Brüssel/Berlin. Was Urlauber über Tempolimits auf Europas Autobahnen wissen müssen: die Regeln, die Strafen – und wie Experten den Nutzen beurteilen.

Wer von Deutschland aus mit dem Auto über die Grenze ins Ausland fährt, hat stets das gleiche Erlebnis: Egal in welche Richtung es geht – auf den Autobahnen unserer neun Nachbarstaaten gelten Geschwindigkeitsbegrenzungen. Auch für Pkw. Welches Tempolimit ist wo vorgeschrieben? Was bringen die Regelungen? Ein Überblick über die Vorschriften bei unseren Nachbarn – und wie Experten den Nutzen einschätzen.

Generell gilt: Deutschland ist mit seinem Nein zu Tempolimits auf Autobahnen Außenseiter in Europa. Nur in Liechtenstein, Malta und Estland gibt es ebenfalls keines. Doch wer keine Autobahnen hat, braucht für diese auch keine Höchstgeschwindigkeit festzulegen. Im übrigen Europa gelten Geschwindigkeitsgrenzen zwischen 90 und 140 Stundenkilometern.

Der Flickenteppich ist verwirrend: „Es gibt im europäischen Ausland viele verschiedene Vorschriften“, sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel unserer Redaktion. Reisende müssten vor ihrem Urlaub erstmal sensibilisiert werden, dass im Zielland andere Regeln herrschen und die Bußgelder gegebenenfalls drastisch sein können. Außerdem gelten für Fahranfänger in vielen Ländern Europas Sonderregelungen, betont Hölzel.

Tempolimit: Das gilt in wichtigen Zielländern für die Urlaubsfahrt

  • Tempolimit in Österreich: Für Pkw beträgt das Höchsttempo 130 auf den Autobahnen. Auf den Transitautobahnen (Tauern, Inntal, Brenner, Rheintal) ist das Limit von 22 bis 5 Uhr für Pkw sogar auf nur 110 km/h reduziert. Diskutiert wird in Österreich zudem über ein strengeres Tempo 100. Dafür gebe es „gute wissenschaftliche Gründe“ mit Blick auf C02-Ausstoß und Verkehrssicherheit, erklären Verkehrsexperten, die bei der Regierung interveniert haben. Verkehrsministerin Leonore Gewessler (Grüne) winkt bislang aber ab: Die Verschärfung sei sinnvoll, aber politisch nicht durchsetzbar.
  • Tempolimit in Italien: Auch hier gilt Tempo 130 für Pkw auf Autobahnen. Noch: Verkehrsminister Matteo Salvini prüft gerade eine Erhöhung auf 150 Stundenkilometern für Abschnitte, die als besonders sicher gelten. Verstöße werden in Italien aber streng geahndet: Wird die Geschwindigkeitsgrenze um 20 km/h überschritten, werden mindestens 175 Euro fällig. Nachts erhöht sich die Strafe um ein Drittel. Für Fahranfänger in den ersten drei Jahren gilt Tempo 100.
  • Tempolimit in der Schweiz: Tempo 120, die Strafen sind hoch: Bei Überschreitungen um mehr als 20 km/h folgen eine Anzeige und mindestens 260 Euro Bußgeld.
  • Tempolimit in Frankreich: Tempo 130, bei Regen nur 110. Fahranfänger in den ersten drei Jahren dürfen maximal 110 km/h fahren. Immer wieder wird über eine Absenkung der Geschwindigkeitsgrenze debattiert, Präsident Emmanuel Macron sagt aber „Non“. Die Bußgelder sind im Vergleich zu Deutschland hoch, warnt das Zentrum für europäischen Verbraucherschutz. Bis zu 1.500 Euro kann das Rasen kosten.
  • Tempolimit in den Niederlanden: Hier wurde das Tempolimit aus Umweltschutzgründen vor drei Jahren auf 100 Stundenkilometer verschärft. Nur abends und nachts ab 19 Uhr sind wie früher 130 Stundenkilometer erlaubt. Grund: Die Niederlande leiden unter hohen Stickoxid-Emissionen, die die Grenzwerte der Europäischen Union erheblich übersteigen. Das höchste Gericht entschied: Entweder harte Eingriffe wie ein scharfes Tempolimit – oder Stopp großer Bauvorhaben. Nennenswerten Widerstand gegen Tempo 100 gab es nicht; allerdings weicht ein Teil der Autofahrer nun auf Landstraßen aus.
  • Tempolimit in Dänemark: Hier ist ein Höchsttempo von 130 festgelegt, Verstöße ab 20 Stundenkilometer werden mit Bußgeld von mindestens 135 Euro geahndet.

Polen hat gemeinsam mit Bulgarien mit Höchsttempo 140 die großzügigste Regelung in der EU. Norwegen ist mit Tempo 90 am strengsten (und die Bußgelder von mindestens 585 Euro bei 20 Stundenkilometer zu viel mit am härtesten). Sonst liegt die Grenze am häufigsten bei 130 km/h: Etwa bei unseren Nachbarn Luxemburg und Tschechien, in Kroatien, Litauen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Ungarn und Griechenland. Für 120 km/h haben sich Finnland, Irland, Portugal, Schweden, Belgien und Spanien entschieden.

Tempolimit: Macht es die Autobahnen sicherer?

Wer mit dem Auto im EU-Ausland unterwegs ist, merkt schnell: Entspannter fährt es sich mit Tempolimit auf jeden Fall. Aber ist es auch sicherer? ADAC-Sprecher Hölzel sagt: „Im internationalen Vergleich lässt sich ein Zusammenhang zwischen generellem Tempolimit und dem Sicherheitsniveau auf Autobahnen nicht eindeutig feststellen.“

Nur noch Tempo 100 von 6 bis 19 Uhr: auf den niederländischen Autobahnen. Das Verkehrsschild macht auf die abgesenkte Höchstgeschwindigkeit aufmerksam, die aus Umweltschutzgründen eingeführt wurde.
Nur noch Tempo 100 von 6 bis 19 Uhr: auf den niederländischen Autobahnen. Das Verkehrsschild macht auf die abgesenkte Höchstgeschwindigkeit aufmerksam, die aus Umweltschutzgründen eingeführt wurde. © dpa | Friso Gentsch

Die Annahme, dass ein Tempolimit auf Autobahnen die Unfallzahlen senken würde, lasse sich nicht belegen. „Die Autobahnen sind die bei weitem die sichersten Straßen in Deutschland“, betont Hölzel. Tatsächlich liegt Deutschland bei der Todesrate je tausend Kilometer Autobahn nach Daten des Statistischen Bundesamtes mit jährlich 30 Toten im europäischen Mittelfeld. Bulgarien führt die Liste an mit 83 Todesfällen – trotz Geschwindigkeitsgrenze. Schlechter als Deutschland liegen weitere Tempolimit-Länder: Belgien, Tschechien, die Slowakei und Polen. Andererseits schneiden Österreich und Dänemark (je 20 Tote), Spanien (21 Tote) und Frankreich (23 Tote) deutlich besser ab.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema: Schluss mit dem deutschen Sonderweg – Tempolimit jetzt!

Eine Untersuchung der Unfallforschung der deutschen Versicherungswirtschaft (UDV) stellt dazu klar: Die zulässige Höchstgeschwindigkeit ist nur ein Faktor für die Unfallzahlen – weitere Verbesserungen der Fahrzeugtechnik, Fahrerassistenzsysteme, bessere Straßen und Schulung des Verkehrsverhaltens seien mindestens ebenso wichtig. Das Alter der Autos und die Qualität der Fahrausbildung kommen hinzu, zeigen weitere Experten-Analysen.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Resümee der Versicherer: „Auch wenn 130 km/h intensiv überwacht und damit überhaupt eingehalten würde, wird das Potenzial für die Verkehrssicherheit als eher gering eingestuft.“ Der ADAC fordert deshalb wissenschaftliche Untersuchungen auf Pilotstrecken, um die Wirkung von Tempolimits genauer zu ermitteln.

Lesen Sie auch: ADAC-Präsident – „Zum Bäcker mit dem Fahrrad anstatt dem SUV“

Tempolimit auf Autobahnen: Das Ausmaß des Klimaeffekts ist umstritten

Und der Effekt für das Klima? Eingeführt wurden Tempolimits in Europa fast immer nicht wegen des Klimaschutzes sondern zur Verkehrssicherheit oder – wie in Österreich – in der Ölkrise der 70er Jahre zum Energiesparen. Klar ist aber: Eine niedrigere Fahrgeschwindigkeit führt zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen. Motoren arbeiten am effizientesten im mittleren Geschwindigkeitsbereich.

Umstritten ist indes das Ausmaß der Klimaschonung. Das österreichische Umweltbundesamt gibt an, Tempo 130 auf Autobahnen habe den C02-Ausstoß der Pkw-Flotte auf durchschnittlich 190 Gramm pro Kilometer begrenzt. Bei Tempo 100 wären es nur noch 146 Gramm. Das deutsche Umweltbundesamt geht nach einer neuen Studie davon aus, dass ein Tempolimit von 120 km/h die Treibhausgasemissionen des Straßenverkehrs hierzulande um 2,9 Prozent senken würde, die vermutete Änderung von Reiserouten eingerechnet um 3,6 Prozent. Das ist aber umstritten: Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) meint, ein Tempolimit würde kaum Emissionen einsparen.