Altbundespräsident Joachim Gauck: Bitte keine Ossi-Quote

Erfurt  Altbundespräsident Joachim Gauck fordert bei einer Podiumsdiskussion in Erfurt von den Menschen, Verantwortung zu übernehmen.

Alt-Bundespräsident Joachim Gauck (links) trifft in Erfurt Matthias Büchner. Beide betrieben als Bürgerrechtler die friedliche Revolution 1989 im Neuen Forum.

Alt-Bundespräsident Joachim Gauck (links) trifft in Erfurt Matthias Büchner. Beide betrieben als Bürgerrechtler die friedliche Revolution 1989 im Neuen Forum.

Foto: Kai Mudra

Altbundespräsident Joachim Gauck ist gegen eine Ossi-Quote. Aus seinem Unbehagen machte er Dienstagabend in Erfurt keinen Hehl. „Wenn es genügend Menschen gibt, die ihre Verantwortung wahrnehmen, dann erübrigt sich diese Quote“, betont der Politiker auf einer Podiums-Diskussion des ZDF-Landesstudios gemeinsam mit der Stiftung Ettersberg. Wo solle diese Quote hinführen, fragte er weiter. Zugleich räumt er ein, wenn die Mehrheit diese Quote möchte, dann sage ich als Demokrat, sie ist für eine bestimmte Zeit okay.

Der frühere DDR-Bürgerrechtler und spätere Bundeschef der Stasi-Unterlagenbehörde war für das Gespräch in den Kubus der Gedenkstätte „Andreasstraße“ im früheren Erfurter Stasi-Gefängnis gekommen. Etwa 100 Gäste zollten Gauck viel Beifall. Erfurt war die erste Stasi-Bezirksverwaltung, die von den Menschen besetzt wurde.

Wo wären die Ost-Renten ohne den Westen?

Ich möchte, dass sie sich selbstbewusst zeigen, fordert dieser mit Blick ins Publikum und verweist auf Angela Merkel, die Bundeskanzlerin geworden sei, weil sie in der CDU zum richtigen Zeitpunkt Verantwortung übernommen habe. Ob sie auch mit einer Quote dieses Amt erreicht hätte, bezweifelt das ehemalige Staatsoberhaupt.

Joachim Gauck forderte die Menschen im Osten Deutschlands zu mehr Selbstachtung und Selbstbewusstsein auf. Er verweist auf die Leistungen der friedlichen Revolution 1989 und das danach Erreichte.

Auf die Frage, ob denn nach knapp 30 Jahren noch von Ossi und Wessi die Rede sein müsse, verweist er auf die Unterschiede, die es heute noch gebe. Aus seiner Sicht präge den Osten die Erfahrung der friedlichen Revolution, das Erkämpfen der Freiheit. Vom Westen stamme das Wirtschaftsmodell, die soziale Marktwirtschaft.

Es dürfe nicht übersehen werden, so der 79-jährige Redner, dass es die alte Bundesrepublik war, die nach der Wiedervereinigung die Transferleistungen in den Osten übernommen habe. So habe Bundeskanzler Helmut Kohl den Umtausch des Blechgeldes zum Kurs von 1:1 und 1:2 ermöglicht. Joachim Gauck fragt in die Runde der Zuhörer: „Wie würden unsere Renten heute ohne die Bundesrepublik aussehen?“ Das Publikum nickt nachdenklich.

„Niemals dürfen sie denen glauben, die sagen, sie hatten keine Wahl, wir mussten das so machen“, gibt der Politiker seinen Zuhörern mit auf den Weg. Das klinge so schön, keine Wahl gehabt zu haben, damit stelle sich auch nicht mehr die Frage nach Schuld oder Mitschuld. Diese müsse aber beantwortet werden, ist sich Gauck sicher.

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