Zentrale am Hauptbahnhof Erfurt ist Schaltstelle für Notfälle

Gewohnt eiligen Schrittes steuert Bahnhofsmanagerin Christine Kromke den Servicepoint in der Bahnhofsmitte an. Hier ist der zentrale Anlaufpunkt, wenn Reisende Fragen oder Probleme haben.

Alles im Blick hat Klaus Schargitz an seinem mit viel Technik ausgestatteten Arbeitsplatz, genannt 3-S-Zentrale. Verbunden ist er von hier aus auch mit dem Zugpersonal und anderen Bahnhöfen in Thüringen. Foto: Marco Schmidt

Alles im Blick hat Klaus Schargitz an seinem mit viel Technik ausgestatteten Arbeitsplatz, genannt 3-S-Zentrale. Verbunden ist er von hier aus auch mit dem Zugpersonal und anderen Bahnhöfen in Thüringen. Foto: Marco Schmidt

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Erfurt. Doch die Frage nach einer Bahnhofsmission lässt auch die erfahrene Bahnerin innehalten. "Am Erfurter Hauptbahnhof gibt es keine Bahnhofsmission, die ist mit dem Abriss des Inselgebäudes verschwunden. Unsere Servicemitarbeiter sind jeden Tag von 6 bis 22.30 Uhr für die Reisenden da. Und schon seit Mitte der 90-er Jahre rund um die Uhr die 3-S-Zentrale der Bahn. Die Nummer 0361/ 300 1055 hängt hier überall aus."

Denkste. Christine Kromke stürmt die Gänge entlang – von einem Informationskasten zum andern. Nichts. Erst an einem dreieckigen Aufsteller am Haupteingang findet sich ein Informationszettel zur 3-S-Zentrale. "Hier müssen wir was ändern", verspricht sie.

Die 3-S-Zentrale im Hinterland des Hauptbahnhofs steht für die umfangreichen Aufgabengebiete Sauberkeit, Sicherheit und Service – weit über den Erfurter Bahnhof hinaus. Über mehrere Treppen erreichen wir den Arbeitsplatz von Andreas Schargitz (50). Er hat über die vielen Bildschirme alle Bahnsteige im Blick. "Wenn ich sehe, da wird jemandem schlecht, schicke ich Hilfe hin." Denn er ist zwar wie alle Servicemitarbeiter geschulter Ersthelfer, aber zumeist Einzelkämpfer während der Schicht.

Die Zentrale ist eigentlich eine Schaltstelle. Hier laufen die Hinweise zu defekten Aufzügen und ausgefallener Beleuchtung ein, wird ein elektronisches Dienstbuch geführt und ein "Mängelmanager" bedient. Andreas Schargitz entscheidet, ob ein Soforteinsatz organisiert werden muss oder ein regulärer Reparaturauftrag heraus gehen kann. Wenn der Fußball den Bahnhof mal wieder lahm legt, müssen Flucht- und Rettungswege frei- und im Blick behalten werden, arbeitet die 3-S-Zentrale eng mit dem Bürgeramt, dem Bereich Sicherheit der Deutschen Bahn und der Bundespolizei zusammen. Und wenn alkoholisierte Fans auf dem Bahnhof schlapp machen, kümmern sich auch die Servicemitarbeiter um sie.

Andreas Schargitz arbeitet neben dem Computer vor allem per Funk und Handy, ist so mit dem Servicepoint, aber auch dem Zugpersonal verbunden.

Viele Partner in der Stadt sind helfend eingebunden

Eine alte Dame hat ihren Koffer vergessen und ist nun in Panik. Die Bahnmitarbeiter schicken ihr das Gepäck zum Bahnhof hinterher. Im Zug braucht ein Reisender den Notarzt, die Zentrale ruft die Rettungskräfte an den nächsten Bahnhof, weist sie auf dem kürzesten Weg ein.

Christine Kromke erzählt, wie sie in dem harten Winter 2010/2011 bei Ausfällen und Störungen eng mit dem Erfurter THW, dem Roten Kreuz und dem DRK zusammen gearbeitet haben, bis zum Austeilen von heißem Tee an die Reisenden. Bei langen Hitzeperioden gibt es ebenso viel zu tun.

Dazu kommen die alltäglichen Hilfesituationen: Eine junge Mutti will stillen oder ein chronisch Kranker muss sich spritzen. Am Servicepoint gibt es den Schlüssel zu den separaten Rückzugs- und Wickelräumen. Alleinreisende Kinder brauchen Begleitung, Rollstuhlfahrer Hilfe beim Umsteigen. Tendenz steigend: Von hundert Anfragen im Monat auf bereits 300. Auch hier koordiniert die 3-S-Zentrale.

Froh ist Christine Kromke, dass der jahrelange Bahnhofsumbau soweit fortgeschritten ist, dass Fahrstühle zu den Bahnsteigen zum Beispiel die sperrigen Treppenraupen für Rollstuhltransporte abgelöst haben. Im Stich gelassen werde niemand, aber dafür müsse Hilfe aus vielen Bereichen herangeholt werden. So decken sie bis auf Notunterkünfte viele Bereiche der Bahnhofsmissions-Aufgaben mit ab, arbeiten dafür mit den sozialen Einrichtungen in der Stadt Hand in Hand, nennt Christine Kromke als Beispiel die parat liegenden Adressen für Obdachlose.

"Die Betreuung ist gut strukturiert. Allerdings ist sie zeitlich so eng gefasst, dass die menschliche Zuwendung, beispielsweise für intensive Gespräche im Unglücksfall, nicht ausreicht," fasst Christine Kromke zusammen. Hier fand man in der Notfallseelsorge einen Partner.

Als Bahnhofsmanagerin ist ihr natürlich die aktuelle CDU-Anfrage an den heute tagenden Stadtrat, den Oberbürgermeister mit der Schaffung einer Bahnhofsmission zu beauftragen, bekannt. Bei der Vorberatung im Sozialausschuss gab es aber lediglich von den Freien Wähler Unterstützung. Für CDU-Fraktionsvorsitzenden Michael Panse ist "Erfurt als künftiger ICE-Knotenpunkt ohne Bahnhofsmission undenkbar". Managerin Kromke meint dazu: "Mir ist jede zusätzliche Hilfe willkommen."

Bahnsprecher Jürgen Böhnisch kennt etliche Bahnhofsmissionen. Er meint: Wir sind für das Thema offen. Aber der richtige Ansprechpartner für diesen Wunsch wäre die Diakonie als Betreiber. Und für die Stadt fallen auch Kosten an.

Bahnhofsmanagerin Christine Kromke sieht ein Raumproblem, bis hin zum sozialen Hinterland einer ständig besetzten Bahnhofsmission: Alle Flächen seien langfristig vermietet.

Aber der Bahnkunde habe in Notlagen das Bahnpersonal plus die 3-S-Zentrale. Eine bewährte Schaltstelle.