100 Jahre Thüringen – ein Blick in die Geschichte

Was ist Thüringen? Das Land, das gefühlt viel älter ist, wird an diesem 1. Mai 100 Jahre alt.

Das Goethe-und-Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar (Archivbild).

Das Goethe-und-Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar (Archivbild).

Foto: Martin Schutt / dpa

In dem Dorf, in dem ich aufwuchs, gibt es bis heute zwei Friedhöfe. Auf dem einen wurden dereinst, die Untertanen des Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach begraben, auf dem anderen jene des Herzogs von Sachsen-Coburg-Gotha. Der Ort war geteilt; der Fluss, der mitten hindurchfloss, diente als Grenze.

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Damals, zu feudalen Zeiten, gab es auch zwei Schulen. Nur zum gemeinsamen Kirchgang durften die Weimarer zu den Gothaern über die Brücke, immerhin waren die beiden Herzöge ja miteinander verwandt.

Einen Ort weiter im Wald hingegen ging es strenger zu. Dort regierten die Preußen das halbe Dorf, derweil die andere Hälfte Weimar unterstand. Das Ergebnis waren zwei protestantische Kirchen für zwei-, dreihundert Einwohner.

So verhielt es sich bis vor 100 Jahren mit Thüringen. Das Land, das sich heute so wie die vormaligen Königreiche Bayern und Sachsen stolz Freistaat nennt, war ein besonders kleinteiliges Sammelsurium von bis zu dreißig Einzelstaaten, gesprenkelt mit Ex- und Enklaven.

Herzöge holten Künstler, Komponisten, Dichter und Denker

In nahezu jedem Städtchen und sogar in einem gewissen Ebersdorf stand ein Schloss, eine Burg oder ein Herrenhaus herum, weil es mal nach irgendeiner Erbteilung als Residenz gedient hatte. Parallel zu den Sachsen-Irgendwas, auch Ernestiner genannt, gab es ja noch die Schwarzburger, die Reußen, ältere wie jüngere Linie – oder eben das ferne Königreich Preußen, das sich 1815 die Gebiete vom Erzbistum Mainz geschnappt hatte, darunter auch Erfurt.

Der freundliche Nebeneffekt war jedoch, dass sich jene Herzöge, die sich das halbwegs leisten konnten, kulturell wertvolle Hobbys zulegten. Sie holten Künstler und Komponisten oder Dichter und Denker an ihre Musenhöfchen, ließen Theater und Bibliotheken errichten oder riesige Parks anlegen. Und sie waren echte Netzwerker: Insbesondere die Gothaer schafften es, sich in jedes Königs- und Fürstenhaus Europas einzuheiraten, das nicht bei Fünf auf dem Schneekopf war.

Geistiges und künstlerisches Zentrum Deutschlands

So kam es, dass diese doch arg provinzielle Region, in der zu allem kulturellen Überfluss auch noch Luther die Bibel übersetzte und Bach geboren wurde, um das Jahr 1800 herum für eine Weile zu einem geistigen und künstlerischen Zentrum Deutschlands wurde.

Dennoch blieb Thüringen bloß ein Name, eine Idee. Ja, in Vorzeiten hatte es wohl mal einen Stamm der Thoringi gegeben und später, im Mittelalter, die Thüringer Landgrafen, wobei diese teils über ganz andere Gebiete herrschten. Aber alle Versuche, aus der Landschaft ein Land zu formen, ob nun während der Revolution 1848 oder mit der Reichsgründung 1871, scheiterten an den Regenten. Auch als mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts das überaus erfolgreiche Buch „Der Thüringer Kleinstaatenjammer“ erschien und das selbstbewusst gewordene Bürgertum die „Thüringer Frage“ immer intensiver diskutiert, passierte: nichts.

Ein Land namens Thüringen

Es bedurfte eines Weltkriegs und der nachfolgenden Revolution, um Thüringen zu ermöglichen. Nachdem die Fürsten abdanken mussten sich die Reußen schon mal vereinigt hatten, verhandelten die verbliebenen sieben Thüringer Länder über die Fusion, unter Einschluss der preußischen Gebiete. Aber da machte Berlin nicht mit, womit es nur zur „kleinthüringischen Lösung“ mit Weimar als Hauptstadt kam, ohne Erfurt und die anderen preußischen Exklaven. Derweil verabschiedete sich Coburg per Volksabstimmung gen Bayern.

Aber egal: Ab dem 1. Mai 1920 gab es erstmals, per Reichsgesetz, ein Land namens Thüringen. Die alte Idee bekam nun erstmals einen staatlichen Rahmen, eine ordnungspolitische Identität. Beides wurde von den Menschen angenommen. Mochten sich schon damals viele Meininger wie Franken fühlen und etliche Altenburger wie Sachsen: Der größere Teil der Thüringer akzeptierte das neue Land als das ihre – obwohl das Leben darin nicht unbedingt leichter wurde.

Die Regierungen wechselten in rascher Abfolge. Erst versuchten es die Sozialdemokraten mit den Kommunisten, dann die Bürgerlichen mit den Völkischen – und den Nazis. Ab 1933 wurde Thüringen schließlich zum NS-Mustergau umgebaut und von einem Netz aus Konzentrationslagern überzogen, hinter dem das Land verschwand.

Als sich nach Kriegsende der Landtag wieder konstituierte, waren die Gebiete des gewesenen Preußens dabei. Damit hatte sich das Land in den ungefähren Grenzen, wie wir sie heute kennen, erstmals etabliert. Und obwohl es schon 1952 in Bezirke aufgeteilt wurde, überdauerte es die DDR – in den Gedanken und Gebräuchen seiner Bürger, aber auch formal.

Kultureller Reichtum und historische Widersprüche

Denn aufgelöst wurde es nie. Im Jahr 1990, mit der deutschen Einheit, stellten deshalb nur sehr wenige die Daseinsberechtigung Thüringens infrage. Die diskutierte mitteldeutsche Fusion oder gar ein Zusammenschluss mit Hessen besaßen keine Mehrheit.

Somit wurde das Land Thüringen vor 30 Jahren nach 1945 zum zweiten Mal reanimiert und besteht mit diesem 1. Mai 100 Jahre – in all seiner regionalen Vielfalt, mit seinem kulturellen Reichtum und seinen historischen Widersprüchen. Es ist diese besondere Mischung, die bis heute Innovationen aber auch politische Experimente begünstigt.

Vielleicht darf deshalb dem Jubilar auch dies gewünscht werden: dass die nächsten 100 Jahre etwas weniger turbulent ausfallen mögen.

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