Vier Kandidaten für einen Intendanten-Stuhl beim MDR

Nach 20 bewegten Jahren verlässt Udo Reiter den MDR in einer stürmischen Zeit, über mögliche Nachfolger berät am Montag der Verwaltungsrat. Die Zeit drängt, doch ob der neue Intendant des krisengeschüttelten Senders tatsächlich am 26. September gewählt wird, bleibt fraglich

Udo Reiter hatte im Mai angekündigt, sich noch in diesem Jahr von seinem Intendanten-Posten zurückzuziehen. Foto: MDR

Udo Reiter hatte im Mai angekündigt, sich noch in diesem Jahr von seinem Intendanten-Posten zurückzuziehen. Foto: MDR

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Erfurt. Wagen wir einen Blick in die Zukunft.

Wir schreiben den 26. September 2011. Die eilige Pressemitteilung verkündet ein Ergebnis, das an stolzer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: Mit 90 Prozent der Stimmen hat der Rundfunkrat des MDR den neuen Intendanten gewählt. Es ist der zuvor einstimmig vom Verwaltungsrat vorgeschlagene Kandidat.

Ach, es könnte alles so schön sein im Reich der Quotenkönige. Ist es aber nicht. 100 Prozent im Verwaltungsrat und fast 90 Prozent im Rundfunkrat, das schaffte Udo Reiter 2008 bei seiner Wiederwahl als Intendant. Heute wären sie in Leipzig froh, wenn es am 26. September 2011 im dritten Wahlgang klappen würde, irgendwie und mit welchem Kandidaten auch immer. Denn der MDR erlebt, die abenteuerliche Gründerzeit nicht gerechnet, sein schwierigstes Jahr.

Skandale mit Serien-Potenzial, wahlweise Krimi, Drama, Dramödie, Posse. Dazu heftiges Chefsessel-Gerangel. Gäbe es Quoten für Negativ-Schlagzeilen, der Sender läge momentan uneinholbar vorn.

"Hat der MDR vielleicht eine Anlage zur Korruption in seiner DNA?" fragt "Die Zeit" aus Hamburg. "Lag es an der Mischung aus DDR-Altlasten und Kräften, die Intendanten im Westen vielleicht bewusst zum Aufbau Ost abschoben?"

Es ist in der Tat einiges aus dem Ruder gelaufen beim MDR, der es doch mit seliger Volkstümlichkeit und manch ostalgischem Rauschen geschafft hat, das erfolgreichste dritte Programm zu werden.

Beim Kinderkanal, für den der MDR verantwortlich zeichnet, gab es die Acht-Millionen-Gaunerei des zockenden Herstellungsleiters, den größten Betrug überhaupt in einer deutschen Fernsehanstalt.

Dann kam die Suspendierung des MDR-Unterhaltungschefs Udo Foht, dem Amtsmissbrauch vorgeworfen wird. Auch hier ist kein Ende in Sicht. Und weil, wie ein berühmter Dichter aus dem Sendegebiet einst schrieb, alle Erinnerung Gegenwart ist, rückt Nichtvergessenes wieder nah.

Die Stasi-Debatten - auch Foht war IM -, der korrupte Sportchef, die riskanten Finanz-Spekulationen. Sie brachten dem Sender zwar viel Geld ein, doch wäre es anders gelaufen, dann würden wir heute nicht über Udo Reiter reden, weil es ihn schon längst nicht mehr als MDR-Intendant gäbe.

So aber reden wir jetzt über den Mann, der vom ersten MDR-Tag an der Spitze des Senders stand und nun mit 66 zum Jahresende vorzeitig aufhört. Er hat große Verdienste. Das von ihm verantwortete Programm gefällt mehrheitlich dem Publikum, mögen die Kritiker doch spotten.

Das Image des Senders ist beschädigt

Aber es gehört zum Wesen eines Chefs, dass er auch und gerade für die Missstände einstehen muss. Wie der MDR so der Chef: Das Image ist stark angekratzt. Kontrollmechanismen fehlen oder funktionieren mehr schlecht als recht.

Deshalb ist im Gefolge des Kika-Skandals eine unabhängige Kommission, geleitet von einem ehemaligen LKA-Chef, im Haus unterwegs, um den schwerfälligen Apparat auf Fehlstellen zu durchleuchten. Ingmar Weitemeier wird mit Reiter am 31. August dem Rundfunkrat zu Foht Rede und Antwort stehen. Nur darum soll es gehen, heißt es, nicht um die Intendanten-Wahl.

Das wird nicht funktionieren. Die Intendanten-Frage ist immer präsent. Hier geht es um einen medialen Großposten, entsprechend sind hinter den Kulissen die Machtposen der Politik. Auch unter Parteifreunden. Es gibt den Kleinkrieg zwischen den Staatskanzleien in Sachsen und Thüringen, wobei die Erfurter das bemühte Herrschaftsgebaren der Dresdner nervt. Auch ein Gutachten, auf dessen Basis man die Intendanten-Stelle nicht ausschrieb, wird den Sachsen zugerechnet.

Diese möchten gern den Leipziger LVZ-Chefredakteur Bernd Hilder installiert sehen. Der gelte aber in Thüringen und auch in Sachsen-Anhalt als nicht vermittelbar, sagt ein Rundfunkrat unserer Zeitung.

Bessere Chancen hat Karola Wille, als Juristische Direktorin Reiters Stellvertreterin und dessen Favoritin. Eine Frau aus dem Osten und von gutem Ruf. Das passt, auch zu Teilen für Thüringen und Sachsen-Anhalt. Bis die biografischen Störfeuer (aus Dresden?) einsetzten: ihr Ex-Mann ein Militärstaatsanwalt der DDR, ihre Dissertation eine sozialismustreue. Opferverbände protestieren.

Somit steigen auf einmal die Chancen für den MDR-Hörfunkdirektor Johann Michael Möller als kompetenten Kompromiss-Kandidaten. Auch hier ist jedoch ein Rundfunkrat im Gespräch skeptisch. Möller sei eher ungeliebt.

Bleibt noch Thüringens Landesfunkhaus-Chef Werner Dieste. Den hatten bisher nicht sehr viele auf dem Zettel. Das könnte sich durchaus ändern.

Ob sich Allianzen zwischen Erfurt und Magdeburg schmieden lassen? Es geht das Gerücht, der Chef des Rechnungshofes von Sachsen-Anhalt, Ralf Seibicke, solle den im Gefolge des Kika-Skandals verwaisten Stuhl des MDR-Verwaltungsdirektors besetzen. Andererseits gibt es Bewerbungen um dieses Amt in dreistelliger Zahl.

Gesucht: Konsensfähige Intendanten-Kandidaten

Gerd Schuchardt, SPD-Mann und Ex-Kulturminister aus Thüringen, sagt als Vorsitzender des Verwaltungsrates, man suche konsensfähige Intendanten-Kandidaten. Das Gremium tagt heute ab 17 Uhr. Dabei kommen, so Schuchardt, alle Vorschläge auf den Tisch.

Man wolle sich auf "zwei oder drei" Kandidaten einigen und diese zur Vorstellung ihrer Konzepte einladen. Für die mögliche Vorentscheidung und die endgültige Festlegung des Verwaltungsrates auf einen Kandidaten am 5. September bedarf es einer Zweidrittelmehrheit, also fünf von sieben Stimmen. Damit sodann der 43-köpfig Rundfunkrat am 26. September weißen Rauch aufsteigen lassen kann. Auch das geht nur auf mindestens Zweidrittelbasis.

Und wenn nicht? Der Zeitdruck ist hoch. Zu hoch? Wird es am späten Ende sogar einer, den man jetzt noch gar nicht auf der Rechnung hat?

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wir schreiben den 26. September und sagen: Alles ist möglich, keine Entscheidung wahrscheinlich.

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