Vor 30 Jahren: Die Freiheit der Andersdenkenden und der erste Nagel im Sarg der DDR

Mit Massenverhaftungen wollte die Stasi vor 30 Jahren Proteste bei der Luxemburg-Liebknecht-Demo in Berlin verhindern. Der Schuss ging nach hinten los.

Mitglieder der „Initiative Freiheit für Andersdenkende“ protestieren im Januar 1988 in Westberlin für die Freilassung von inhaftierten Bürgerrechtlern in der DDR. Am 17. Januar 1988 hatten oppositionelle Gruppen bei der Demo für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht Plakate mit dem Luxemburg-Zitat „Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ gezeigt.

Foto: dpa

Vera Lengsfeld ist in diesen Tagen nicht in der Hauptstadt. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres 2018 hat sich die aus Sondershausen in Thüringen stammende Wahlberlinerin für eine Tagung über die 68er entschieden. Vom Zug zu den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am vergangenen Wochenende bekommt sie nur aus den Medien etwas mit.

Vergessen kann sie das alljährliche Gedenk-Ritual nicht. Vor 30 Jahren, am 17. Januar 1988, gehört die Bürgerrechtlerin und Friedensbewegte Vera Wollenberger, wie sie damals hieß, zu den Dutzenden von DDR-Oppositionellen, deren geplante Proteste die größte Massenverhaftung in der DDR seit dem Volksaufstand von 1953 auslöst. Bis zu 170 Menschen werden vorübergehend festgesetzt. Zu den Inhaftierten zählen Aktivisten wie Freya Klier, Bärbel Bohley, Stefan Krawczyk, Lotte und Wolfgang Templin sowie Ralf Hirsch. Ihnen macht die SED-Justiz schon bald darauf den Prozess. Mit der Drohung „Haft oder Ausreise“ werden viele zum Verlassen der DDR gedrängt. Die Letzten, die gehen, sind Bärbel Bohley und auch Vera Wollenberger, beide landen in Großbritannien.

Proteste und Verhaftungen sind der Auftakt zu einem Jahr, das heute für viele zu Unrecht im Schatten des 1989er-Wendejahres steht. „Die Demo von 1988 ist ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der DDR. Die Massenverhaftung an diesem Tag und die folgenden Verhaftungswellen wie auch die landesweiten Proteste dagegen waren der erste Nagel im Sarg der DDR“, sagt Lengsfeld.

SED und Stasi sind frühzeitig in Aufruhr

Es ist der 69. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Laut Neuem Deutschland beteiligen sich „über 200 000“ Menschen am Aufmarsch. Keine Begeisterung lösen bei den Mächtigen die Angehörigen unabhängiger Menschenrechtsgruppen sowie Ausreisewillige aus, die für diesen Tag teils schon Wochen vorher ihre Teilnahme ankündigen.

Schon vor der traditionellen „Kampfdemonstration“ mit der Partei- und Staatsführung an der Spitze sind SED und Stasi in Aufruhr. An die Dienststellen ergeht ein geheimer Maßnahmeplan von Stasichef Erich Mielke „zur Verhinderung provokativer feindlicher Aktivitäten anlässlich des 17. 1. 1988“.

Ziel sind die Unterbindung feindlicher Handlungen und prophylaktische Arrestierung von gefährlichen Personen. Gut 150 Personen werden genötigt, ihr Fernbleiben von der Gedenkveranstaltung zuzusichern. Sie werden in ihren Wohnungen festgehalten oder auf dem Weg zum Treffpunkt abgefangen und „zugeführt“. Dutzende Ausreisewillige seien, zum Teil noch vor der Kundgebung, kurzfristig in den Westen abgeschoben worden, heißt es dazu bei der BStU.

Doch die Stasi will an diesem Tag mehr. Bezeichnenderweise laufen die Aktionen dieser Wochen unter Decknamen wie „Enthauptungsschlag“ und „Störenfried“. Ein für allemal soll die Opposition, die sich seit der Biermann-Ausweisung Mitte der 70er in Menschenrechts-, Friedens- und Umweltinitiativen zunehmend lauter zu Wort meldet, zerschlagen werden.

Zielscheibe ist auch Vera Wollenberger. Die Tochter eines Stasi-Offiziers gründet 1981 den Friedenskreis Pankow und fliegt wegen öffentlicher Proteste gegen russische Atomraketen in der DDR aus der SED. Auch ihr Engagement in der Kirche von unten sowie in der Umwelt-Bibliothek der Zionskirche hat die Stasi immer auf dem Schirm.

Die Demo sei seinerzeit in den Kreisen der Opposition durchaus umstritten gewesen, sagt sie rückblickend. Nicht wenige hätten sich daran gestört, dass auch Ausreisewillige dabei sein wollten. Nicht so Vera Wollenberger. „Ich war gegen diese Abgrenzung und fand die Idee gut, dass, wenn schon keine eigenen Demos angemeldet werden können, wir uns dann eben mit eigenen Forderungen an einer staatlich organisierten Demo beteiligen“, erinnert sie sich. Dass Bürgerrechtler und Ausreisewillige, die bis dahin eher getrennt agieren, gemeinsam den politischen Wandel und das Recht auf Freizügigkeit einfordern, ist genau das, was SED und Stasi fürchten.

Die bis heute bekanntesten Transparente dieses Tages sind mit Luxemburg-Zitaten wie „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ und „Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht“ beschriftet.

Vera Lengsfeld meint sich zu erinnern, dass es der Thüringer Stefan Krawczyk war, der sie in einer in der DDR gerade erst erschienenen Ausgabe der Schriften Rosa Luxemburgs entdeckte. Zu sehen sind sie damals nur kurz. Dutzende Stasileute stürzen sich – immerhin vor laufenden Westkameras – umgehend auf die wenigen, die es mit Plakaten ins Zentrum schaffen.

Massenausbürgerungen sind bis heute ungeklärt

Vera Wollenberger hat ein Banner mit dem ersten Satz von Artikel 27 der DDR-Verfassung dabei – „Jeder Bürger hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“ –, bis zur Demo gelangt sie damit jedoch nicht. Ihrer bereits am Vorabend geplanten Festnahme habe sie noch entgehen können, an diesem Tage aber schlagen ihre Dauerbegleiter zu.

Über den 17. Januar 1988 und seine Folgen ist seitdem viel geschrieben worden. Auch über die Rolle von Anwälten wie Wolfgang Schnur, Gregor Gysi oder Lothar de Maizière bei der Ausbürgerung in den Westen.

Laut Vera Lengsfeld sind die Hintergründe der Massenabschiebung bis heute ungeklärt. Bestätigt wird das auch vom Experten für die DDR-Justiz, Christian Booß. „Alle Anwälte zeigten zu diesem Zeitpunkt nur einen Weg, raus aus der DDR“, so der BStU-Mitarbeiter. Auch die Thüringerin gibt dem Druck schließlich nach und lässt sich zu einem „Studienaufenthalt“ in England „überreden“.

In Cambridge öffnen sich der Philosophin neue Türen. Nach dem Mauerfall kommt sie nach Deutschland zurück, wird Volkskammerabgeordnete. Das Kalkül von der „Enthauptung“ der Opposition geht aus ihrer Sicht für die SED nicht auf. „Sie haben nie verstanden, wie wir arbeiten. Sie suchten nach einer Art Zentralkomitee des Widerstands, das sie nur ausschalten müssen, das gab es nicht“, sagt Lengsfeld. In über 30 Städten, darunter Thüringer Orte wie Erfurt, Meiningen, Jena, Weimar oder Dorndorf, finden damals in Kirchen Protest-Andachten und Fürbitten statt. „Aus den Montagskreisen in der Leipziger Nikolai-Kirche erwachsen die Montagsdemos des Wendeherbstes. Der Schuss ging für die SED voll nach hinten los.“

Von einem „Pyrrhussieg der SED“ spricht auch der Historiker und Pfarrer Ehrhart Neubert, Kenner der Geschichte der DDR-Opposition. „Die Ängste der SED vor der Opposition blieben bestehen“, so Neubert.

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