Unverständnis in Thüringen: Belgisches Parlament stimmt für Sterbehilfe für kranke Kinder

In Thüringen stößt die Entscheidung des belgischen Parlaments zur Sterbehilfe für Kinder auf Ablehnung und Unverständnis.

Rund 100 Bilder steuerten Prominente zu einer Ausstellung für das Kinderhospiz "Löwenherz" in Niedersachsen bei. Foto: Ingo Wagner/dpa

Rund 100 Bilder steuerten Prominente zu einer Ausstellung für das Kinderhospiz "Löwenherz" in Niedersachsen bei. Foto: Ingo Wagner/dpa

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Ein schmerzhafteres Thema ist kaum vorstellbar. Sterbehilfe für unheilbar kranke Kinder.

Darf man überhaupt eine solche Frage stellen?

Im belgischen Parlament wurde sie gestellt und die Mehrheit der Abgeordneten stimmte mit ja. Künftig soll sie in dem Land erlaubt sein. Legal. Demokratisch beschlossen. Rechtlich sanktioniert.

Eine Entscheidung, die erschaudern lässt, sagt Klaus-Dieter Heber. Er ist Vorstandsvorsitzender des Vereins "Kinderhospiz Mitteldeutschland Nordhausen". Seine Meinung ist klar: Eine Legalisierung der Kindersterbehilfe könne man nur verurteilen. "Wenn einem Kind aufgrund einer unheilbaren Erkrankung keine Zukunft gegeben ist, so dürfen wir ihm nicht auch noch das Recht auf ein kinderwürdiges Sterben verwehren. Das ist das Mindeste, was wir als Gesellschaft leisten müssen", so seine Entgegnung.

Klaus-Dieter Heber weiß, wovon er spricht. Er gehört zu den Menschen, die sich stark gemacht haben dafür, dass in Tambach-Dietharz ein Hospiz für Kinder und Jugendliche eröffnet werden konnte. Mehr als 230 Familien konnten dort seit der Eröffnung 2011 Hilfe finden.

Noch nie hat er erlebt, dass ein todkrankes Kind den Wunsch zu sterben geäußert hat. Aber er hat immer wieder erlebt, wie das Eingehen auf seine Bedürfnisse es entspannt hat. Erleichtert.

Man könnte auch von einem Mut zum Weiterleben sprechen.

Eine Befreiung von Schmerzen, sagt er, sei das Wichtigste. Dann könne man den Kindern anbieten, was ihrem Körper wohltut.

Für Kinder, die ein jahrelanges körperliches Märtyrium durchmachen, sind Gefühle körperlichen Wohlbefindens unendlich kostbare Momente.

Kinderhospiz ist auf Spenden angewiesen

Und genauso wichtig ist die Familie, die Nähe vertrauter Menschen. Die aber stark sein müssen. Denn wie sollen sie ihrem todkranken Kind beistehen, wenn sie selber nicht wissen, wohin mit ihrem Schmerz und der Angst? Auch für diesen Beistand ist das Hospiz da.

Eigentlich müsste klar sein, dass die Gesellschaft Familien in einer solchen Situation jede Hilfe gibt, die sie kann. Doch Klaus-Dieter Heber verweist auf das Gegenteil. Eine gesetzlich geregelte angemessene Finanzierung einer solchen Hilfe gibt es in Deutschland nicht. "Weit mehr als 70 Prozent der Kosten müssen die Träger von Kinder-und Jugendhospizen aus Spenden aufbringen", weiß er.

Wie unendlich wertvoll die Hilfe ist, die Kranke und ihre Familien in einem Hospiz erhalten, wissen auch die Thüringer Malteser. In Erfurt, Arnstadt und im Unstrut-Hainich-Kreis betreuen sie Hospizgruppen. "Jedes Leben ist zu jedem Zeitpunkt lebenswert. Und Sterben ist ein Teil des Lebens. Es ist ein Irrweg, ein Kind, egal wie krank es ist, seine Eltern und Ärzte vor die Entscheidung zu stellen, sein Leben selbst zu beenden", sagt der Landesleiter Winfried Weinrich. Über die Entscheidung in Belgien zeigt er sich bestürzt. "Wir müssen uns im Zusammenhang mit aktiver Sterbehilfe die Frage gefallen lassen: Was ist uns ein kranker Mensch wert?"

Palliativmedizin muss ausgebaut werden

Einhellig ist auch die Haltung der Kirchen in Thüringen zur Entscheidung in Belgien.

Sie könne nur erahnen, wie groß der eigene Schmerz und das Mitgefühl für die Eltern ist und wie groß der Wunsch, dem Kind seinen Leidensweg so erträglich wie nur möglich zu gestalten, sagt Landesbischöfin Ilse Junkermann. "Dass dies durch aktive Sterbehilfe geschehen kann, halte ich allerdings für den falschen und nicht angemessenen Weg." Auch sie plädiert für einen Ausbau der Hilfen für Betroffene und ihre Familien. "Statt die aktive Sterbehilfe zu erlauben, ist es nötig und überfällig, die hospizliche und palliative Versorgung lückenlos auszubauen. Dafür braucht es dringend einen gesetzlich verankerten Rechtsanspruch", fordert Ilse Junkermann.

Für einen Ausbau der Palliativmedizin setzt sich auch Weihbischof und Diözesan-Administrator Reinhard Hauke ein. Er verweist auf die grundsätzliche Ablehnung von aktiver Sterbehilfe durch die katholische Kirche. "Dennoch ist der Wunsch eines unheilbar kranken Kindes oder Jugendlichen, sterben zu wollen, ernst zu nehmen. Palliativmediziner raten allerdings dazu herauszufinden, was einen solchen Wunsch tatsächlich hervorbringt. Es können Schmerzen oder die Angst vor Einsamkeit sein, oder der Wunsch des Kindes, die Eltern nicht mitleiden zu lassen oder ihnen nicht zur Last zu fallen", gibt Weihbischof Reinhard Hauke zu bedenken.

In all diesen Fällen gebe es durch Schmerztherapie und menschliche Zuwendung andere, bessere Lösungen als die Sterbehilfe.

Die Legalisierung der Sterbehilfe für Kinder, sagt er, schafft dagegen keinen humaneren Umgang mit Krankheit, Leiden, Sterben und Tod.

Belgien steuert auf Sterbehilfe für Kinder zu

  • In Belgien hat das Parlament als zweites EU-Land nach den Niederlanden für das Recht von Kindern und Jugendlichen auf aktive Sterbehilfe gestimmt.
  • Dabei plant Belgien - anders als das Nachbarland Niederlande - keine Altersgrenze für die Betroffenen. In den Niederlanden gilt das Recht erst für Jugendliche ab zwölf Jahren.
  • In Belgien sollen Minderjährige dieses Recht nur erhalten, wenn sie schwerstkrank sind und Ärzte ihnen unerträgliches Leid bescheinigen.
  • Ein Psychologe müsste bezeugen, dass der Patient urteilsfähig und in der Lage ist, die Entscheidung zum Sterben zu fassen.
  • Zudem müssten die Eltern zustimmen, dass ihr Kind Sterbehilfe erhält.
  • Nachdem die belgischen Abgeordneten am 13. Februar dieses Jahres der Ausweitung der Sterbehilfe auf Minderjährige ohne Altersbegrenzung zugestimmt haben, muss nun nur noch der belgische König Philippe das Gesetz unterzeichnen.
  • Belgien gilt bei der Sterbehilfe als einer der Pioniere in Europa: Bereits im Jahr 2002 wurde die aktive Sterbehilfe für Erwachsene dort legalisiert.

Palliativmediziner Winfried Meißner über Sterbehilfe für Kinder

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