Viele Tode und kaum Nachwuchs: Dem Uhu geht es in Thüringen immer schlechter

Forscher Martin Görner aus Jena fordert: Der Uhu muss zurück auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

Artenschützer Martin Görner (links) und Karsten Schmidt entlassen das genesene Uhu-Weibchen in die Freiheit. Der Vogel hatte sich bei der Jagd auf einen Igel verletzt und wurde im Artenschutzzentrum in Ranis wieder fit gemacht. Uhus sind die größten Eulen der Welt: 75 Zentimeter hoch, Spannweite 1,80 Meter. In der Natur werden Uhus bis 30 Jahre alt.

Artenschützer Martin Görner (links) und Karsten Schmidt entlassen das genesene Uhu-Weibchen in die Freiheit. Der Vogel hatte sich bei der Jagd auf einen Igel verletzt und wurde im Artenschutzzentrum in Ranis wieder fit gemacht. Uhus sind die größten Eulen der Welt: 75 Zentimeter hoch, Spannweite 1,80 Meter. In der Natur werden Uhus bis 30 Jahre alt.

Foto: Frank Schauka

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110 Brutpaare der größten Eule der Welt leben in Thüringen – so viele Uhus wie niemals zuvor. In ganz Deutschland seien es etwa 2750, sagt der Artenschutz-Forscher Martin Görner aus Jena. Trotzdem fordert der Uhu-Experte und Leiter der renommierten Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen im Gespräch mit unserer Zeitung: „Der Uhu muss zurück auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.“

Denn Görners Langzeitprognose sieht düster aus für den Vogel des Jahres 2005: In Thüringen sterben pro Jahr etwa 30 Uhus, aber nur 15 junge kommen hinzu. Wenn sich daran nicht bald ändert, werden 2050 voraussichtlich nur noch 20 Uhus in Thüringen leben, so viele wie 1950.

Das Uhu-Jahr 2018 war besonders schlecht. Von den 14 Jungvögel lebten derzeit noch zehn, berichtet Görner. Seit 1973 hat er fast jeden jungen Uhu in Thüringen beringt: insgesamt mehr als 1200. Er kennt fast jeden Uhu im Land.

Aber jetzt passierte etwas, was selbst Görner überraschte...

Frau Görner ging an diesem Morgen wieder arglos in den Garten. Alles schien wie immer. Dann blickte sie nach rechts. Sie eilte ins Haus, stieß die Tür zur Stube auf, im Sessel saß ihr Mann, er sprach ins Telefon und schaute sie an.

Im Schuppen ganz hinten, dicht an der Wand, da hocke ein Uhu und glotze sie an, rief sie dem Gatten entgegen. „Das war ein Erlebnis. Ich war natürlich erschrocken.“

Bist du sicher?, fragte Martin Görner und drehte seinen Hörer ein wenig vom Ohr.

Selbstverständlich, bemerkte Gattin Brigitte, sie habe schon einige Uhus bei ihm gesehen im Laufe der letzten Jahrzehnte.

Dieser Hinweis ließ Görner das Telefongespräch beenden. Immerhin hat der Artenschutzforscher aus Jena in den vergangenen 45 Jahren fast alle jungen Uhus in Thüringen beringt. Das sind mehr als 1200.

Aber noch nie hatte ein Uhu den führenden Uhu-Experten des Landes zu Hause aufgesucht. „Das erschien mir auch nicht sehr wahrscheinlich“, sagt Görner. Trotzdem ging er in den Garten, den er Stunden zuvor schon einmal inspiziert hatte, weil, was ungewöhnlich war, zehn bis 15 Krähen im Walnussbaum des Nachbarn wie von Sinnen schrien. „Ich habe noch gedacht, die krächzen, als wenn hier ein Uhu wäre“, erinnert sich Görner. Aber er entdeckte keinen im Baum. „Ich habe den Gedanken dann gleich wieder weggetan.“

Jetzt aber sah Görner den Vogel im Schuppen in der hintersten Ecke. „Völlig Uhu-untypisch“, sagt er. „Das zeigte sein großes Schutzbedürfnis.“ Die größte Eule der Welt, die Bussarde und Rotmilane mit drei Zentimeter langen Krallen durchbohrt und davonträgt, saß da verletzt und hatte Angst vor Krähen, die Uhus hassen.

Der tote Igel auf dem Flachdach des Nachbarn, über den Görner sich bereits gewundert hatte, bekam plötzlich Sinn. „Der Uhu hat sich wahrscheinlich bei der Jagd auf den Igel in einem der Gärten verletzt und die Beute fallen lassen“, sagt Görner. „Aber das ist natürlich eine Vermutung.“

Wenn ein Uhu in den Gärten einer Stadt wie Jena Igel jagt, ist das kein gutes Zeichen. Es belegt, wie schlecht es um ihn steht. „Uhus finden in der offenen Landschaft in Thüringen kaum mehr etwas zu fressen.“ Hamster und Kaninchen, einst ihre Leib- und Magenspeise, sind so gut wie verschwunden.

„In den vergangenen Jahrzehnten habe ich keinen Uhu in Thüringen mit Normalgewicht gewogen“, sagt Görner. Auch der 26 Jahre alte Kerl, der älteste Wild-Uhu Deutschlands, der vor zwei Jahren in Rudolstadt in einen Draht flog und starb, wog lächerliche 1100 Gramm – knapp zwei Kilo wären wohlgenährt gewesen.

Dem Uhu im Schuppen ging es nicht gut. Görner holte die Decke, „meine berühmte Decke“, sagt er, die immer griffbereit liegt, und warf sie dem Vogel über den Kopf. So kann der Uhu nicht mehr mit dem Schnabel hacken, gefährlich bleibt er trotzdem.

In einer ähnlichen Situation, schon länger her, war sich Görner zu sicher. Die Uhu-Kralle schoss durch seine Hand, hinten wieder raus. „Das war’s dann“, sagt Görner. „Der Uhu lässt nicht mehr los.“ Ohne fremde Hilfe, ohne Werkzeug wird ein Uhu auf der Hand mit der Zeit lästig. Irgendwann schwinden vor Schmerz auch die Sinne.

Eine halbe Stunde brauchte Görner damals, um seine Hand der Kralle zu entwinden. „Ich hatte ein Loch in der Hand, durch das ich gucken konnte. Dann sagt man sich: So was passiert dir nicht wieder.“

Handschuhe? „Ich trage keine Handschuhe“, sagt Görner. „Sie implizieren eine Sicherheit, die es nicht gibt. Es gibt keinen Handschuh, durch den der Uhu nicht durchgreifen könnte.“

Das Schuppen-Tier, das sich als acht bis zehn Jahre altes Uhu-Weibchen erwies, transportierte der Forst-Ingenieur Görner nach Ranis in das Artenschutzzentrum der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen, die er seit vielen Jahren leitet.

Dort wurde der Vogel versorgt und gefüttert. „Mit Küken, die alle paar Wochen tiefgefroren angeliefert werden“, sagt Görner. „In der Zeit in Ranis hat der Uhu für etwa 120 Euro Küken gefressen. Wir haben sie natürlich immer auftauen lassen.“

Die Mahd einer Wiese tötet 80 Prozent der Tiere

Bei guten Kräften war das Weibchen, als es in seinem Revier wieder freigelassen wurde. „Was der Uhu sofort wieder sieht, ist diese Landschaft. Die hat er verinnerlicht. Er erkennt sofort, wo er ist, und findet sich zurecht.“

Ob das Männchen gewartet hat oder nun mit einem anderen Weibchen zusammenhockt, muss sich zeigen. „Auf jeden Fall“, sagt Görner, „werden die Karten jetzt wieder neu gemischt, weil das Weibchen zurück im Revier ist.“

Spätestens im November, mit Beginn der Intimbalz, wird man wissen, ob das Männchen sich noch in der Gegend aufhält. Dann müsste es den Platz aussuchen, wo das Weibchen brüten soll. Vielleicht gibt nächstes Jahr Nachwuchs. 2018 gab es keinen einzigen Jung-Uhu in Jena.

Üppig Nahrung finden Uhus in Deutschland momentan nur in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. An der Küste gibt es Wiesen und Sandböden und da fühlen sich Kaninchen wohl. An Rhein und Ruhr in NRW sind Wanderratten stark vertreten. Also fressen Uhus dort sehr viele Ratten.

Sonst sieht es in Deutschland dürftig aus. Hauptursache für die schwindende Vitalität der Vögel sind die modernen Agrarstrukturen mit ihren Monokulturen. „Der starke Rückgang vieler Arten ist eindeutig mit der Intensivierung der Landwirtschaft zu erklären“, sagt Christoph Unger, Vorsitzender des Vereins Thüringer Ornithologen.

Auf den Feldern steht das Korn meistens so dicht, dass sich in Bodennähe die Nässe hält und ein Mikroklima erzeugt, in dem viele Arten nicht leben können. Die Agrar-Förderpolitik der EU hat auch nach Ansicht des Naturschutzbunds BUND dazu geführt, dass heute fast jeder Quadratmeter intensiv beackert wird. Unbewirtschaftete Flächen, die für die Tiere überlebenswichtig sind, gibt es fast nicht mehr.

Brennt ein Wald, sieht man, was passiert. Tiere flüchten, und wer zu langsam ist, der stirbt. Dabei bedeutet die Mahd einer Wiesen vermutlich ein noch größeres Unglück für Tiere – nur fällt das kaum auf. „80 Prozent der zoologischen Biomasse werden durch die Mahd vernichtet“, sagt Ornithologe Unger. Zoologische Biomasse? Insekten, Mäuse, junge Vögel, auch größere Tiere, die sich verstecken.

Dem Uhu kommt die Beute abhanden. Entsprechend größer muss das Jagdrevier werden. Früher maß es in Thüringen zwölf Quadratkilometer, heute sind 250 Quadratkilometer.

Trotzdem leben in Thüringen zurzeit mehr Uhus als jemals zuvor: 110 Brutpaare, dazu einzelne Vögel, insgesamt gut 300 Tiere. 1950 lebten in Thüringen 20. Im Jahr 2015 hockten sogar 75 junge Uhus in den Horsten. Thüringen-Rekord!

Aber auf die Hoffnung folgten drei schlechte Jahre. Das Uhu-Jahr 2018 ist sogar zum Gruseln.

„Der Uhu“, sagt Görner, „erlebt die Veränderungen schneller als der Mensch. Anhand des Uhus lässt sich nachweisen, dass es der Natur noch schlechter geht, als man denkt.“

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