Vogelsberger und Gäste erinnern an Abschuss amerikanischer Militärmaschine

Vogelsberg. Am 28. Januar 2014 war es 50 Jahre her, dass bei Vogelsberg im Landkreis Sömmerda eine amerikanische Militärmaschine von sowjetischen Jägern abgeschossen wurde. Drei Soldaten starben dabei. Am Sonntag ist am Hügel sowie im Bürgerhaus des Ortes eine Feierstunde geplant. Auch Angehörige der Verstorbenen werden erwartet.

Auf dem Bonifatiushügel bei Vogelsberg (Blick über Felder in Richtung Sprötau und Dielsdorf) stehen heute Denkmal und Holzkreuz. Bei feierlichen Anlässen wird auch geflaggt. Foto: Ina Renke

Auf dem Bonifatiushügel bei Vogelsberg (Blick über Felder in Richtung Sprötau und Dielsdorf) stehen heute Denkmal und Holzkreuz. Bei feierlichen Anlässen wird auch geflaggt. Foto: Ina Renke

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Am 28. Januar 1964, einem Dienstag, um 14.01 Uhr startet auf dem Militärflugplatz der US-Air-Force Wiesbaden-Erbenheim ein Militärflugzeug vom Typ North American T-39 A "Sabreliner" zu einem Übungsflug. An Bord der kleinen zweistrahligen, unbewaffneten Maschine waren die Offiziere Oberstleutnant Gerald K. Hannaford, Hauptmann John F. Lorraine und Hauptmann Donald G. Millard. Drei Offiziere mit viel Flugerfahrung.

Bei diesem Flug wurden Hannaford und Millard von Lorraine auf den "Sabreliner" eingewiesen und umgeschult.

Außerdem wollte man das Höhenanflugsverfahren bei Aschaffenburg üben. Der für diesen Flug vorgesehene Luftraum erstreckte sich in einem Radius von ca. 150 km westlich von Frankfurt/ M. bis an die Grenze zu Frankreich.

Um 14.30 Uhr waren die Piloten über Sembach, etwa auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Saarbrücken. Nachdem die Maschine eine große Schleife geflogen hatte, war sie etwas nördlich von Frankfurt vom Kurs abgekommen und flog mit etwa 800 km/h von anfangs Nordost- nun auf Ostkurs - und so direkt auf die Grenze zwischen der BRD und DDR zu. Eine halbe Stunde nach dem Start hatten die Bodenstationen bereits keinen Funkkontakt mehr mit der Maschine.

Ungewöhnlichen Flug erkannte Funkorter sofort

Bereits kurz nach dem Start von der US-Basis hatten die Funkorter der Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR des Funktechnischen Postens (Fu TP-268) Kranichborn bei Sömmerda, im Volksmund "Pulverturm", die Maschine auf dem Schirm. Die Reichweite ihrer Radar- bzw. Funkmessgeräte erlaubte die Beobachtung des Luftverkehrs über der BRD bis fast an die französische Grenze.

Die ungewöhnlichen Flugbewegungen und der Kurs in Richtung DDR blieben den Funkortern nicht verborgen. Er wurde aufmerksam verfolgt.

Bereits vor dem Einflug in die Sicherheitszone Air Defence Identification Zone (ADIZ), die entlang der Grenze auf westdeutscher Seite eingerichtet war, wurden Warnrufe abgesetzt. Insgesamt sind drei Warnrufe vom Control-Radar-Posten (CRP) der US-Air-Force Europe auf der Wasserkuppe/Rhön und sieben von der bundesdeutschen Radarstellung Auenhausen des III. Fernmelderegiments 33 gesendet worden. Alle wurden offensichtlich von der Besatzung, die in 8000 Meter Höhe flog, nicht gehört.

Um 14.50 Uhr überflog die Maschine mit Ostkurs bei Diedorf in der Nähe von Eisenach die Grenze zur DDR.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden Jagdflugzeuge vom Typ MiG-19 vom Diensthabenden System (DHS) der sowjetischen Luftstreitkräfte am Flugplatz Altenburg/Nobitz bereits von der Startbahn abgehoben und jagten mit eingeschaltetem Nachbrenner der Triebwerke und höchster Steiggeschwindigkeit der T-39 A, die bereits weit in den Luftraum der DDR eingeflogen war, entgegen.

Zwei sowjetische Jäger flogen auf Parallelkurs

Äußerst überrascht und auch erschrocken müssen die Amerikaner gewesen sein, als die Jagdflugzeuge mit rotem Stern am Seitenleitwerk auf Parallelkurs dicht neben ihnen auftauchten.

Auf die international gültigen Regeln zur Landeaufforderung reagierten die US-Piloten nicht und so drückte der führende Pilot der MiG-19, Oberleutnant Anatoly Kropotov, auf den Auslöser seiner Kanonen. Mit der ersten Salve wurde eine Tragfläche abgetrennt und der "Sabreliner" trudelte in die Tiefe.

Den Feuerbefehl für den Abschuss erhielten die MiG-Piloten direkt vom Oberkommandierenden der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte (GSSD) aus dem Hauptgefechtsstand in Wünsdorf bei Berlin. Beim Absturz der T-39 A kamen Hannaford, Lorraine und Millard ums Leben, Schleudersitze hatte diese Maschine nicht.

Das Flugzeug schlug in der Nähe von Vogelsberg am Bonifatiushügel auf und brannte aus.

Augenzeugen aus der Gemeinde, die das Geräusch der Bordkanonen hörten und den Absturz beobachteten, eilten zur Aufschlagstelle. Hier brannten und qualmten noch Trümmer.

Kurze Zeit später landete ein sowjetischer Hubschrauber aus Nohra, ein General und Offiziere sprangen heraus. Einer der Offiziere nahm die Kartentasche an sich und untersuchte das Wrack gemeinsam mit den anderen. Zwischenzeitlich waren Sowjetsoldaten per Lkw eingetroffen und sperrten den Absturzbereich weiträumig ab.

In den 20-Uhr-Nachrichten der ARD wurde bereits über diesen Flug und Abschuss der amerikanischen Maschine berichtet.

Gerd Herold aus Vogelsberg hat einige Tage später Fotos vom Trümmerfeld am Bonifatiushügel gemacht. Gemeinsam mit Harry Döring, Gerhard Schulz und anderen Schülern wurden die verbliebenen Trümmer untersucht. Größere Teile waren nach Abschluss der Untersuchungen von den Amerikanern selbst auf Tieflader verladen und abtransportiert worden.

Die toten Besatzungsmitglieder wurden nach Berlin-Tempelhof überführt und von dort nach Wiesbaden-Erbenheim ausgeflogen. Nach einer Trauerfeier auf der US-Basis mit den Angehörigen wurden die Offiziere zurück in die Heimat gebracht.

Harry Döring, Harald Berger und Waldemar Ritter stellten ein Kreuz aus frischem Birkenholz an der Absturzstelle auf. Die Staatssicherheit hat es wieder entfernt, kam aber nie dahinter, wer dieses Zeichen gesetzt hatte.

TA-Veröffentlichung führte zu Freundeskreis

Am 28. Januar 1994, dem 30. Jahrestages des Abschusses der T-39 A, stand ein Beitrag in der "Thüringer Allgemeine", der erstmals über den Vorfall informierte und Berichte von Zeitzeugen vermittelte.

Die Vogelsberger Gerhard Harsch, Gerhard Rothe, Eitel Haase, Manfred Grosch und sein Bruder Dieter Grosch nahmen sich des Themas an und es gründete sich eine Interessengruppe. Alle waren 1964 Augenzeugen beim Absturz. Später gründete sich der Freundeskreis "Fliegerdenkmal". Höhepunkt war die Errichtung eines Gedenksteines, der unter großer öffentlicher Beachtung am 15. August 1998 eingeweiht wurde. Vertreter der US-Botschaft sowie des Hauptquartiers der US-Air-Force Ramstein und viele Bürger aus Vogelsberg und umliegenden Orten waren dabei.

Über die Jahre haben sich freundschaftliche Verbindungen zu Angehörigen der US-Streitkräfte aus Ramstein und gegenseitige Besuche ergeben. Die Bemühungen des Freundeskreises, Kontakt zu den Angehörigen der ums Leben gekommenen Piloten zu bekommen, waren aber viele Jahre erfolglos.

Durch einen glücklichen Umstand und über das Internet ist jedoch im Oktober 2013 eine Verbindung zu den Familien in den USA hergestellt worden. Auf Initiative von Manfred Grosch und Gerhard Harsch hat sich der Freundeskreis, der zwischenzeitlich größer geworden ist, entschlossen, in würdiger Form eine Gedenkfeier mit den amerikanischen Familienangehörigen zum 50. Jahrestag des Abschusses durchzuführen.

Vorbereitet ist bereits, den Gästen noch Sehenswürdigkeiten des Kreises sowie Betriebe und Einrichtungen zu zeigen. Etwas ganz Besonders wird sicherlich der Besuch des ältesten Rathauses Deutschlands in Weißensee sein, auch ist eine Besichtigung des Flugplatzes bei Dermsdorf mit der MiG-Sammlung geplant. Die Sömmerdaer Tafel im Verein Netzwerk Regenbogen zeigt den Gästen, wie hier Menschen geholfen wird, denen es nicht so gut geht.

Das Museum und die Bibliothek in Sömmerda sowie die Städte Erfurt und Weimar stehen auch auf dem Programm. Für alle Mitglieder des Freundeskreises wird dieses Treffen ein Höhepunkt in ihrer bisherigen Tätigkeit zur Erforschung und Aufarbeitung zu diesem Teil der Regionalgeschichte sein.

Dazu gehören auch diese Fakten: Am 10. März 1964, also kurze Zeit später, wurde erneut ein amerikanisches Militärflugzeug bei Gardelegen von sowjetischen Jagdflugzeugen abgeschossen. Die drei Piloten der RB-66 C konnten sich mit dem Schleudersitz retten.

Im gesamten Zeitraum des Bestehens der DDR hatte nur der jeweilige Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland in Wünsdorf bei Berlin, in diesem Fall Armeegeneral Petr K. Kosevoj, das Recht, den Befehl zum Abschluss von Kampfflugzeugen aus nichtsozialistischen Staaten, die in den Luftraum eingeflogen waren, zu geben. Jagdflugzeuge der Luftstreitkräfte der DDR kamen nie zum Einsatz.

Der Pilot, der die T-39 A abschoss, Oberleutnant Anatoly Kropotov, wurde zum Hauptmann befördert und erhielt den Rotbanner-Orden 2. Klasse. Der zweite MiG-Pilot wurde ebenfalls befördert, erhielt den Orden Roter Stern. Marschall der Sowjetunion Jakubowski hatte die Urkunden unterzeichnet.

The Americans are coming

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