abgerungen wurde, ist spannend genug.

Rüstungsbetriebe

Im Verlauf des Krieges wurden fast alle Betriebe in Deutschland für die Produktion kriegswichtiger Güter umgerüstet. Um die Jonastal-Region gab es Firmen, die bei der Rüstungsproduktion eine besondere Rolle spielten. Darunter waren neben der Waggonfabrik Gotha auch die Mitteldeutschen Werke und die Firmen Polte Metawerk und Siemens im Raum Arnstadt. Dort wurden unter anderem Flugzeug- und Raketenteile hergestellt.

Was sicher ist

Der Truppenübungsplatz

Die “Ohrdrufer Platte“, eine Hochebene zwischen Crawinkel im Süden, Arnstadt im Norden, Ohrdruf im Westen und dem Jonastal im Osten, ist der geografische Mittelpunkt aller Geschichten, um das Jonastal. Seit 1906 befindet sich dort ein Truppenübungsplatz (TÜP), das Gelände war seitdem für die Öffentlichkeit nie zugänglich. Wichtige Bauvorhaben der Nazis waren rings um den TÜP angeordnet: Zwei große Nachrichtenämter, die Stollen im Jonastal, die Munitionsanstalt Crawinkel. Das lässt Raum für Spekulationen, ob diese Bauwerke unterirdisch verbunden waren und sich unter dem TÜP etwas Großes, aber bisher Unbekanntes befand. Nachgewiesen wurde aber bisher nichts.

Die Nachrichtenämter

Die größte (und fertiggestellte) Telefonvermittlungszentrale war das Amt 10, eine zweistöckige unterirdische Anlage auf der Ohrdrufer Seite des Truppenübungsplatzes. Sie wurde nach dem Krieg zugesprengt.

“Amt 800“ am Eulenberg zwischen Arnstadt und Bittstädt sollte ebenfalls eine zweistöckige unterirdische Vermittlungszentrale werden, der Bau wurden nach einem Wassereinbruch eingestellt. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die abgesoffene Baustelle nur Tarnung für weitere unterirdische Arbeiten gewesen sein könnten – Beweise gibt es bisher nicht.

Die “Muna“ bei Crawinkel

Bei Crawinkel wurde ab 1934/35 eine Anlage für Luftmunition und Bomben eingerichtet. Etwa 100 unterirdische Bunker mit eigenem Gleisanschluss entstanden in Nähe des Truppenübungsplatzes. Doch Ende 1944, als die SS den Truppenübungsplatz übernahm, wurde die “Muna“ zum Konzentrationslager. Tausende Häftlinge wurden in den Bombensilos unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht und mussten an den Bauprojekten der Umgebung und im Jonastal arbeiten.

Das Konzentrationslager

Insgesamt gab es ab 1944 drei Konzentrationslager um den Truppenübungsplatz: In Ohrdruf, Crawinkel und Espenfeld. Nach den Unterlagen der Gedenkstätte Buchenwald wurden bis zum Kriegsende 20 217 Häftlinge in diese Lager gebracht. Sie mussten unter unmenschlichen Bedingungen an den Bauvorhaben der Nazis in der Region arbeiten. Obwohl es in den vergangenen Jahren intensive Forschungen dazu gab, liegen genaue Zahlen über die Todesopfer nicht vor. Aber es waren Tausende, die für die wahnwitzigen Projekte der Nazis ihr Leben lassen mussten.

Salonwagen von Compiègne

Der geschichtsträchtige Eisenbahnwaggon, in dem 1918 Deutschland und 1940 Frankreich ihre jeweilige Niederlage durch Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens dokumentieren mussten, wurde von den Nazis 1945 nach Thüringen gebracht und stand bei seiner Zerstörung zum Kriegsende bei Crawinkel. Das deutet auf eine herausragende Bedeutung der Region für die NS-Führung hin.

Die Stollen im Jonastal

Im November 1944 wurde damit begonnen, mit großem Aufwand etwa 25 Stollen vom Jonastal aus in die Muschelkalkfelsen zu treiben. Es gibt bisher keinen Beweis, dass diese Anlage ein Ausweich-Führerhauptquartier oder eine andere wichtige Kommandostelle der Nazis werden sollte, aber viele Indizien und Zeugenaussagen sprechen dafür. Wegen der Lage und der Zugänge der Stollen ist eine geplante Nutzung als Produktionsanlage für Raketen oder andere “Wunderwaffen“ ziemlich sicher auszuschließen.

Das Flugzeug Horten Go 229

Die Gothaer Waggonfabrik war der geplante Produktionsstandort eines weitgehend für Radaranlagen unsichtbaren Nurflüglers, dessen Erstflug im Februar 1945 bei Gotha stattfand. Zur Serienproduktion kam es nicht mehr.

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