Ziel ist die Rückkehr zu schlichter Vollkommenheit in Anblick und Klang

Rastenberg  Der Orgelförderverein Coudraykirche Rastenberg hat sich darauf eingelassen, für sein eigentliches Streben, die Sanierung der Schulze-Orgel, zunächst erst einmal unter die Kirchenbauer gehen zu müssen. Eine Aufgabe für Jahre und voller Idealismus

Die Büste von Coudray in der Ausstelleung in Rastenberg Foto: Jens König

Die Büste von Coudray in der Ausstelleung in Rastenberg Foto: Jens König

Foto: zgt

„Ihr Vorfahr hat bei uns noch eine Bandenwerbung hängen. Nachzahlen müssen Sie nicht, es reicht, wenn Sie uns jetzt etwas unterstützen!“

So könnte der beruflich von Rastenberg ins Südthüringische abgewanderte und seither pendelnde Udo M. H. Schneider demnächst einmal den öfter in der Nachbarschaft weilenden Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach ansprechen. Der Vorfahr, um den es dabei geht, ist Großherzog Carl August – und dessen Wappen und Initialen prangen in der Rastenberger Stadtkirche am Orgelprospekt – Bandenwerbung in einer frühen Form.

Die Kirche – ihre Grundsteinlegung erfolgte am 8. Mai 1825 und ihre Weihe am 14. Dezember 1826 – wurde nach den Plänen des großherzoglichen Oberbaumeisters Clemens Wenzeslaus Coudray (1775 bis 1845) erbaut. Auch das Prospekt für die von dem Paulinzellaer Orgelbaumeister Johann Friedrich Schulze (1793 bis 1856) im Jahr 1827/1828 in Zusammenarbeit mit dem Weimarer Johann Gottlob Töpfer geschaffene Orgel stammt von Coudray.

Was Udo Schneider damit zu tun hat? Er ist Vorsitzender des Orgelfördervereins Coudraykirche Rastenberg.

Der Verein hat das Ziel, die sogenannte Schulze-Orgel zu retten – und ist damit erst einmal zum Kirchbauverein geworden.

„Bei der Denkmalpflege haben sie uns gesagt, dass es wenig sinnvoll ist, die Orgel für Hunderttausende in Schuss zu bringen, solange das Bauwerk drumherum noch nicht gesichert ist“, schildert Udo Schneider den eingeschlagenen Umweg.

Die Orgel verlieren die Vereinsmitglieder deshalb nicht aus den Augen. Das Konzept ihrer Sanierung steht. Die Fachleute von der Bautzener Firma Eule sind für die Auftragsvergabe vorgesehen und deren künstlerischer Berater Jiri Kocourek schwärmt förmlich für Rastenbergs „alte Dame“. Die am ehesten im Originalzustand erhaltene, authentischste Schulze-Orgel sei diese, hat er gesagt.

So etwas geht den Rastenberger Orgelfreunden runter wie Öl – oder zumindest wie der Orgelbrand, den sie zum Gelderwerb für ihre Projekte brennen lassen.

Auch Orgelpatenschaften haben sie erfunden. Gerade trägt Bruno Poser, der Enkel von Martina Bamberg, einem der rührigsten Vereinsmitglieder, die Unterlagen für eine über den großen Teich, nach Amerika.

„Ein schönes Geschenk für die Gasteltern“, so Schneider. Und eines nicht ohne Hintergedanken. Es gibt nämlich auch Schulze-Orgeln dort. Der Orgelbauer hatte sich und seine Werke 1851 auf der Weltausstellung in London präsentiert und dort Erfolg gehabt. Fünf Schulze-Orgeln soll es in New York geben (gegeben haben), eine in New Orleans. Bruno Poser, selbst musisch begabt, soll nach Möglichkeit wenigstens eine aufspüren. Spezialauftrag aus der Heimat.

Für die Orgel scheinen sie alles möglich zu machen. Nahezu Legende, jedenfalls gern erzählt, ist die Geschichte vom Extra-Halt eines ICE, der – und nur der – es Udo Schneider ermöglichte, zu einer Fördervereinsveranstaltung pünktlich zu sein.

Genauso gehen sie nun in Kooperation mit der Kirch- und der weltlichen Gemeinde Rastenberg den nächsten Bauabschnitt der Kirchsanierung an.

„Kirche ist Heimat, egal, ob man nun hineingeht oder nicht“, sagt Udo Schneider. Er illustriert es mit dem Beispiel der 2012 bei einem Großbrand zerstörten Kirchenburg Walldorf. Regelrecht krank seien die Leute dort danach gewesen und von Herzen froh, als schon im Herbst 2013 die Kirchturmhaube wieder auf den Turmschaft gehoben wurde.

Auch Udo Schneider geht das Herz auf, wenn er auf der Heimreise des Rastenberger Kirchturms ansichtig wird. In Kinder- und Jugendtagen hat er sich an diesem regelrecht abgearbeitet. „Er ist perspektivisch schwer zu erfassen“, sagt er. Die erste Fassung, die vor seinem eigenen Anspruch einigermaßen bestehen konnte, hat er Jahre, Jahrzehnte, später für den ersten Flyer des Fördervereins genutzt.

Jetzt ist der Fußboden in der Stadtkirche neu. Alt-neu. Das Karomuster – Ziegelrot und Grau wechseln sich ab – wirkt auf den Betrachter. Kein Läufer stört den auf klassizistische Perfektion angelegten Eindruck. Auch sonst soll alles möglichst wieder genau so werden...

Unter den Karos allerdings liegen meterweise Kabel und Leitungen für Strom, Heizung, Beleuchtung, W-Lan, Gehörlosenschleifen, Lautsprecher.

Im März fällt der schützende Vorhang am Kanzelaltar. Dann wird beim Absaugen kein roter Ziegelstaub mehr anfallen. Jetzt ist der noch überall.

Dann wird auch die Christusfigur herabsteigen. Sie ist eine Gips-Kopie einer gängigen, vom Tisch- bis zum Altarformat massenhaft reproduzierten, den Segen spendenden Arbeit des Dänen Bertel Thorvaldsen (1770 bis 1844). Eine ganz ähnliche steht in Kopenhagens Frauenkirche. Die Rastenberger kam erst 1900 ganz nach oben auf die Kanzelaltarspitze und ersetzte das von Coudray dort platzierte einfache Holzkreuz.

Pfarrer Andreas Simon stieß bei Recherchen darauf, dass einer seiner Vorgänger, Alfred Schreckenbach, dies (erfreut) vermerkt hatte.

„Ich freue mich schon auf Ostern“, sagt Udo Schneider. Dann wird es möglich sein, die Kirche wieder als solche und für Veranstaltungen zu nutzen.

Für zwei bis drei Monate werden die Sanierungsarbeiten ruhen, ehe es an Decke, Westwand, Putzarbeiten und statistische Untersuchungen gehen kann. 2018/19 folgen – hoffentlich mit Städtebaufördermitteln – Fenster und Seitenwände sowie Emporen. Nebenher soll noch eine mobile und variable Bühne dafür sorgen, dass über Veranstaltungen weitere Gelder eingespielt werden. „Die Orgel wird in der Zeit immer spielbar bleiben“, sagt Schneider.

Zurzeit wird ein neues Nutzungskonzept erstellt. Die beiden oberen Emporen sollen Ausstellungen fassen – eine wird Clemens Wenzeslaus Coudray, dem Baumeister, gewidmet sein, die andere Johann Friedrich Schulze, dem Orgelbauer.

Und dann soll es, letztlich und wirklich, endlich, an die Orgelsanierung gehen. Die Bälge müssen beledert, die Windladen repariert, die Pfeifen vervollständigt und die Register erneuert werden. Alles ganz in Schulzes Tradition, historisch verbürgt, einmalig. „Das wird ein europaweites Pilotprojekt“, betont Udo Schneider. Er hofft darauf, dass Weimarer Musikhochschüler dann des Klanges wegen ihre Ausbildung zum Teil in Rastenberg absolvieren werden.

Wenn 2026 alles fertig wäre, würde das perfekt zum 200-Jährigen der Stadtkirche passen.