Wegen Priestermangel: Erfurter Bischof hält Aufweichen des Zölibats für denkbar

Erfurt  Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr spricht im Interview über Weihnachten als Friedensfest für alle Menschen, das Zölibat und die Strukturreform im Bistum Erfurt, die bald vollständig umgesetzt ist.

Bischof Ulrich Neymeyr

Bischof Ulrich Neymeyr

Foto: Peter Michaelis

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Weihnachten – das ist das Friedensfest für alle Menschen unabhängig ihrer Konfession oder überhaupt der Zugehörigkeit zur Religion. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der katholische Bischof Ulrich Neymeyr über Gedanken zum Fest aber auch darüber, was sich im nächsten Jahr im Bistum Erfurt verändert und dass es denkbar wäre, in naher Zukunft auch verheiratete Männer zum Priester weihen zu können.

Was bedeutet Weihnachten aus Ihrer Sicht heute für Christen und Nichtchristen?

Mir ist eine Stelle aus dem Lukasevangelium wichtig. Dort sagen die Engel nach der Geburt Jesu: ‚Friede den Menschen seines [= Gottes] Wohlgefallens‘. Was meint: Friede allen Menschen. Das finde ich wichtig und ist Ermutigung und Auftrag zugleich, eine Gesellschaft in Frieden und Gerechtigkeit für alle zu gestalten.

Sehen Sie den inneren Frieden und Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährdet?

Ja. Es gibt einen wachsenden Egoismus auf verschiedenen Ebenen. Der drückt sich in der Haltung aus: ‚Hauptsache mein Bereich ist in Ordnung, nur das zählt‘. ‚Meine Familie‘, ‚meine Partei‘, ‚meine Interessengruppe‘, ‚meine Bündnispartner‘, ‚meine Nation‘. Denken Sie nur an die Parole ‚America first‘ von US-Präsident Trump. Mit einer solchen Haltung geraten Interessen anderer, die ja auch berechtigt sein können, und das Allgemeinwohl aus dem Blick. Setzt aber jeder nur noch seine Interessen durch, spaltet das die Gesellschaft und zerreißt sie am Ende gar – zum Schaden aller!

Wird auch deshalb die Flüchtlingsfrage in Deutschland immer noch so aufgeheizt diskutiert?

Ich meine, dass die Zahl der Flüchtlinge, die mittlerweile stark zurückgegangen ist, nicht der Grund, sondern der Auslöser dafür ist, der diesen wachsenden Egoismus besonders deutlich zum Vorschein gebracht hat.

Wo kommt der her?

Der Mensch sieht zunächst einmal seine eigenen Interessen und nimmt die auch wahr. Das ist ihm irgendwie eingegeben. Dass der Mensch aber auch ein Sozialwesen ist und sein Gedeihen mit dem anderer Menschen zusammenhängt, muss er erst erfahren und erkennen: durch soziale Kontakte, durch Erziehung, Bildung und Kultur. Die Botschaft von Weihnachten ‚Friede allen Menschen‘ mahnt, dass es nicht ausreicht, nur die eigenen Interessen in den Blick zu nehmen, sondern auch die der anderen. Das betrifft alle Felder. Ob das nun persönliche oder wirtschaftliche oder politische Interessen sind.

Ich stelle mir Kirche gerade als Wirtschaftslobbyistin vor ...

Die Kirche ist wohl eher Lobbyistin der Frohen Botschaft... Aber natürlich werden auch wir hinterfragt, wenn sich etwa die Bischöfe zu wirtschaftlichen Problemen äußern. Die Frage, ob der kirchliche Umgang mit den Ressourcen und finanziellen Möglichkeiten der eigenen Botschaft entspricht, steht immer mit im Raum.

Sie stellen auf Sparsamkeit ab. Gibt es ein Spardiktat in der Firma ‚Bistum Erfurt‘?

Uns stehen Mittel zur Verfügung, und mit denen versuchen wir, als Kirche zu leben. Das beinhaltet immer wieder ein Ringen um die Frage, wieviel Geld wir ausgegeben können. Nicht nur für innerkirchliche Belange, sondern auch für die Unterstützung der Caritas, für Schulen oder Kindergärten, also dort, wo Kirche für die Gesellschaft einen Dienst tut.

Die Integration von Flüchtlingen ist so ein gesellschaftlicher Dienst. In Thüringen gab es immer wieder Stimmen, dass Kirchen sich hier stärker hätten einbringen können seit 2015. Wie gehen Sie im Haus mit dieser Kritik um?

Das waren allerdings nur Einzelstimmen. Wir haben dennoch geschaut, was es im Bistum Erfurt an Flüchtlingsinitiativen gab oder gibt, seien sie haupt- oder ehrenamtlich organisiert.

Ihre Analyse stützt die Kritiker?

Ganz im Gegenteil, wir müssen uns nicht verstecken. Mit unseren beschränkten Mitteln in Thüringen haben wir viel erreicht, und das vor allem dank des Engagements des Caritasverbandes und unzähliger Ehrenamtlicher. Tatsächlich können wir gar nicht alles erfassen, weil sehr viel im Stillen passiert und Hilfe geleistet wird, ohne es an die große Glocke zu hängen. Ich erinnere deshalb gern an unsere Fortbildungen zur Integrationsbegleitung. Ehrenamtliche sollten damit unterstützt werden, Flüchtlingen bei der Orientierung in Deutschland zu helfen. Die Veranstaltungen standen übrigens Christen wie Nichtchristen gleichermaßen offen, und der Zuspruch war groß.

2020 steuert das Bistum Erfurt auf die finale Umsetzung der Gemeindestrukturierung zu. 2019 gilt als Vorbereitungsjahr dafür. Welcher Schritte bedarf es für ein Gelingen der Reform im übernächsten Jahr?

Aktuell müssen wir rechtliche Fragen klären. Zum Beispiel benötigen die Statuten eine Überprüfung und gegebenenfalls eine Überarbeitung. Die neu zu gründenden Pfarreien werden dann unter den Pfarrern neu ausgeschrieben, das muss ebenfalls vorbereitet werden.

In einem Fall rebellierte ein Pfarrer ganz offen gegen die Bistumsleitung, als seine Pfarrgemeinde einer anderen zugeordnet wurde. Wie werden die Pfarrer eigentlich darauf vorbereitet, was mit der nun finalen Neustruktur auf sie zukommt?

Wir schulen unsere Pfarrer im Vorfeld und auch dann, wenn sie in den größeren Einheiten erste Erfahrungen gesammelt haben.

Wird sich an der Struktur noch etwas ändern?

Nein. Es bleibt bei den 2010 beschlossenen und verkündeten Zuschnitten der Pfarreien. Eine Abfrage bei den Dechanten ergab nur zwei Veränderungswünsche. Einem davon werden wir nachkommen, den anderen haben wir nach Beratungen verworfen.

Die Welt dreht sich dennoch immer schneller. Wie weit wird die neue Struktur in die Zukunft hineinreichen, die ja immerhin zehn Jahre bis zur finalen Umsetzung gebraucht hat, wenn sie 2020 dann in Kraft getreten ist?

Man muss damit rechnen, dass sich Dinge auch in Zukunft verändern. Aber, und das stimmt mich zuversichtlich, in den Pfarreien, wo die Fusion schon sechs Jahre zurückliegt, ist vieles gewachsen.

Wir landen bei 33 Gemeinden an. Wann kommen wir bei einer Großpfarrei Bistum Erfurt heraus?

Ich hoffe gar nicht.

Aber Sie halten es für nicht ausgeschlossen? Mehr Pfarrer werden es ja nicht.

Zunächst haben wir auch junge Pfarrer, und wer weiß: Vielleicht werden wir auch beim Zugang zum Priesteramt Veränderungen in unserer Kirche erleben. Unter Umständen können vielleicht sogar Verheiratete zum Priester geweiht werden.

Sie stellen gerade den Zölibat infrage.

Zum kirchlichen Leben braucht es Priester. Aber natürlich hängt nicht alles an den Priestern.

Sondern?

Wir waren eine priesterzentrierte Kirche, dann wurden wir in Deutschland zu einer Kirche, die stark auf hauptamtliche Mitarbeiter setzte, und jetzt entwickeln wir uns zu einer Kirche, die die Würde aller Getauften wieder entdeckt und darauf hofft, dass alle, Priester wie Laienchristen, an der Verwirklichung des Evangeliums mitwirken. Kirche verändert sich, nicht nur von oben nach unten, sondern auch von unten nach oben. Da gibt es spannende Entwicklungen: Es läuft der erste Kurs zur Vorbereitung von Laien, die in unserem Bistum den Dienst der kirchlichen Bestattung übernehmen werden. Die Anregung dazu stammt aus den Gemeinden. Vor fünf Jahren hätte das hier noch niemand für möglich gehalten.

Das heißt, dass ab kommendem Jahr die Beerdigungen ohne Pfarrer stattfinden können?

Ja, warum nicht. Vertreter der Gemeinde, die Schwerkranke und Sterbende begleiten, werden oft von ihnen oder ihren Angehörigen gebeten, im Todesfall auch die Bestattung durchzuführen. Weil sich eine intensive Beziehung entwickelt hat, gerade auch geistlich. Solchen Erfahrungen aus den Gemeinden wollen wir mehr Gestaltungsraum bieten.

Ich möchte nochmal zurück auf die Veränderungen bei der Priesterschaft kommen. Sie haben indirekt den Zölibat infrage gestellt.

In der katholischen Kirche wird schon lange über den Zölibat diskutiert. Denn die Situation stellt sich in anderen Ländern wesentlich enger dar als in Deutschland. Am Amazonas zum Beispiel, wo Gemeinden einen Priester oft nur einmal im Jahr sehen, wenn überhaupt. Dort hätte man die Priester, die man braucht, wenn geeignete verheiratete Männer zum Priester geweiht werden könnten.

Wann wird dieser Weg beschritten?

Im Herbst 2019 findet in Rom eine Amazonas-Synode statt: „Amazonien - neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“ Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein, da die Weihe der sogenannten ‚viri probati‘, also geeigneter verheirateter Männer, Thema werden könnte.

Können Sie sich das auch für das Bistum Erfurt vorstellen?

Diese Prüfungen und Zulassungen im Einzelfall kann ich mir auch für das Bistum Erfurt vorstellen.

Kurz vor Weihnachten haben Sie einen Ruhestandspriester angezeigt, der verdächtigt wird, einen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Ein weiterer Fall, nachdem die MHG-Studie in diesem Jahr bundesweit für Aufsehen gesorgt hat. Wie haben diese Vorfälle das Bistum Erfurt verändert?

Die Erschütterung ist groß, weil man lange Zeit gedacht hat, dass es in der Kirche nur Einzelfälle geben würde. Und es hätte keinen einzigen Fall in unserer Kirche geben dürfen.

Zehn Fälle aus dem Bistum Erfurt gab es in der MHG-Studie. Jetzt eine weitere Anzeige. Wann werden weitere Fälle öffentlich?

Jede Strafanzeige wegen sexuellen Missbrauchs wird von uns veröffentlicht. Nach der Missbrauchsstudie sind neben dem Hinweis auf den jetzt angezeigten Priester zwei weitere Meldungen eingegangen. Eine betrifft einen schon verstorbenen Geistlichen. Bei dem zweiten Hinweis kann sich das mutmaßliche Opfer leider nur sehr unscharf erinnern. Wir kennen keinen Namen und wissen im Moment noch nicht einmal, ob es sich bei dem Beschuldigten um einen Priester handelt.

Wie gehen Sie jetzt weiter vor im Bistum Erfurt?

Im neuen Jahr beauftrage ich unabhängige Fachleute, alle personenbezogenen Akten im Ordinariat auf Hinweise auf sexuellen Missbrauch zu untersuchen. Seit einigen Jahren nehmen alle Hauptamtliche, die im Bistum Personalverantwortung oder Umgang mit Minderjährigen haben, verpflichtend an Präventionsschulungen teil. Haupt- und Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit müssen polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen. Und auf der Ebene der Bischofskonferenz sollen die Personalakten standardisiert werden. Dass jedes Bistum seine Personalakten führt, wie es will, wurde in der Missbrauchsstudie kritisiert und soll der Vergangenheit angehören.

Abschließend noch eine Frage: Sehen Sie Chancen, dass das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Situation von Christen in der SED-Diktatur noch einmal wiederbelebt wird?

Der Ball liegt in der Thüringer Staatskanzlei. Wenn in der Staatskanzlei ein Weg gefunden wird, dann freut uns das natürlich sehr. Das heißt aber nicht, dass wir als Bistum sagen, dass uns das nichts angeht, was Christen unter SED-Herrschaft angetan wurde. Das von den ostdeutschen Diözesen unterstützte Institut für Zeitgeschichte forscht hier weiter.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.