Wie Erfurt zu einem Denkmal für Deserteure kam

Erfurt  Erfurt. Auf dem Petersberg wird seit 20 Jahren derer gedacht, die sich der Wehrmacht verweigerten und erschossen wurden. Dienstag ist dort ein Treffen.

Diese Stelen bilden in Erfurt das Denkmal des unbekannten Wehrmachtsdeserteurs. Foto: Jens König

Diese Stelen bilden in Erfurt das Denkmal des unbekannten Wehrmachtsdeserteurs. Foto: Jens König

Foto: zgt

Die Wogen schlugen hoch 1994 in Erfurt. Wurde doch die Idee einer Initiative bekannt, die in Erfurt ein Denkmal für Deserteure errichten wollte. Es waren linke Gewerkschafter, Friedensgruppen, Kirchenvertreter, Leute aus der Kunstszene, die so ein Denkmal wollten. Doch sie ernteten kräftigen Gegenwind, vor allem die CDU-Fraktion im Stadtrat sah keine Notwendigkeit, der Deserteure öffentlich zu gedenken.

Fahnenflucht oder mutige Tat? Es folgten erbitterte Debatten. Einem öffentlichen Aufruf für das Denkmal schlossen sich Prominente wie die Schriftsteller Ralph Giordano und Gerhard Zwerentz an.

Am 8. Mai 1995, dem 50. Jahrestag der Befreiung, sollte es stehen. Doch der damalige Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU) lehnte das Denkmal ab, auch die Kunstkommission intervenierte. Die Arbeiten am Denkmal, dessen Gestaltung dem Erfurter Künstler Thomas Nicolai oblag, verzögerten sich. Gedacht war an Stelen, aufgestellt wie auf einem Appellplatz.

Weitere Helfer stiegen ein, die Gewerkschaft der Eisenbahner mobilisierte junge Leute, die bei der Deutschen Bahn arbeiteten und des Metallbaus kundig waren. Die aus Metallschrott bestehenden Stelen nahmen Gestalt an – eine künstlerisch ausgeformt, sieben andere glatt und uniform, in Zweierreihe.

Doch bis zur Einweihung ging es turbulent weiter. Einem Baustopp folgte eine Sondersitzung des Stadtrats, bei der mit den Stimmen von Grünen, PDS und SPD eine Mehrheit für das Denkmal zusammenkam. Einweihungstermin wurde der 1. September, der Weltfriedenstag. Die Einweihung bekam öffentliche Aufmerksamkeit in ganz Deutschland. Weil sich die Stadt letztlich zum Denkmal bekannte, bekam es auch finanzielle Untersetzung seitens der Verwaltung. Sie ließ die Fläche pflastern, ein Palisadenzaun wurde errichtet, der die Wirkung des Denkmals unterstreicht. Die Fläche wird von der Stadt gepflegt.

Die Auswahl des Platzes im Festungsgraben zu Füßen des Berges hatte gute Gründe, er ist ein authentischer Ort: Hier wurden 50 von Militärrichtern zum Tode verurteilte Fahnenflüchtige erschossen.

Tausende Menschen besuchten in den vergangenen 20 Jahren das Deserteursdenkmal.

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