Vor 25 Jahren: Wochenend-Einkauf in Thüringen - damals und heute

Erfurt. Die Preise für Lebensmittel gerieten mit dem zweimaligen Wechsel der Währungen auch in Thüringen teilweise gehörig durcheinander.

Vor der Wende Szene in einer Kaufhalle am Erfurter Johannesplatz. Foto: Andreas Mußmann

Vor der Wende Szene in einer Kaufhalle am Erfurter Johannesplatz. Foto: Andreas Mußmann

Foto: zgt

Gefühlt ist in den letzten 25 Jahren in Thüringen alles teurer geworden.

Und in der Realität?

Wir haben uns einfach mal die Mühe gemacht und akribisch die Preise von 14 Lebensmitteln verglichen, die man so für einen kleinen Wochenend-Einkauf in seinen Wagen legt. Und zwar in den drei Jahren 1989, im Juli 1990 und im März 2015.

Die Frage, warum nun gerade 14 statt 15 Lebensmittel einbezogen wurden, ist leicht beantwortet: Bananen gehörten ursprünglich dazu, haben wir aber gestrichen. Die gab es zu DDR-Zeiten kaum und die Preise weiß auch keiner mehr so recht.

Wie auch immer: Nur wenige Tage nach der Währungsunion und der Einführung der harten D-Mark wurde in unserer Zeitung eine erste Tabelle mit Lebensmittelpreisen veröffentlicht, die unseren Lesern den Weg in die neuen Supermärkte öffnen sollten.

Wie gesagt, Wir reden vom aufregenden Juli 1990! Gerade wurden die ersten Preis-Stichproben in Thüringer Supermärkten ermittelt. Sie bilden das Datenmaterial für die zweite Spalte in unserer Preistabelle.

Doch Achtung: Schon eine Woche nach Einführung der Westmark waren die Preise für Butter, Milch, Fleisch, Wurst oder Käse - trotz in etwa gleicher Qualität - höchst unterschiedlich. Also haben wir jeweils den Mittelwert als Basis des Vergleiches genommen, was auch für die aktuellen Preise von dieser Woche gilt. Auch hier konnte man natürlich ein Stück Butter für 99 Cent im Sonderangebot ebenso kaufen, wie die irische Butter für 1,79 Euro.

Da war es zu DDR-Zeiten bekannterweise leichter, da seit den Fünfzigerjahren in etwa die gleichen - meist subventionierten - Preise für Lebensmittel galten. Ein kleines Brötchen kostete eben 5 Pfennige - und basta.

Unser kleiner Preisvergleich zwischen den drei unterschiedlichen Währungen bringt schon Erstaunliches zutage. Wer hätte das gedacht: Ein ganz normaler Einkauf in Thüringen kurz vor der Wende und im Jahre 2015 kostet zahlenmäßig fast das Gleiche.

Preise unterschiedlich schon mit der Westmark

Mit einem Unterschied: Vor der Wende zahlten wir mit Alu-Chips, heute mit dem Euro. Der wiederum wurde von vielen nach dem Aus der harten D Mark zum "Teuro" umgetauft.

Immer wieder jedenfalls kam es zu teils heftigen Preisturbulenzen, wenn es von einer Währung zur nächsten ging. Das war beim Abschied von der DDR-Mark genauso wie zur Einführung des Euro.

Wissen Sie noch, was ein kleines Glas Bier in Erfurt, Gotha oder Nordhausen im Monat der Währungsumstellung von der Ost- auf die Westmark kostete?

Über eine D-Mark wurde für das kühle Blonde in den Gaststätten verlangt, was damals bei manchen Biertrinkern fast schon zu Proteststürmen führte. Der Grund: zu DDR-Zeiten kostete ein Glas Bier selten mehr als 50 Pfennige.

Dieser Betrag war sozusagen in Beton gegossen. Rechnet man die eine D-Mark für das Bierchen aus dem Jahre 1990 nun in Euro um, dann müsste der Gerstensaft heute also etwa über 50 Cent kosten. Das tut er aber nicht, stattdessen müssen im Schnitt fast zwei Euro hingeblättert werden. Der halbe Liter zu vier Euro also - kein Problem in Thüringer Gaststätten. Viel billiger kriegen Sie es kaum noch.

Das gleiche rechnerische Spiel können Sie nun mit allen möglichen und unmöglichen Produkten treiben. Eine Tube Zahnpasta vor 25 Jahren zu 80 Pfennig, heute zu zwei Euro. Kostete ein Becher Joghurt mit der Einführung der D- Mark im Juli 1990 knapp 50 Westpfennige, so können sie heute den gleichen Preis in Euro-Cent ausgeben, was wiederum einer Verdopplung entspräche. Der Liter Benzin kam damals 1,14 DM, heute sind wir bei 1,30 Euro und können noch zufrieden sein.

Denn: Dank Ölpreisverfall war das Tanken selten zuvor so preiswert wie heutzutage. Nur ungern erinnern wir uns nämlich, dass wir auch schon 1,75 Euro für den Liter Super berappen mussten.

Noch ein paar Beispiele aus mehr als 25 Jahren Preissprung gefällig?

Ein Kilo Roggen-Brot kostet 1990 vier D-Mark und heute - umgerechnet - eben etwas mehr. Ein Mittelklasseauto der Marken VW, Opel oder Renault wurde damals für 20.000 DM verkauft - und kostet heute nicht selten 30.000 Euro und mehr. Verlangten die ersten "Italiener" nach der Wende im Schnitt sieben D-Mark für eine Pizza Margarita, so ist heute die gleiche Summe und mehr fällig - in Euro versteht sich.

Dabei wissen wir natürlich spätestens seit der Wende, dass die Preisgestaltung in letzter Instanz dem Händler überlassen ist. Der kauft sein Produkt dem Produzenten ab und jongliert dann eben mit der Handelsspanne. Die wiederum ist extrem unterschiedlich. Kann man als Händler bei Schuhen oder Textilien mal leicht das Doppelte verdienen, sind die Gewinne im Lebensmittelbereich so niedrig, dass das Jammern und Wehklagen der Branche seit Jahren nicht verstummt.

Wie auch immer: Wir Ostdeutschen haben mit den beiden Währungsumstellungen der Jahre 1990 (Ostmark zur Westmark) und 2002 (Westmark zum Euro) zwei ordentliche finanzielle Schockwellen wegzustecken gehabt, wobei uns der "Teuro" sicher am meisten ärgert. Ab und an also gab es in den letzten Jahren heftige Debatten zwischen Verbrauchern, Politikern und Statistikern, ob es denn wirklich stimmt, dass mit dem Euro auch in Thüringen alles viel teurer wurde.

"Ich habe sogar bei der Bundes-Statistik nachgefragt. Vergleiche über einzelne Preise in den letzten 25 Jahren sind gar nicht möglich, weil sie nicht vergleichbar sind", sagt eine Sprecherin des Statistischen Landesamtes. Ein Produkt von damals sei doch nicht mit einem Produkt von heute zu vergleichen, fügt sie hinzu.

"Die Qualität ist doch seitdem sehr viel besser geworden, was eine Vergleichbarkeit unmöglich macht", so die Expertin für Statistik. Lustigerweise erinnert eben dieses Argument "höherer Gebrauchswerte" an die Debatte zu DDR-Zeiten, als die ersten Preiserhöhungen besonders für Delikat-Produkte durchgepeitscht werden sollten.

Technische Geräte sind preiswerter geworden

Kleines Beispiel gefällig: Eine Dose Ananas kostete im "Delikat" 18 Mark, eine Büchse mit Trumpf-Kakao satte acht Mark.

Auf der einen Seite galten die als "sozialistische Errungenschaften" popularisierten niedrigen Mieten und die Preise für Energie, Brot oder Milch zu DDR-Zeiten als unantastbar. Auf der anderen wurde mehr oder weniger leise die "Qualität verbessert", um die Kaufkraft abzuschöpfen. Da kostete eben die Greußener Salami mit einem Gewürzmantel drum herum schnell ein paar DDR-Mark mehr. Aber man war ja froh, überhaupt eine zu bekommen.

Doch zurück zu den Preissprüngen im letzten Vierteljahrhundert.

Gerade in diesen Tagen, in denen sogar von einer negativen Inflationsrate gesprochen wird, werden die teils heftigen Preissprünge der vergangenen 25 Jahre sehr gern unter den politischen Teppich gekehrt. Dabei liegt der schlechte Ruf des Euro vor allem an der gefühlten Inflation. Weil vor allem die Dinge des täglichen Bedarfs - gefühlt - sehr viel teurer geworden sind, regen wir uns alle sehr gern auf.

Dass auf der Gegenseite Fernseher, Computer, Waschmaschinen oder Fotoapparate trotz steigender Leistung immer preiswerter wurden - das wiederum ignorieren wir gern.

Um der "gefühlten Inflation" den Wind aus den Segeln zu nehmen, wurde vor vielen Jahren der sogenannte Statistische Warenkorb erfunden. Ein Warenkorb ist die Zusammenstellung einer möglichst repräsentativen Anzahl verschiedener Güter zur Ermittlung des Preisindex und der Inflation.

Die Preisentwicklung der enthaltenen Güter wird dabei über eine bestimmte Zeit (beispielsweise vier Jahre) mit konstanter Gewichtung der einzelnen Positionen ermittelt.

Die statistische Wahrheit lautet: Von der Euro-Bargeld-Einführung im Januar 2002 bis heute sank die Inflationsrate kontinuierlich. In der gesamten D-Mark-Zeit, also von Mitte 1948 bis Ende 2001, waren es im Schnitt 2,6 Prozent pro Jahr.

Und heute?

Die Inflationsrate in Deutschland ist erstmals seit September 2009 in den Minusbereich gefallen: Im Januar 2015 lag der Verbraucherpreisindex gegenüber dem Vorjahresmonat bei minus 0,4 Prozent.

Doch diese trockenen Zahlen beeindrucken unsere Leser kaum. Andreas Stricker aus Erfurt schreibt: "Ich war vor der Euro-Umstellung im Jahr 2000 auf einem Konzert vom inzwischen leider verstorbenen Udo Jürgens. Vorverkauf 75 DM. Nach der Euroumstellung wollte ich wieder hin. Preis im selben Block - 68 Euro."

Das kostete ein Wochenend-Einkauf
Lebensmittel / 1989 / Juli 1990 / März 2015

500 g Roggenbrot / 0,25 M / 2,00 DM / 1,15 Euro

2,5 kg Kartoffeln / 0,50 M / 1,90 DM / 2,49 Euro

10 Brötchen / 0,50 M / 2,00 DM / 3,00 Euro

1 Liter H-Milch / 0,66 M / 0,90 DM / 0,90 Euro

2 Becher Joghurt / 0,80 M / 1,00 DM / 1,20 Euro

200 g Leberwurst / 1,22 M / 1,80 DM / 1,29 Euro

4 Stück Mohnkuchen / 1,48 M / 2,40 DM / 5,00 Euro

1 Stück Butter 250 g / 2,40 M / 1,80 DM / 1,50 Euro

4 Flaschen Bier / 2,88 M / 3,60 DM / 2,50 Euro

1 kg Apfelsinen / 4,00 M / 2,70 DM / 2,30 Euro

1 große Packung Eier / 4,85 M / 2,10 DM / 1,40 Euro

500 g Schweinekotelett / 4,00 M / 6,25 DM / 3,10 Euro

500 g Emmentaler / 5,00 M / 6,50 DM / 5,00 Euro

500 g Kochschinken / 5,10 M / 9,00 DM / 6,50 Euro

Summe / 33,64 M / 43,95 DM / 37,33 Euro

Die ermittelten Preise verstehen sich als Durchschnittswerte, wobei nach Einführung der D-Mark erhebliche Abweichungen möglich waren. Auch zählte eine Packung Eier zu DDR-Zeiten 12 Stück.

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