Mexiko-Stadt/Quito. „Ich habe keine Angst“, sagt Villavicencio. Wenig später ist er tot. Der Mord an dem Präsidentschaftskandidaten erschüttert Ecuador.

Die seit Monaten anhaltende Gewalt in Ecuador hat jetzt auch den Wahlkampf um das Präsidentenamt erreicht. Am Mittwochnachmittag (Ortszeit) erschoss ein Attentäter den konservativen Präsidentschaftskandidaten Fernando Villavicencio im Anschluss an eine Wahlveranstaltung im Zentrum der Hauptstadt Quito.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der 59-jährige Villavicencio, dem kaum Chancen bei der Wahl eingeräumt wurden, bestieg gerade sein Auto, als ihn aus der Menge mehrere Schüsse in den Kopf trafen. Der Täter wurde anschließend von Sicherheitskräften getötet. Erst vergangene Woche hatte Villavicencio öffentlich gemacht, dass er von einem Anführer der Drogenbande „Los Choneros“ bedroht werde, die mit dem mexikanischen Sinaloa-Kartell verbündet ist.

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Villavicencio galt als Vertrauter des amtierenden Staatschefs Guillermo Lasso, dessen Nachfolger am 20. August vorgezogen gewählt wird. „Im Gedenken an ihn und seinen Kampf versichere ich, dass dieses Verbrechen nicht ungestraft bleiben wird“, schrieb Lasso nach der Tat auf der Social-Media-Plattform X. Der Präsident wies die Urheberschaft des Mordes dem Organisierten Verbrechen zu. Lasso rief noch am Abend das Sicherheitskabinett zusammen.

Favorisierte Kandidaten Luisa González setzt Wahlkampf aus

Umfragen sahen Villavicencio bei rund 7,5 Prozent der Stimmen und damit auf dem fünften Rang von acht Kandidatinnen und Kandidaten. Sein Wahlkampf stand unter dem Motto „Zeit für die Mutigen“. Hauptthemen waren für ihn der Kampf gegen die Korruption und die Gewaltkriminalität sowie die fortschreitende Umweltzerstörung in dem Andenstaat, der zwischen Kolumbien und Peru liegt.

Luisa González, die in den Umfragen führende Kandidatin, setzte ihre Kampagne nach dem Mord unmittelbar aus: Die Tat sei „eine Schande für uns alle, meine Solidarität gilt seiner Familie und seinen Anhängern.“ González steht dem früheren Linkspräsidenten Rafael Correa nahe und war politisch eine klare Gegnerin Villavicencios.

Fernando Villavicencio (M), ecuadorianischer Präsidentschaftskandidat, schwenkt eine ecuadorianische Nationalflagge während einer Wahlkampfveranstaltung in einer Schule, Minuten bevor er erschossen wird.
Fernando Villavicencio (M), ecuadorianischer Präsidentschaftskandidat, schwenkt eine ecuadorianische Nationalflagge während einer Wahlkampfveranstaltung in einer Schule, Minuten bevor er erschossen wird. © dpa | -

Der Mord sei ein Wendepunkt in einem stagnierenden Wahlkampf mit Kandidaten ohne Identität, sagte der Direktor der Beratungsfirma Icare der Zeitung „El País“ aus Spanien. „Der Wahlkampf wird nicht mehr derselbe sein.“ Der Neoliberale und ehemalige Banker Lasso regiert seit Mai 2021 und hatte aufgrund der anhaltenden Proteste gegen ihn im Land im Mai Neuwahlen ausgerufen, bei denen er nicht wieder antritt.

Ecuador – neuer Hotspot der Drogenkartelle

Seit einiger Zeit erschüttern Morde, Anschläge, Entführungen, Schutzgelderpressungen und weitere Gewaltverbrechen die Städte Ecuadors, vor allem die Hafenstadt Guayaquil. Schon lange warnen Sicherheitsexperten, dass Ecuador ein neuer Hotspot der lateinamerikanischen Drogenkartelle geworden ist, wo sie um Routen und Reviere ringen. Nachgewiesen ist die Präsenz der mexikanischen Großmafias „Sinaloa-Kartell“ und „Jalisco Nueva Generación“, die sich mit jeweils gegnerischen lokalen Gruppen verbünden.

Vergangenen Monat verhängte Präsident Lasso nach einer Reihe von Morden im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen den Ausnahmezustand und nächtliche Ausgangssperren in drei Provinzen. Im April hatte er die Waffengesetze gelockert und den Bürgern so das Tragen von Waffen erlaubt. Im Juli wurde der Bürgermeister der Stadt Manta, Agustín Intriago, ermordet. Im Februar töteten Unbekannte Omar Menéndez, Bürgermeisterkandidat der Stadt Puerto López.

Als die Schüssen fallen, gehen Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Fernando Villavicencio bei einerr Wahlkampfverantaltung in Deckung.
Als die Schüssen fallen, gehen Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Fernando Villavicencio bei einerr Wahlkampfverantaltung in Deckung. © dpa | Uncredited

In einem TV-Interview kritisierte Villavicencio jüngst die Rolle der Behörden bei der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität. „Die Polizei weiß, wo sich die Verstecke von Kriminellen, Drogenhändlern, illegalen Minenarbeitern und Wirtschaftskriminellen befinden“, und versprach im Falle seiner Wahl die „Sicherheitskräfte zu säubern“.

Villavicencio: „Ich habe keine Angst vor ihnen“

Villavicencio machte auch immer wieder öffentlich, dass er von dem Chef der Bande „Los Choneros“ bedroht werde. „Wenn ich die Choneros weiter erwähne, werden sie mich umlegen“, hatte er befürchtet. Villavicencio weigerte sich jedoch nachzugeben: „Ich habe keine Angst vor ihnen“.

Los Choneros ist eine alteingesessene Drogenbande. Sie ist eine der mächtigsten kriminellen Gruppen Ecuadors und wird derzeit vom mexikanischen Sinaloa-Kartell für den Kokainschmuggel genutzt. Die Choneros stehen in Konflikt mit anderen Banden wie „Los Lobos“ und „Tiguerones“. Diese wiederum stehen im Soll des mexikanischen Kartells „Jalisco Nueva Generación“.