Leserbrief: Langes Sterben nach endloser Tortour

TA-Leserin Christa Döll schreibt über Tierquälerei und blutiges Gemetzel in den spanischen Stierkampfarenen. Sie wünscht sich vor allem ein Umdenken bei den Touristen.

Blut fließt an der Sonnenküste. Es dringt aus einer Wunde im Schulterblatt eines Stieres in der spanischen Arena. Ein Degen steckt im Körper des Tieres, nur der Griff ragt noch heraus.

Der Stier, ein noch junges Tier, steht mit dem Rücken zur Balustrade. Erschöpft keuchend und zitternd vor Schmerz, den Kopf gesenkt. Aber er fällt nicht. Eine Viertelstunde lang wurde der Jungbulle schon durch die Arena gehetzt. Zuerst von den Peones, die ihn durch Schwenken eines roten Tuches reizten. Das ständige Anrennen gegen die Copa, scharfe Kehrtwendungen, abrupte Stopps und Stürze ermüdeten und verletzten ihn zusätzlich. Ein Picador auf einem gepolsterten Pferd rammte dem Tier eine Lanze in den Nacken, wobei der Lanzenreiter die Waffe tief ins Fleisch bohrte und sie mehrfach drehte, um den Nackenmuskel so zu beschädigen, dass der Stier seinen Kopf nicht mehr richtig heben kann. Geschwächt von der Hetzerei, den Verletzungen und dem Schmerz musste der Stier die nächste Tortour über sich ergehen lassen. Mit der Muleta, einem kleinen roten Tuch, reizte der Matador ihn zu letzten Angriffen, bevor er dem gefolterten Tier den Degen in den Körper stieß. Eigentlich sollte die Klinge beim ersten Stich das Herz treffen. Aber wie so oft verfehlte der Torero sein Ziel. Jetzt steht der gepeinigte Jungbulle an der Balustrade, flankiert von zwei Peones, die verhindern sollen, dass er ausbricht, vor ihn der Matador. Der hat zu einem anderen Marterwerkzeug gegriffen, einer Stichwaffe mit besonderer Spitze. zweimal stößt er sie in den Nacken des Tieres, um ihn durch einen Treffer ins Rückenmark zu Fall zu bringen. Bei jeder Bewegung des Tieres schiebt sich die Klinge in seinen Körper ein Stück weiter nach oben. Zweimal stößt der Matador noch zu, bevor der gemarterte Stier zur Seite fällt. Aber erst als ein Helfer seinen Dolch in die Nackenwirbel bohrt und das Rückenmark durchtrennt hat, ist er von seinen Qualen erlöst.

Das alles hat mit "Schönheit und Eleganz", wie es in einem Reiseführer über den Stierkampf heißt, nicht das Geringste zu tun. Denn auch vor den eigentlichen Kämpfen werden die Tiere in höchstem Maße gequält und geschwächt. In Spanien, aber auch in anderen Ländern, scheint es keinerlei Tierschutz zu geben, sonst würde man doch dieses perverse Gemetzel verbieten.

Viele Menschen wissen nicht, dass sich hinter einem solchen Stierkampf unendliches leid, Schmerzen und Qualen für diese armen Kreaturen verbirgt, die völlig chancenlos gegen mehrere Toreros um ihr Leben kämpfen müssen. Und viele Leute wissen auch nicht, dass die Tiere systematisch gefoltert werden. Denn wie kann es sein, dass man den bemitleidenswerten Tieren Nadeln in Hoden und After steckt, was an Perversität doch kaum noch zu überbieten ist. wie kann es sein, dass schwere Säcke auf den Rücken der Tiere geworfen werden, um ihre Nieren zu schädigen. Wie kann es sein, dass man den Tieren die Hörner bis auf die Nerven absägt, was enorme Schmerzen verursacht. Und wie kann es sein, dass man ihnen die Augen mit Salbe verschmiert, damit sie nicht richtig sehen können, ihnen Drogen verabreicht und wer weiß was noch alles Schlimmes antut.

Wer hat solch ein krankes Gehirn und denkt sich so etwas Abartiges und Widerwärtiges aus? Aber das Schlimmste ist, dass dieser ungleiche und grausame Kampf als "Kulturgut" verkauft wird. Was ist es denn für eine Kunst, ein derart gefoltertes und geschwächtes Tier noch zusätzlich zu quälen?

Für mich sind diese Toreros keine mutigen Männer, sondern elende Feiglinge. Unverständlich ist es, wie man sich als Zuschauer an diesem langsamen, zu Tode quälen eines Tieres ergötzen kann. Unverständlich ist auch, wie schon Kinder an Kälbern und Jungtieren "üben" dürfen und diese langsam und unsachgemäß zu Tode quälen und somit schon an diesem blutigen Sport herangeführt werden. Wenn man bedenkt, das jahrelanges "Üben" erforderlich ist, um mit einem gezielten Stich das Herz des jeweiligen Tieres zu treffen, kann man sich ausdenken, wie viel Qualen ein Stier ertragen muss, ehe er erlöst ist. Meine Hochachtung gilt Katalonien, wo der Stierkampf ab 2012 verboten ist und es wäre wünschenswert, wenn andere Länder auch diese Entscheidung treffen würden.

Wünschenswert wäre auch, wenn ich mit diesen Zeilen ein Umdenken bei spanischen und französischen Touristen bewirken könnte. Denn nur wenn man diese grausamen Stierkämpfe meidet, wird dieses blutige Spektakel bald keine Zukunft mehr haben.