Wie der Luftkrieg seine Spuren in Tunzenhausen hinterlassen hat

Tunzenhausen (Landkreis Sömmerda). Ein Amerikanischer Bomber wurde am 20. Februar 1944 abgeschossen. Die Fliegerjacke eines US-Soldaten soll sich noch heute in Tunzenhausen befinden.

Die Besatzung der B-17. Pilot Richard (1.Reihe 2.von rechts) starb 1944 in der Nähe des Galgenhügels. Foto: privat

Die Besatzung der B-17. Pilot Richard (1.Reihe 2.von rechts) starb 1944 in der Nähe des Galgenhügels. Foto: privat

Foto: zgt

In den Erzählungen der älteren Einwohner des Ortes über die Kriegsjahre kommt immer wieder ein Ereignis vor, welches sich im Jahr 1944 zugetragen hat.

Unweit des umgangssprachlich "Drachenschwanz" genannten Hügels, etwa 1,5 Kilometer nordwestlich des Dorfes, soll ein amerikanischer Bomber abgestürzt sein. Lebhaft erinnern sich Zeitzeugen an die drei im Dorf festgenommenen Besatzungsmitglieder dieses Flugzeuges und auch daran, dass diese im Dorfgefängnis über Nacht festgehalten und erst am folgenden Tag an die Vertreter der Staatsmacht übergeben wurden.

Auch wird von einem toten Besatzungsmitglied berichtet und davon, dass sich irgendwo im Ort noch heute eine Fliegerjacke eines dieser Soldaten befindet. Versuche, diese aufzufinden, blieben jedoch erfolglos. Jugendliche sollen die verstreute Munition des Bombers gesammelt und damit allerlei Streiche gespielt haben und in einigen Haushalten sollen sich noch lange einzelne Teile des Flugzeuges befunden haben. All diese Informationen haben mich bewogen, nähere Nachforschungen nach dem tatsächlichen Geschehen im Winter 1944 anzustellen.

Sprengbomben wurden 1941 abgeworfen

Zunächst brachte ich in Erfahrung, dass es in der Nacht des 9. Juli 1941 zum Abwurf mehrerer Sprengbomben eines englischen Bombers am Dorfrand von Tunzenhausen kam. Die Kirche wurde dabei stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Dach sowie ein Großteil der nördlichen Außenwand des Kirchenschiffes wurden zerstört. Bombensplitter zerstörten auch die Haupteingangstür des Gutshauses. Menschen kamen nicht zu Schaden und da von dem Bomber nirgends eine Spur zu finden war, ging man im Dorf schnell wieder zur Tagesordnung über.

Am 20. Februar 1944, einem Sonntag, kamen viele Tunzenhäuser Bürger erstmals mit dem "Feind" in Gestalt amerikanischer Mitglieder der Besatzung eines getroffenen Bombers in Berührung. Was war geschehen?

Insgesamt mehr als 1000 Bombenflugzeuge waren an diesem Tag in England gestartet, um Ziele der Flugzeugindustrie in Deutschland anzugreifen. Unter den etwa 200 Bombern, deren Angriffsziel die Erla-Werke in Leipzig-Heitersbach waren, befinden sich die Besatzungen der beiden Boeing B-17G mit Kommandant Leutnant Harold G. Richard und Kommandant Leutnant Harvey H. Jessen.

Jeder Bomber besteht aus einer 10-köpfigen Besatzung im Alter zwischen 20 und 24 Jahren. Seit Stunden hocken die Bordschützen in den engen Feuerständen und seit sie über Mitteldeutschland fliegen, sind ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Es ist eisigkalt im Flugzeug - minus 20 bis 30 Grad und ständig die Sauerstoffmaske vor dem Gesicht.

Es ist gegen 14 Uhr, als die Bombenladungen der Erde entgegen rauschen. Rund um die Kampfmaschinen färbt sich der Himmel schwarz von den Detonationswolken der Flakgeschosse. Als der Pilot Harold G. Richard sein Flugzeug gerade auf den Heimatkurs eingedreht hat, erschüttert eine fürchterliche Explosion unmittelbar unter dem rechten Tragflügel das Flugzeug.

Luftkampf zwischen Jäger und Bomber

Eine Flakgranate detonierte nah am Bomber und führte zum Ausfall eines Motors. Der zweite Motor auf der rechten Seite geht noch, verliert aber Kraftstoff und Öl. Das Flugzeug kann die Höhe für den Rückflug im Verband nicht mehr halten. Der Angriffsverband ist noch in Sichtweite aber schon ungefähr 1000 Meter höher als ein lauter Schrei eines Heckschützen das Blut in den Adern gefrieren lässt: "Jäger aus 6 Uhr".

Ein deutsches Jagdflugzeug näherte sich genau von hinten. Der deutsche Pilot hat außerhalb der Reichweite der Flakgeschütze den Bomberverband beobachtet und sofort bemerkt, dass die etwas tiefer fliegende Maschine einen Motor "verloren" hat. Da sie jetzt nicht mehr von den Nachbarmaschinen verteidigt werden kann, ist er fest entschlossen, den Bomber zum Absturz zu bringen.

Es entbrennt ein heftiger Luftkampf zwischen dem deutschen Jäger und dem gejagten amerikanischen Bomber. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod.

Der zweite Motor wird getroffen. Die "fliegende Festung" verliert schneller an Höhe. Als dann das Jagdflugzeug auch den dritten Motor mit seiner Bordkanone trifft und Öl sowie Kraftstoff austreten, besteht kein Zweifel mehr, dass der amerikanische Bomber nun endgültig verloren ist.

Als der Co- Pilot der Maschine den Befehl zum Verlassen des Flugzeuges gibt, schnallen die Männer hastig ihre Fallschirme an. Die Bordschützen und der Funker nutzten die hinteren Notausstiegsluken und die Offiziere springen aus der vorderen Notluke ab.

Der Kommandant steuerte bis zu letzt das Flugzeug. Als er die Steuersäule aus den Händen lässt, machte die Maschine eine ruckartige Bewegung zur Seite und es dauerte einige Sekunden, bis der junge Offizier die Notausstiegsklappe erreichte. Als er endlich vom Flugzeug frei kommt, war der Bomber bereits so tief, dass sich sein Fallschirm nicht mehr vollständig öffnete. Er schlägt unmittelbar neben dem "Galgenhügel" zwischen Weißensee und Tunzenhausen auf und ist auf der Stelle tot. Warum einer der Bordschützen, der rechtzeitig aus der hinteren Notausstiegsluke gesprungen war, ebenfalls mit nicht vollständig geöffnetem Fallschirm hart auf der Erde aufschlägt und ebenfalls ums Leben kommt, lässt sich nur vermuten. Möglicherweise hat ein Geschoss des angreifenden Jagdflugzeuges den Fallschirm beschädigt.

8 Mann der Besatzung erreichten lebend zwischen Weißensee und Tunzenhausen die Erde. Der Kommandant und Pilot Leutnant Harold G. Richard stirbt wie sein linker Rumpfschütze Sergant Donald L. Kennedy gegen 15 Uhr am 20. Februar 1944 den Fliegertod. Ohne Widerstand lassen sich die Männer gefangen nehmen. Am gleichen Tage transportierte man die Gruppe nach Erfurt-Bindersleben, und von dort direkt in ein Kriegsgefangenenlager.

Morgen lesen Sie Teil 2.

  • Peter Hebel ist beruflich wie privat der Fliegerei seit vielen Jahren verbunden.

Zu den Kommentaren