TA-Forum Gesundheit: Wenn der Herzvorhof flimmert, steigt das Risiko des Schlaganfalls

Bad Berka  Chefärzte der Zentralklinik Bad Berka klären über Gefahren der Rhythmusstörung und ihre Therapie auf.

Die Chefärzte Johann-Christoph Geller (links) und Thomas Kuntze.

Die Chefärzte Johann-Christoph Geller (links) und Thomas Kuntze.

Foto: Delf Zeh/Zentralklinik

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Zwei Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Vorhofflimmern. Es ist mit großem Anstand die häufigste Herzrhythmusstörung. Diese lebensbedrohliche Erkrankung tritt zunehmend auch in jüngeren Altersgruppen auf.

Eine Besonderheit der Zentralklinik in Bad Berka ist seit zehn Jahren die enge Zusammenarbeit zwischen Kardiologie und Herzchirurgie. Selbst für vertrackte Fälle von Herzrhythmusstörungen, die andernorts vielfach nicht sinnvoll angehbar sind, habe man deshalb oft noch eine Option, betonen Prof. Dr. Johann-Christoph Geller, Chefarzt der Abteilung Rhythmologie der Klinik für Kardiologie, sowie Dr. Thomas Kuntze, Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie. Beim TA Forum Gesundheit zum Thema Vorhofflimmern standen sie Rede und Antwort.

Welche Altersverteilung gibt es?

Vorhofflimmern tritt verstärkt in einem Alter ab 60, 65 Jahren auf. In den letzten Jahren zeigt sich allerdings eine Tendenz zu einem früheren Eintreten dieser Erkrankung. Die Ursache dafür kennen wir noch nicht genau. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass die häufigsten Grunderkrankungen der Herzrhythmusstörung, Bluthochdruck und Diabetes, zunehmen und zudem auch in jüngeren Lebensaltern auftreten.

Die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe sind die 75- bis 80-Jährigen, sodass die Zahl der Patienten in den nächsten 10-15 Jahren noch deutlich ansteigen wird, selbst die Grunderkrankung sich nicht ändern würde. Tatsächlich nimmt diese aber ebenfalls zu.

Warum ist Vorhofflimmern lebensbedrohlich?

Das mit Vorhofflimmern einhergehende Risiko ist nicht die Rhythmusstörung selbst. Es besteht vielmehr in einer deutlich erhöhten Rate an Schlaganfällen, die durch kleine Blutgerinnsel bedingt sind, die im Herzvorhof entstehen. Bei Patienten mit Vorhofflimmern liegt die statistische Häufigkeit für einen Schlaganfall bei etwa fünf Prozent pro Jahr. Die normale Bevölkerung hat ein statistisches Risiko von nur 0,8 Prozent pro Jahr. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund dafür, dass Menschen, die Vorhofflimmern haben, etwa doppelt so häufig versterben wie Gleichaltrige, die zwar die gleiche Grunderkrankung, aber einen normalen Rhythmus haben. Diese erhöhte Schlaganfallsrate ist also mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert. Dies betrifft nahezu alle Patienten, die unter einer solchen Rhythmusstörung leiden.

Wodurch machen sich Rhythmusstörungen in der Regel bemerkbar?

Das zweite Problem, welches häufig auch der Grund dafür ist, dass der Patient den Arzt aufsucht, besteht darin, dass Rhythmusstörungen sehr viele Beschwerden verursachen. Das kann Herzrasen, unregelmäßiger Herzschlag oder auch Herzklopfen sein. Dass man schneller aus der Puste kommt, dass die Beine schwer werden, sobald man körperlich aktiv wird, das alles kann Ausdruck der sehr unökonomischen Arbeitsweise des Herzmuskels während der Rhythmusstörung sein.

Wie verhalten sich die beiden Problemfelder zueinander?

Das erhöhte Risiko, das durch den Schlaganfall bedingt ist, und die Beschwerdesymptomatik, die der Patient verspürt, diese beiden Problemfelder muss man gedanklich trennen, da die Behandlung dieser beiden Teilaspekte der Rhythmusstörung sehr unterschiedlich ist.

Wie identifiziert man eine Rhythmusstörung am Herzen?

Dazu braucht man immer ein EKG. Es ist die einzige Möglichkeit, die Rhythmusstörung zu klassifizieren. Das EKG zeigt uns: Wie klopft das Herz? Schnell? Unregelmäßig? Wenn die Rhythmusstörung nicht permanent vorhanden ist, muss man trotzdem zusehen, dass man ein EKG für die Zeitspanne erhält, wo die Rhythmusstörung läuft. Gerade am Anfang einer sich noch entwickelnden Rhythmusstörung ist das nicht immer einfach. Dann kommt und geht die Rhythmusstörung. Wenn man abends nach Hause kommt, geht das Herzklopfen in dieser Ruhephase zunächst zurück, und am nächsten Morgen kann es sogar ganz geschwunden sein. Wenn das EKG keine Rhythmusstörung ausweist, heißt das nicht zwangsläufig, dass Sie sich die Rhythmusstörung eingebildet haben. Es kann auch sein, dass das EKG schlicht zum falschen Zeitpunkt gemacht wurde.

Welche Untersuchungen kann man durchführen?

Es gibt eine Reihe, zum Beispiel eine Ultraschalluntersuchung des Herzens. Sie sagt etwas zur Grunderkrankung. Die häufigste ist hoher Blutdruck. Das Herz muss dann gegen den erhöhten Druck ankämpfen, was manchmal zu einer Wandverdickung der Herzmuskulatur führt. Auch Klappenfehler, Pumpfunktionsstörungen und andere Dinge kann man sehr gut im Ultraschall sehen. Das wäre ein Hinweis, dass die Rhythmusstörung Ausdruck einer Herzerkrankung, einer Klappenerkrankung ist.

Ein Belastungs-EKG sowie eine Ultraschalluntersuchung der Speiseröhre kann man durchführen, um die Frage zu klären, ob es bereits ein Blutgerinnsel in der linken Vorkammer gibt. Das ist wichtig zu wissen, wenn wir die Rhythmusstörung angehen wollen. Wenn wir mit Elektroschock, mit Medikamenten oder mit einer Ablation aus der Rhythmusstörung wieder einen normalen Takt machen wollen. Vorher muss man unbedingt wissen, ob im Vorhof bereits ein Blutgerinnsel sitzt. Denn wenn das so ist, wäre eine Wiederherstellung des Taktes unter Umständen sehr gefährlich.

Welche Formen von Vorhofflimmern gibt es?

Man unterscheidet drei Formen. Es gibt Episoden von Rhythmusstörungen, die kommen und gehen und hören auch von selber wieder auf. Solches Vorhofflimmern nennt man paroxysmal. Persistierend heißt es, wenn anhaltendes Vorhofflimmern nicht wieder von selbst aufhört, wenn also der Arzt ein Medikament spritzen oder mit Elektroschock therapieren muss. Ist das Vorhofflimmern gar nicht mehr zu beseitigen ist, bezeichnet man es als permanent.

Wie entwickeln sich die Formen von Vorhofflimmern?

Die Rhythmusstörungen beginnen oft mit einem anfallsweisen Vorhofflimmern und schreiten fort, wenn die Grunderkrankung zunimmt. So entstehen länger anhaltende Formen von Rhythmusstörungen, teilweise werden sie sogar dauerhaft.

Wie spiegeln sich die beiden Teilaspekte der Rhythmusstörung in der Therapie wider?

Das eine wichtige Ziel der Therapie ist die Senkung des erhöhten Schlaganfallrisikos. Das betrifft fast alle Patienten. Auch diejenigen, die eine Rhythmusstörung nicht bemerken, haben unter Umständen dieses Risiko; denn die kleinen Blutgerinnsel, die sich in der Vorkammer bilden, muss man nicht unbedingt spüren.

Das zweite wichtige Ziel der Therapie ist die Frequenzkontrolle. Wenn ein Patient Beschwerden hat, wird man versuchen, diese zu lindern oder komplett abzustellen, um die Pumpfunktion der Herzmuskulatur erhalten, die während dieser sehr schnellen und unregelmäßigen Rhythmusstörung häufig leidet. Außerdem will man zusätzliche strukturelle Umbauvorgänge verhindern, die die Rhythmusstörung von sich aus bewerkstelligt.

All das versuchen wir, mit einer Behandlung zu erreichen.

Wie wirkt Aspirin?

Eine wichtige Beobachtung von Studien in den vergangenen 30 Jahren ist: Aspirin, welches bei einem Schlaganfall die Standardtherapie ist, schützt nicht gut gegen das Auftreten des Schlaganfalls, wenn dieser auf dem Boden von Vorhofflimmern auftritt. Auch neuere Studien zeigen, dass Aspirin und ähnliche Substanzen in diesem Fall keinen besonders guten Schutz bieten und ein relativ hohes Blutungsrisiko haben.

Wie wirken Warfarin und die neuen Antikoagulantien?

Das sind Substanzen, die die Blutgerinnung hemmen („Blutverdünner“) und die effektivste Therapie, die es zur Verhinderung des Schlaganfalls gibt.

Braucht man eine blutverdünnende Therapie?

Diese Frage wird heute, im Gegensatz zu früher, nicht mehr durch ein EKG beantwortet. Früher hat man auf so eine festgestellte Rhythmusstörung unmittelbar reagiert: Bei einer Rhythmusstörung, die stets mit der Gefahr einhergeht, dass das Blut länger im Vorhof verbleibt und gerinnt, hat man Blutverdünner gegeben. Und wenn der normale Takt zurückkehrte, hörte man mit der Blutverdünnung auf. Diese Doktrin gilt heute nicht mehr. Heute sagt man: Das Schlaganfallrisiko ist Ausdruck einer strukturellen Erkrankung am Herzen. Das kann hoher Blutdruck, Diabetes oder eine andere Gefäßveränderung sein. Und diese strukturellen Veränderungen sind – unabhängig vom aktuellen Herzrhythmus – immer vorhanden.

Welches Risiko geht vom Alter aus?

Das Alter spielt eine besondere Rolle: Menschen, die älter als 65 Jahre sind, tragen ein deutlich höheres Risiko, Menschen über 75 Jahre haben das höchste Risiko.

Gibt es ein besonderes Wiederholungsrisiko?

Ja. Wer schon einmal einen Schlaganfall auf dem Boden von Vorhofflimmern hatte, der trägt ein sehr hohes Wiederholungsrisiko.

Welche Bedeutung hat die Grunderkrankung für die Therapie?

Anhand der Grunderkrankungen wird heute entschieden, ob jemand eine blutverdünnende Therapie bekommt oder nicht. Wenn, dann gibt es diese Therapie in der Regel dauerhaft und unabhängig davon, ob die Rhythmusstörung kommt und geht.

In ganz seltenen Ausnahmefällen gibt es Patienten, die eine Rhythmusstörung allein als elektrisches Problem haben und ansonsten gesund sind. Aber die allermeisten Patienten haben die Rhythmusstörung auf dem Boden einer Grunderkrankung. Das sind bei uns in Deutschland fast immer hoher Blutdruck, eine Durchblutungsstörung oder ein Klappenfehler. Um das sehr hohe Risiko eines Schlaganfalls in diesen Fällen zu reduzieren, braucht es eine blutverdünnende Therapie, und zwar dauerhaft. Denn die Grunderkrankung endet nicht nach Wochen oder Monaten.

Welche Bedeutung hat die Bekämpfung der Symptome?

Die Symptomatik ist neben der Risikoreduktion das zweite wichtige Ziel der Behandlung. Es gibt dabei zwei Behandlungsstrategien: Entweder ist der Puls schnell und wir beschränken uns darauf, den Puls in der Kammer zu verlangsamen, ohne dass wir zwangläufig versuchen, die Rhythmusstörung abzustellen. Denn das ist oft schwierig, weil die Medikamente häufig nebenwirkungsträchtig sind oder häufig nicht besonders gut funktionieren. Deshalb muss man sich manchmal mit der Frequenzkontrolle zufrieden geben, wenngleich die Wiederherstellung und langfristige Erhaltung des normalen Taktes häufig die beste Symptomverbesserung bringt. Aber das funktioniert eben leider nicht immer.

Sieht man das Überleben der Patienten als Ziel der Therapie, so gibt es keinen Unterschied zwischen beiden Behandlungsstrategien: Die reine Kontrolle des Pulses hat bezüglich der Überlebensrate keinen Nachteil gegenüber dem Versuch, den Takt wieder herzustellen.

Dazu muss man allerdings folgendes anmerken: Alle Studien dazu wurden bei etwa 75-jährigen Patienten gemacht. Es könnte daher theoretisch einen Unterschied machen, ob ein jüngerer Patient 30 oder 40 Jahre lang mit dem Leiden zu kämpfen hat oder ein älterer Patient sieben oder zehn Jahre. Dazu gibt es aber keine Daten.

Welches ist die erste Stufe der Therapie?

Die erste Stufe wäre eine medikamentöse Antiarrhythmika-Therapie. Der Arzt gibt ein Rhythmusmedikament, das der Patient dann häufig dauerhaft nehmen muss. Wenn es sich um ein anhaltendes Vorhofflimmern handelt, wenden wir zusätzlich einen Elektroschock an, um die Rhythmusstörung zunächst zu beenden.

Gibt es Probleme mit Antiarrhythmika?

Ja, sie sind nicht besonders effektiv. Die Chance, dass die Rhythmusstörung dadurch abgestellt wird, liegt nur bei 50 Prozent. Die andere Hälfte der Patienten nimmt brav Tabletten, und die Rhythmusstörungen kommen trotzdem wieder.

Und wie bei allen Medikamenten können dauerhafte Nebenwirkungen entstehen. Antiarrhythmika haben eine spezifische Nebenwirkung. Sie können in einem kleinen Prozentsatz der behandelten Patienten selber teilweise lebensbedrohliche Rhythmusstörungen in der Herzhauptkammer hervorrufen. Das wird als pro-arrhythmischer Effekt der Substanzen bezeichnet.

Wie geht man mit diesem Risiko um?

Deshalb beginnt man eine solche Therapie fast ausschließlich unter EKG-Monitor-Überwachung in der Klinik. Der Arzt kann nicht einfach ein Rezept ausstellen und sagen, wir sehen uns in sechs Wochen wieder und schauen, ob es geholfen hat. Stattdessen muss man in den ersten 3-4 Tagen nach Einleitung einer solchen Therapie sehr genau auf das EKG achten. Drei bis fünf Prozent der Patienten entwickeln durch das Medikament eine lebensgefährliche Proarhythmie. Diese Patienten müssen durch das EKG erkannt werden. Die Medikation muss dann sofort beendet werden.

Und was tut man dann, wenn das Medikament lebensgefährlich wirkt?

Dann muss die Medikation beendet werden. Vor einigen Jahren hat man in so einem Fall einfach gesagt: Dann muss der Patient eben mit der Rhythmusstörungen leben. Aber wenn die Krankheit hochsymptomatisch ist, ist das eigentlich keine Antwort. Deshalb unternimmt man heute, wenn Medikamente nicht wirken, bei Vorhofflimmern große Anstrengungen für eine nicht-medikamentöse Therapie.

Welche Medikamente sind überhaupt einzunehmen?

Bei Patienten ohne strukturelle Herzerkrankung wären Klasse I Antiarrhythmika (Flecainid oder Propafenon) gut geeignete Medikament. Bei einer strukturellen Herzerkrankung – wenn das Herz schlecht pumpt, bei Durchblutungsstörungen am Herzen, bei hohem Blutdruck – ist die Auswahl der zur Verfügung stehenden Medikamente sehr klein. Amiodaron und in einigen Fällen Sotalol sind die beiden Substanzen, die bei fortgeschrittener Herzrhythmusstörung gegeben werden dürfen.

Gibt es Hoffnung auf neue, bessere Medikamente?

In den vergangenen 20 Jahren hat es keine einzige Neuerung auf dem Antiarrhythmika-Markt gegeben. Dronedaron, sozusagen die kleine Schwester von Amiodaron, ist eine sehr recht gut verträgliche Substanz, die aber nicht besonders effektiv ist und bei schwerer Pumpfunktionsstörung nicht gegeben werden darf. Die Hoffnungen, die zunächst in diese Substanz gesetzt worden, haben sich letztlich nicht erfüllt. Und neue Substanzen sind nicht auf den Weg.

Was bleibt, wenn die Rhythmusstörung nicht mit Medikamenten behandelt werden kann?

Die Herzchirurgen haben uns vorgemacht, wie man Herzrhythmusstörungen nicht-medikamentös zu Leibe rücken kann. Alle Verfügungsverfahren stammen letztendlich aus dem herzchirurgischen Operationssaal und sind dort entwickelt worden und dann ins Katheter Labor übergewechselt. Sie haben in den letzten 20 Jahren die Berufssparte sozusagen des Elektrikers am Herzen erst hervorgebracht.

Beim Vorhofflimmern kommt uns eine Beobachtung aus dem Operationssaal und dem Katheter Labor sehr zur Hilfe: Vorhofflimmern wird meist durch wiederholt auftretende Vorhof Extraschläge ausgelöst. Und diese Erkenntnis ist letztlich der Anker für unsere Therapie geworden. Diese Extraschläge versucht man abzustellen, um dadurch zu verhindern, dass eine neue Episode von Vorhofflimmern auftritt.

Wie kommt es zu diesen Extraschlägen des Herzens?

Man hat geschaut, wo diese Extraschläge herkommen, wenn sie Rhythmusstörung auslösen. Man hat festgestellt: Sie entstehen fast ausschließlich im Mündungsbereich der großen Gefäße, die das Blut aus der Lunge in den linken Vorhof zurückbringen. Man kann vereinfacht sagen, die Extraschläge wohnen dort, wo die Vene an den Herzmuskel angedockt ist. In diesem Mündungsbereich fangen die strukturellen Veränderungen beim hohen Blutdruck, bei der Durchblutungsstörung, bei Diabetes an. Dort kommt es zu ersten Veränderungen des Muskels und der Elektrik. Auch wenn der Vorhof selbst strukturell noch relativ normal ist, können in diesem kleinen Mündungsbereich bereits relativ früh extrem hohe Herzfrequenz von 800 bis 900 Schlägen pro Minute entstehen. Der Vorhof kommt mit einer derart hohen Herzfrequenz schließlich nicht mehr mit.

Was macht man gegen solche Veränderungen im Mündungsbereich der Gefäße, die zum Herz führen?

Wir stellen diese pathologisch veränderten Areale ‚vor die Tür‘, in dem wir eine ringförmig kleine Narbe in diesem Bereich machen. Wir trennen diese Areale elektrisch vom Rest des Herzens ab, und zwar mit einem Instrument, dessen Spitze 3,4 Millimeter groß ist, vergleichbar mit der eines Kugelschreibers. Diese Spitze wird auf 42 bis 45 Grad Celsius erhitzt und damit wird Punkt für Punkt eine kleine Narbenlinie um diesen Bereich gezogen. Danach wird der Vorhof von der hohen Frequenz von bis zu 800 Schlägen nicht mehr erreicht und bleibt elektrisch stabil. Alternativ kann man mit Hilfe eines Ballonkatheters und Kälteenergie diese ringförmige Ablationslinie bewirken. Das funktioniert ausgesprochen gut, solange das Problem in der Vene ist und die Rhythmusstörung kommt und geht.

Was kann man machen, wenn das Problem nicht mehr auf den kleinen Mündungsbereich der Gefäße beschränkt ist?

In dem Moment, wenn der Vorhof größer wird oder die Vorhofflimmerepisoden länger andauern oder gar nicht mehr aufhören, reicht die Lungenvenenisolation nicht mehr aus. Wenn das Problem im Vorhof angelangt ist, hilft es nicht mehr, die Tür sozusagen zu verschließen. Dann macht man zusätzliche und teilweise sehr ausgedehnte Verödungen im Vorhof selber. Das ist sehr viel aufwändiger und dauert länger und funktioniert auch nicht mehr so gut.

Hängt die Rhythmusstörung mit der Größe des Vorhofs zusammen?

Vor einigen Jahren wollten wir zwei Dinge herausfinden. Erstens: Wie groß ist ein Vorhof, wenn das Vorhofflimmern noch kommt und geht? Und wie groß ist der Vorhof geworden, wenn das Vorhof flimmern nicht mehr von selber aufhört. Wie man sich vorstellen kann, ist der Vorhof dann bereits deutlich größer. Zweitens wollten wir wissen: Ab welcher Vorhofgröße werden unsere Ergebnisse mit der kleinen, 3,4 mm großen Katheterspitze schlecht?

Ein normaler Vorhof hat ein Volumen von etwa 70 Milliliter. Ein Vorhof, der ansatzweise Vorhofflimmern hat, hat ein Volumen von 100-110 ml. Und ein Vorhof, der anhaltendes Vorhofflimmern hat, hat ein Volumen von etwa 130-140 ml.

Wir haben festgestellt, dass unsere Ergebnisse mit der Katheterspitze schlecht sind, wenn der Vorhof ein Volumen von mehr als 150 ml ist. Wenn er also etwa doppelt so groß, wie er normalerweise sein müsste.

Der Grund ist wahrscheinlich folgender: Je größer der Vorhof ist, desto schwieriger wird es, mit so kleinen Instrument diese dann teilweise sehr ausgedehnten Ablationskonzepte durchzuführen.

Was heißt das konkret?

Also: Wenn das Vorhofflimmern anhaltend und zugleich der Vorhof sehr groß ist, das heißt größer als 150 ml, dann unternehmen wir keinen Versuch, den Vorhof mit einer kleinen Katheterspitze zu veröden, sondern erwägen einen chirurgischen Eingriff, und zwar über einen kleinen Schnitt seitlich an der rechten Brustwand. Denn dann können wir ein sehr viel größeres, ein 10 cm großes Instrument für die Verödung verwenden. Das funktioniert in diesen Fällen erwartungsgemäß besser als mit der kleinen Katheterspitze.

Hat die chirurgische Verödung Vorteile?

Die chirurgische Verödung hat tatsächlich einen zusätzlichen Vorteil. Denn die kleinen Blutgerinnsel, die normalerweise mit blutverdünnender Therapie behandelt werden müssen, entstehen fast ausschließlich in dem als Vorhofohr bezeichneten Bereich der linken Vorkammer. Genau dieses Reservoir, wo die Mehrzahl der Blutgerinnsel entsteht, wird bei einem chirurgischen Eingriff entfernt oder verschlossen. Auf diese Weise wird man trotz großen Vorhofs die Rhythmusstörungen los und zugleich in der Regel auch die blutverdünnende Therapie.

Ich fasse zusammen: Die erste Maßnahme beim Vorhofflimmern ist immer die gerinnungshemmende Behandlung zur Vermeidung des Schlaganfalls.

Bezogen auf das Sterblichkeitsrisiko sind Rhythmisierung und Frequenzkontrolle gleichrangig zu betrachten. Kein Verfahren ist in dieser Hinsicht dem anderen überlegen.

Jemand, der keine Beschwerden hat, braucht keine medikamentöse Rhythmisierung und keine Ablation. Bei Vorhofflimmern mit Beschwerden wird eine medikamentöse Rhythmisierung oder nichtmedikamentöse Therapie (Ablation) durchgeführt. Der Verschluss des Vorhofohrs durch ein Katheterverfahren oder minimalinvasiv chirurgisch ist für eine Reihe von Patienten eine gute nichtmedikamentöse Alternative zur dauerhaften Behandlung mit Gerinnungshemmern.

Wie funktioniert der chirurgische Vorhofohrverschluss?

Um das Vorhofohr sicher zu verschließen, gibt es nur zwei absolut zuverlässige Methoden: Entweder: Abschneiden und Vernähen des Vorhofs. Oder: Verschluss mit einem speziellen Clip. Danach ist der Bereich vom Blutstrom und von der elektrischen Überleitung des Herzens komplett ausgeschlossen und baut sich in narbiges Gewebe um. Dort können sich anschließend also nie wieder Gerinnsel ansammeln, die zu einem Problem werden könnten.

Was ist mit Laser- und Ultraschallbehandlung zur Ablation?

Bei Laser und Ultraschall ist die Dosierung das Hauptproblem. Diese Energiequellen lassen sich sehr schlecht limitieren. Es ist deshalb sehr schwierig, das darum liegende Gewebe, die Speiseröhre, den Zwerchfellnerv, die Lunge zu schützen. Deshalb sind die Anwendung von Laser und Ultraschall nicht die Standard-Verfahren für eine Ablation.

In welchem Zusammenhang stehen Schilddrüsenerkrankung und Herzrhythmusstörungen?

Das Schilddrüsenhormon ist ein Stimulans für die Elektrik des Herzens. Insbesondere Schilddrüsenüberfunktion geht sehr häufig mit Herzrhythmusstörungen, also Extraschlägen oder auch Vorhofflimmern einher. Man würde also zunächst die Schilddrüse behandeln. Wenn man Glück hat, erledigt sich danach auch die Rhythmusstörung.

Was kann man tun, wenn man den Eindruck hat, dass ein Medikament wie Amiodaron die Beschwerden verstärkt?

Wenn sich die Beschwerden mit der Einnahme eines hochpotenten Medikaments wie Amiodaron verstärken, sollte man zunächst ein Langzeit-EKG machen lassen und überprüfen, ob die Rhythmusstörungen durch diese Medikation beseitigt worden sind. Wenn ja, müsste man andere Ursachen für diese Beschwerden klären. Ist die Rhythmusstörung wieder da, würde man sicherlich ein Medikament, was seinen Zweck nicht erfüllt und zudem die Beschwerden nicht beseitigt, nicht dauerhaft weitergeben.

Ist es richtig, bei mir von ASS auf wirkliche Blutverdünner umzustellen?

Wenn jemand wie Sie im Alter von Mitte 70 so wenige Beschwerden hat und relativ gut belastbar ist, ist die Umstellung von ASS auf wirkliche Blutverdünner meiner Meinung nach korrekt. Denn für jemanden, der so aktiv ist und Rhythmusstörungen so gut toleriert, wäre ein Schlaganfall eine Riesen-Katastrophe. Und davor kann man sich schützen mit wirklichen Blutverdünnern wie die neuen Antikoagulantien, die besser schützen als ASS. Zumal man mit Mitte 70 zur Hauptrisikogruppe gehört, ist es richtig, die Medikation jetzt umzustellen.

Ist eine Herzrhythmusstörung immer durch Vorhofflimmern bedingt?

Nein. Vorhofflimmern ist eine Form der Rhythmusstörung und mit Abstand die häufigste. Es gibt allerdings auch Extraschläge und Herzrasen anderer Natur. Rhythmusstörung ist hier nur der Oberbegriff. Bei Kindern und jungen Erwachsenen ist nicht Vorhofflimmern die häufigste Form der Rhythmusstörung. Hier sind es vielmehr angeborene Fehlanlagen des elektrischen Systems.

Spürt man die Herzrhythmusstörung immer?

Nein, man spürt sie nicht immer. Es gibt Patienten, die gar nichts merken. Wir schreiben deshalb zur Sicherheit ein EKG. Aber auch diejenigen, die ihr Vorhofflimmern nicht spüren, haben ein Schlaganfallrisiko. Das muss man genauso behandeln, als wenn sie die Rhythmusstörung bemerken würden.

Alle Fragen auf www.thueringer-allgemeine.de/herzprobleme

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