Ärzte der Ahmadiyya-Gemeinde untersuchten Asylbewerber in Gotha

Gotha  Lang war die Liste der Patienten, die zwischen Erstuntersuchung und Notfallversorgung medizinischen Rat suchten – besonders für die Kinder

Die Kardiologen Irfam Azam (rechts) und Wajahat Warraich untersuchen im früheren Baumarkt in Gotha einen Jungen aus Afghanistan. Foto: Lutz Ebhardt

Die Kardiologen Irfam Azam (rechts) und Wajahat Warraich untersuchen im früheren Baumarkt in Gotha einen Jungen aus Afghanistan. Foto: Lutz Ebhardt

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Das Thermometer zeigt null Grad. Auf dem Hof des früheren Praktiker-Baumarktes in Gotha-Ost liegt kein Krümel Schnee und auch kein Krümel Müll. In den Behältern dafür ist noch gut Platz. Der Schmähling-Transporter bringt Mittagessen.

Im Gebäude ist es warm. Einige Kinder und Männer laufen mit nackten Füßen in Badeschuhen durch den schier riesigen Raum. Wo früher Regale standen, in denen Tapeten, Farben, Bohrmaschinen, Schraubenschlüssel und Holzwerkzeuge auf die Kundschaft warteten, trennen Bauzäune kleinere Räume ab. Die Zäune sind mit schwarzer Folie bespannt. Direkt daran stehen Doppelstockbetten. Ein wirklicher Rückzugsraum ist es nicht. Aber man schläft nicht wie auf einem Flur.

Jens-Uwe Pfeifer leitet diese Außenstelle der Erstaufnahme in Thüringen für das Landesverwaltungsamt. Er sagt, dass aktuell knapp 400 Menschen, 155 davon sind Kinder, hier unterbracht sind.

Abgeteilt ist ein Aufenthaltsraum für die Kinder. Sie spielen Mühle und Mensch-ärgere-dich-nicht, malen Bilder oder springen auf dem kleinen Trampolin. Zwei Mitarbeiterinnen vom Deutschen Roten Kreuz haben Aufsicht.

Ebenfalls abgeteilt ist der frühere Gartenmarkt. Dort stehen Bierzeltgarnituren für die Mahlzeiten. Direkt daneben sind am zweiten Wochenende im Jahr 2016 ebenfalls mit bespannten Bauzäunen drei Kabinen abgeteilt. Davor sitzen rund fünfzig Menschen, viele haben Kinder auf dem Schoß. Auf einem Tisch liegt eine lange Liste mit Namen. Man konnte sich vorher eintragen, es ist bekannt, dass Ärzte kommen.

Es sind der Neurochirurg Dr. Mohammed Sarfraz Baloch aus dem Ruhrgebiet, der Kinderchirurg Mohammed Valeed Ahmad Sethi aus Hannover, die Kardiologen Wajahat Warraich aus Wiesbaden und Irfam Azam aus Dietzenbach und der Medizinstudent Irfan Ahmad Bhatti aus Gießen.

Die Erfurter Gemeinde der weltweit organisierten, moslemischen Ahmadiyya-Gemeinde hat die Untersuchungen ermöglicht. Die Ärzte und ihre Familien waren vor Jahren selbst Flüchtlinge und sind nun in der freiwilligen Ärzteorganisation dieser Gemeinde ehrenamtlich aktiv. Die Flüchtlingshilfe nennen sie ihr aktuell wichtigstes Projekt.

Eine Mutter aus Afghanistan kommt mit ihrem kleinen Sohn, der offensichtlich Mühe mit bestimmten Reaktionen und außerdem äußerst anstrengende Wochen hinter sich hat. Die Kardiologen Wajahat Warraich und Irfam Azam erwarten ihn. Außerdem wartet ein Dolmetscher. Er hält die Hand des Jungen, während er der Mutter die Worte der Ärzte übersetzt. Sie sprechen mit dem Dolmetscher Englisch. Er übersetzt der Afghanin und so geht es zurück.

„Die Menschen hier sprechen vor allem Paschtu, Persisch und Arabisch“, sagt Suleman Malik (31). Er hat als Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt diese Untersuchung organisiert. Es ist sein Ehrenamt, in dem er gerade auch das Übersetzen anbietet. Er lebt seit 20 Jahren in Thüringen und arbeitet im Kundenservice der Telekom.

Es gibt, so die Auskunft der Ärzte, aber auch ein spezielles Rezept, das ausgestellt werden kann. Ansonsten haben die Flüchtlinge nur Anspruch auf die Erstuntersuchung und dann auf eine Behandlung im Notfall, denn es gibt keine Gesundheitskarte für sie. Bei einer Grippe sind die Flüchtlinge mehr gefährdet als Einheimische, da sie erst Abwehr gegen die speziellen Viren aufbauen müssen.

Jens-Uwe Pfeifer verweist auf ein ganz anderes Problem: „ Wegen neuer Regeln sind die Flüchtlinge aus Afghanistan jetzt vom Deutschunterricht ausgeschlossen. Das gibt Spannungen, denn wir müssen unterscheiden. Die einen dürfen zum Sprachkurs, die anderen nicht, aber alle wollen.“

Menschen aus Gotha, die Dinge spenden oder Flüchtlingsfamilien kennen lernen möchten, sind am Eingang zum Baumarkt jederzeit willkommen. „Es gibt immer einen Ansprechpartner“, sagt Jens-Uwe Pfeifer. Gebraucht würde eigentlich alles.

Der Neurochirurg Mohammed Sarfraz Baloch berichtete gestern: „Am Samstag haben wir 110 und am Sonntag 70 Patienten versorgt, eine große Anzahl darunter waren Kinder mit diversen Beschwerden. Die Medikamente wurden von uns gegeben. Dieses Wochenende war anstrengend, da es viele Patienten waren, was wiederum verdeutlicht, dass Hilfe gebraucht wird. Wir versuchen nun, eine mobile Praxiseinheit, ein DocMobil, zu organisieren, um besser und mobiler zu werden.“