30 Jahre Einheit: Thüringer Soziologe über das Gefühl der Zweitklassigkeit

Weimar.  Der aus Thüringen stammende Soziologe Detlef Pollack zu Gründen des Unterlegenheitsgefühls.

Zur Einheitsfeier vor dem Berliner Reichstagsgebäude wehten in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 die Deutschlandfahnen. Eine jubelnde Menschenmenge feierte, dass das Land eins wurde. Seither treten die Differenzen stärker in den Vordergrund.

Zur Einheitsfeier vor dem Berliner Reichstagsgebäude wehten in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 die Deutschlandfahnen. Eine jubelnde Menschenmenge feierte, dass das Land eins wurde. Seither treten die Differenzen stärker in den Vordergrund.

Foto: Roland Holschneider / dpa

Wo stehen wir im Jahr 30 der Einheit? Woher rühren Protest und Ressentiment in Ostdeutschland seit der friedlichen Revolution bis heute? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack (64), der aus Weimar stammt, an der Uni Münster lehrt und jetzt ein Buch unter dem Titel „Das unzufriedene Volk“ veröffentlicht hat.

Mit Blick auf den Titel Ihres Buches: Ist denn die Unzufriedenheit tatsächlich das prägende Merkmal der Ostdeutschen?

Nein. Eine wesentliche Erkenntnis in meinem Buch lautet: Wenn von Ostdeutschen öffentlich die Rede ist, wird sehr oft über die Opfer der Einheit gesprochen, über Jammer-Ossis oder über Unzufriedenheit. Wenn man aber die Ostdeutschen selbst fragt, sind zwei Drittel und zum Teil sogar mehr mit ihrem Leben zufrieden oder sehr zufrieden. Sie sagen, dass sie aus der Wiedervereinigung mehr Vorteile als Nachteile gezogen haben. 68 Prozent beurteilen ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut, nur neun Prozent als schlecht.

Womöglich haben die Zufriedenen keinen Grund, lautstark zu sein, während die anderen ihre Unzufriedenheit lautstark vor sich hertragen und deshalb wie Scheinriesen lange Schatten werfen?

Ganz genau. Wir müssen unterscheiden zwischen der lautstarken Minderheit, die ganz bewusst in die Öffentlichkeit drängt und beachtet werden will, wenn wir etwa an Pegida denken, und einer Mehrheit, die zufrieden ist mit dem Funktionieren der Demokratie, sich gesellschaftlich engagiert und weniger beachtet wird. So gesehen ist es nicht gerecht, die Ostdeutschen als Jammerossis zu bezeichnen.

Das unzufriedene Volk, das Sie in Ihrem Buchtitel nennen, ist womöglich auch der Teil der Bürgerschaft, der sich von einem Obrigkeitsstaat Lösungen erwartet und zugleich diesen Staat in Zweifel zieht…

Wir sollten die Größenverhältnisse beachten: Wir erleben gerade eine lautstarke, aber sehr kleine Minderheit, die wegen Corona protestiert, zugleich stimmen 80 Prozent dem Handeln der Regierung in Coronazeiten zu und fordern zum Teil sogar noch schärfere Regeln.

Es zeigt sich aber auch, dass mittlerweile die Risse durch viele Familien gehen, dass Gesprächsfäden gekappt wurden. Nicht erst seit Corona, aber doch immer offensichtlicher… Wie nehmen Sie das wahr?

Das fällt mir auch auf. Es drängt sich mir, ohne dass ich das jetzt wissenschaftlich belegen könnte, der Eindruck auf, dass die Kommunikation zwischen den Generationen und zwischen den unterschiedlichen Gruppen in Ostdeutschland nicht so intensiv geführt wird. Ich finde, dass die Menschen stärker aufeinander zugehen sollten.

Was kommt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung auf uns an Herausforderungen zu?

Eine der Herausforderungen, die sich jetzt stellen – neben Klima und Digitalisierung – ist sicherlich der Umgang mit dem Rechtspopulismus, denn wir haben in den ostdeutschen Ländern eine ganz beachtliche Zustimmung zur AfD.

Sie vertreten die Meinung, dass nicht alle Wähler der AfD zugleich rechtsextrem sind. Was liegt denn dann der Wahlentscheidung zugrunde?

Studien zeigen, dass etwa die Hälfte der AfD-Wähler rechtsextremen Positionen zuneigt, die andere Hälfte nicht. Wenn das so ist, besteht die Chance, diesen Teil der Wählerschaft anzusprechen und den Dialog mit diesen Menschen zu suchen.

Ist das Motiv dieser nicht rechtsextremen AfD-Wähler Unzufriedenheit?

Ich würde eher sagen: Protest. Man möchte Aufmerksamkeit erzielen. Man möchte ein Signal senden in der Öffentlichkeit. Das heißt aber auch, dass man gut ansprechbar ist, dass man gehört und ernst genommen werden möchte. Und das wäre eine wichtige Aufgabe für alle demokratischen Parteien von der CDU bis zur Linken: Es geht darum, bereit zu sein zum Dialog mit diesem Wählerspektrum der AfD.

Was regt diese Menschen am meisten auf?

Sie sehen sehr viele Gruppierungen in der Gesellschaft kritisch: Sie haben etwas gegen Zuwanderer. Gegen Muslime. Gegen Frauen mit Kopftuch, aber auch gegen Feministinnen. Gegen die LGBT-Community. Gegen Diversität. Gegen Linke. Gegen Multikulturalismus. Und wenn man die Feindbilder zusammenfasst…

… dann bleibt eigentlich nur der ureigene Lebensentwurf als einzig akzeptabler übrig, oder?

Die zur Schau gestellte Weltoffenheit der anderen, die sich als Kosmopoliten sehen, wird als Zumutung empfunden. Und daraus folgt die Einschätzung: Wir sind anders. Wir sind nationalistisch. Also Kosmopolitismus gegen Regionalismus. Wenn man das weiß, weiß man auch, wo diese Menschen positiv ansprechbar sind.

Das wäre?

Zum Beispiel eignen sich die Themen Heimatgefühl, Familie, Deutschland…

Wie wichtig ist für jene, die so viele Gruppen ablehnen, sich selbst anderen überlegen zu fühlen?

Dieses Bedürfnis ist stark ausgeprägt. Oft stecken gar keine individuellen Erfahrungen hinter der Ablehnung der anderen. Die Abgrenzung ist teilweise auch eine Inszenierung.

Warum ist die Wahlentscheidung für die AfD im Osten prozentual deutlich höher als im Westen?

Ein wichtiger Faktor ist, dass sich viele Menschen in Ostdeutschland stark in Differenz zu den Lebensverhältnissen im Westen definieren. Es gibt das Gefühl der Unterprivilegierung, der Zweitklassigkeit. Es geht um das Gefühl der Zurücksetzung. Die Unzufriedenheit speist sich aus dem Vergleichsmaßstab West. Ein zweiter, ebenfalls sehr wichtiger Punkt ist: Es gibt im Osten zwar keine Korrelation zwischen der persönlichen wirtschaftlichen Lage und der Wahrscheinlichkeit, dass man AfD wählt, aber es gibt eine Korrelation zwischen der Region, in der man lebt, und der Neigung zur AfD.

Das heißt?

Wenn man den Eindruck hat, man lebt in einer schrumpfenden Region, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man AfD wählt, viel höher, als wenn man das Gefühl hat, in einer prosperierenden Region zu leben. Im Osten gibt es mehr schrumpfende Regionen als im Westen.

Aber das führt doch dazu, dass bestimmte Regionen überhaupt nicht mehr attraktiv sind. Wer will schon dorthin ziehen oder investieren, wo jeder dritte Nachbar die AfD gewählt hat?

Verweigerungshaltungen können sich regional konzentrieren und verfestigen. Das ist natürlich kein Incentive für potenzielle Investoren, so dass die zurückgebliebenen Regionen weiter zurückfallen. Im schlimmsten Falle kann das sogar zu in einer Abwärtsspirale hineinführen.

Dabei waren eigentlich die herausforderndsten Zeiten die 1990er- Jahre... Warum bricht das jetzt erst auf?

Ja. Anfang der 1990er-Jahre haben die Menschen keine Mühen gescheut, sich auf die neuen marktwirtschaftlichen Verhältnisse einzustellen, aber sie mussten die frustrierende Erfahrung machen, dass es nicht in ihrer Hand lag, Erfolg zu haben. Dieser Eindruck hat sich bei manchen tief eingebrannt, auch wenn sie gar nicht selbst, sondern ihre Eltern oder Großeltern damals betroffen waren. Diese Verletzung wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre im vereinten Deutschland?

Entscheidend ist der sich selbst tragende wirtschaftliche Aufschwung. In dem Maße wie der gelingt, wird der Stolz auf das Erreichte ansteigen. Dann wird die Zufriedenheit weiter wachsen und es wird keinen Grund mehr geben, sich dem Westen unterlegen zu fühlen.

Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk, Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichenRevolution bis heute, 232 Seiten, Transcript Verlag, 20 Euro

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