Wie ein Jenaer Stasi-Spitzel Menschen verriet, die ihm eigentlich vertrauen

Friedliche Revolution: 50 Jahre Gefängnis durch einen einzigen Stasi-Spitzel - IM Thomas aus Jena verriet als Student und Theologie-Professer viele Menschen, die ihm vertrauten.

BStU-Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff (m.) zeigt Henning Frunder und Gesine Overkampf Bestandteile aus der Akte des IM "Thomas", die derzeit rekonstruiert werden. Foto: BStU Außenstelle Frankfurt (Oder)

BStU-Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff (m.) zeigt Henning Frunder und Gesine Overkampf Bestandteile aus der Akte des IM "Thomas", die derzeit rekonstruiert werden. Foto: BStU Außenstelle Frankfurt (Oder)

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Aleksander Radler war in Jena Student und Professor der Theologie und verriet als IM Thomas mehr als zwei Jahrzehnte lang alles und jeden an die Stasi. Enttarnt wurde er nur, weil die Stasiunterlagenbehörde in der Wendezeit zerfetzte Akten jetzt wieder zusammensetzt.

Es ist die unglaubliche Geschichte des Aleksander Radler, Stasideckname "IM Thomas". Mehr als 25 Jahre lang spionierte, intrigierte und denunzierte er als Geheimer Mitarbeiter (GM) für die DDR-Staatssicherheit. All die Jahre schrieb er Berichte über Freunde, Kommilitonen, Glaubensbrüder - über Menschen, die in ihm einen Gefährten vermuteten, dem sie teils blind vertrauten. Viele bezahlten für diese Gutgläubigkeit einen hohen Preis. Insgesamt 50 Jahre Gefängnis brachte Radler seinen Opfern ein, darüber hinaus erlitten viele persönliche und berufliche Abstürze. Es geht bei der Geschichte also auch um die Frage, wie viel Schaden ein IM für die Menschen anrichten konnte, die er belauerte, aushorchte und ohne Skrupel an den Mielke-Dienst verriet.

Vorgestellt und diskutiert wurde die Stasi-Karriere des IM Thomas Ende vergangener Woche im vollbesetzten Erfurter Collegium Maius bei einer Vortrags- und Diskussionsrunde mit Betroffenen, zu der die Außenstellen des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU) in Frankfurt-Oder und Erfurt eingeladen hatten.

2800 Seiten Spitzelberichte

Vermutet und letztlich entdeckt hatte man Radlers Stasi-Kungelei nach der Wende. In den frühen 90ern aber fanden sich noch kaum belastbare Beweise. Das gigantische Ausmaß seines Verrates kam erst ans Licht, nachdem man bei der Stasiunterlagenbehörde begonnen hat, die im Wendeherbst zerfetzte Akten, die in zigtausend Säcken aufbewahrt werden, wieder zusammenzusetzen.

2800 Seiten in 11 Ordnern sind es inzwischen allein zu IM Thomas, die bei der BStU in Frankfurt/Oder - wo Radler geführt wurde - aus Papierschnipseln rekonstruiert und so wieder lesbar gemacht wurden. Zwei Ordner braucht es für die Belege, auf denen IM Thomas für Tausende Mark Judaslohn quittierte, die man ihm im Laufe der Jahre für seine Dienste zahlte - in Ost- und Westwährung. Die zu Tage gekommene Dimension von Verschleierung, Niedertracht und Eigennutz sei auch für erfahrene Stasi-Aufarbeiter überraschend und erschütternd zugleich, sagte der für den Fall des IM Thomas zuständige Leiter der BStU-Außenstelle Frankfurt/Oder, Rüdiger Sielaff, beim Forum in Erfurt.

In Jena war Radler in den 60ern Student der Theologie, später sogar Professor. Seine Herkunft aber blieb im Nebel, er selbst soll immer neue Legenden um seine Person und die seiner alleinerziehenden Mutter gestrickt haben. Als sicher gilt, dass er in Österreich geboren wurde und nach dem Krieg nach Ostdeutschland kam. So besaß er österreichische Papiere, sie sollten ihm später bei seiner Spitzeltätigkeit noch zugute kommen.

Die begann 1965 mit der - jetzt rekonstruierten - Verpflichtungserklärung. Von da an war IM Thomas seinen Führungsoffizieren bei der Abteilung XX in Frankfurt/Oder "in unverbrüchlicher Treue verbunden". Schon im ersten Jahr nach der Anwerbung hatte er weit mehr als 100 Kontakte mit Stasi-Verantwortlichen. Unter anderem beobachtete er, welchen Einfluss die Niederschlagung des "Prager Frühlings" 1968 auf das Denken der DDR-Studenten hatte.

Sein makabres "Gesellenstück" wurde der Verrat von sechs Mitstudenten, die damals ihre Flucht aus der DDR planten. Briefe, die der österreichische Kommilitone dafür mit nach Westberlin nehmen sollte, lieferte der ohne Umschweife beim DDR-Geheimdienst ab - die Originale fanden sich jetzt ebenfalls unter den Fetzen in den Papiersäcken. Die sechs wurden verhaftet und zu Haftstrafen zwischen zwei und vier Jahren verurteilt. Zwei von ihnen nahmen sich im Gefängnis das Leben.

Mit Gesine Overkamp, geborene Eichhorn, Manfred Winter und Henning Frunder saßen jetzt drei der damals Verurteilten mit auf dem Podium in Erfurt. Sie hätten damals keinen Verdacht geschöpft, sagten sie. Zu perfide war das Vorgehen des Verräters. Judas Radler konnte sich sicherheitshalber - mithilfe der Stasi und dank seiner Papiere - nach Schweden absetzen. Unverfroren strickte er aus dem "Exil" an einer Legende über seine angebliche Flucht vor der Stasi. Tatsächlich habe aus Sicht seiner Führungsoffiziere nichts darauf hingedeutet, dass er dekonspiriert worden sein könnte, resümiert BStU-Forscher Sielaff.

Offensichtlich funktionierte die Tarnung so gut, dass Radler in Schweden sein Theologie-Studium beenden, promovieren und sich als Pfarrer und Theologe an der Universität Lund eta-blieren konnte.

Den wiederhergestellten Stasiunterlagen zufolge wurde er sogar Mitglied der Schwedischen Akademie.

Radler blieb für die Stasi ein Edel-Spion - auch als er später in die DDR zurückkehrte. Unter anderem berichtete er von Begegnungen mit Theologen und hochrangigen Kirchenvertretern im In- und Ausland. In Westberlin schnüffelte er bei Bekannten und Politikern, etwa aus dem Umfeld des Bürgermeisters Schütz. Einige seiner Informationen wurden unmittelbar an die Stasi-Chefetage weitergereicht.

Flucht nach Schweden

Wie wertvoll seine Konterbande für die DDR-Tschekisten gewesen sein müssen, zeigte sich laut Sielaff auch daran, dass er nun seinerseits Forderungen an seine Auftraggeber stellte. Neben der Finanzierung seines Lebensstiles erwartete er von der Stasi, dass die ihm bei seinen Karriereplänen als Theologieprofessor behilflich war.

Tatsächlich erfolgte im Oktober 1988 seine Berufung zum Professor für Systematische Theologie an der Uni Jena. Die Stasi vermerkte dazu: "...wurde durch die Hauptabteilung XX/4 operativ gestützt und ist ein langjähriger Wunsch des IM". In Thüringen sollte Radler in die kirchliche Hierarchie der Landeskirche integriert werden.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass IM Thomas jemals in seiner langjährigen Spitzel-Karriere Skrupel hatte. Erst als bei der Stasi nichts mehr zu holen ist, macht er von sich aus Schluss - das ist im September 1989. Nach seiner Enttarnung setzte er sich endgültig nach Schweden ab, wo er heute pensioniert in einem Pfarrhaus lebt.

Nach seiner Enttarnung leugnete er anfänglich jegliche Stasi-Verbindung. Erst nachdem auch schwedische Medien über ihn berichteten, gab er sich reuig - allerdings nur über seine Frau. Seinen Opfern gestellt hat er sich bis heute nicht.

Bei der Diskussionsrunde in Erfurt blieben denn auch viele Fragen offen. Ehemalige Kommilitonen, Studenten und Kollegen des Theologen Aleksander Radler reagierten fassungslos und fragten sich, was nach so viel Legenden und Lügengespinsten, so viel Heimtücke und Infamie vom Menschen bleibt, den sie seinerzeit kannten. Wer war Aleksander Radler wirklich, wie konnte so einer Theologe sein und seine Umwelt derart täuschen?

Der schwedische Journalist Christoph Andersson, der in seiner Heimat zu Radler und seiner rätselhaften Wissenschaftler-Karriere in Schweden recherchiert, erinnerte an die einst guten Beziehungen der DDR zum skandinavischen Land. So machten etwa Enthüllungen zur Unterwanderung der Schwedischen Kirche durch die Stasi deutlich, dass in der schwedischen Stasi-Vergangenheit noch zahlreiche Fälle im Verborgenen liegen. Ein Erklärung dafür, warum einem Verräter wie Radler dort auch heute nicht beizukommen ist, hatte allerdings auch er nicht.

Aleksander Radler war ein Menschenfänger. Er erschlich sich Vertrauen und missbrauchte es zum eigenen Vorteil. In der Hierarchie der geheimen Stasi-Zuträger stand er so weit oben wie nur wenige. Und doch ist seine Geschichte nur eine von vielen im DDR-Unrecht. Und sie ist nicht zu Ende. Bei der BStU-Außenstelle in Frankfurt/Oder wird man weiter Puzzlesteile zusammensetzen und so vermutlich noch viele Details über den Spitzel-Apparat zutage fördern.