Berlin. Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin soll bei einem Flugzeugabsturz gestorben sein. Nun mehren sich die Gerüchte, dass es kein Unfall war.

Noch ist die Lage unübersichtlich. Fest steht: In Russland ist am Mittwoch ein Flugzeug abgestürzt, das auf dem Weg von Moskau nach Sankt Petersburg war. An Bord soll unter anderem ein Mann gewesen sein, der lange als Freund von Russlands Machthaber Wladimir Putin galt und die Führung in Moskau zuletzt in Aufruhr versetzt hat: Jewgeni Prigoschin.

Trotz einiger Ungereimtheiten scheint sicher: Der Chef der Söldner-Truppe Wagner ist bei dem Absturz gestorben. In Russland wurde er inzwischen für tot erklärt. Und auch der Telegram-Kanal "Grey Zone", den Prigoschin zur Verbreitung seiner Videos nutzte, meldete am Mittwoch dessen Tod und schrieb: "Selbst in der Hölle wird er der Beste sein."

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Prigoschin bei Flugzeugabsturz gestorben: Gerüchte um möglichen Anschlag

Indes mehren sich die Gerüchte, dass es sich bei dem Absturz nicht um einen Unfall gehandelt haben könnte. Schon allein das Datum des vermeintlichen Unglücks lässt aufhorchen: Genau zwei Monate vor seinem Tod hatte Prigoschin seine Privatarmee zum Aufstand gegen die russische Staatsmacht bewegt und den Marsch auf Moskau befohlen.

Offiziellen Angaben zufolge sind die Unstimmigkeiten mit der russischen Führung längst geklärt. Prigoschin hat seine Truppen nach Belarus verlegt, wo sie für Sorgen auf polnischer Seite sorgen. Doch Experten sahen das Leben des Wagner-Chefs längst in Gefahr. Der Tenor: Mit Wladimir Putin, den trotz leiser Kritik unangefochten starken Mann in Russland, legt man sich nicht an.

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Angriff auf Prigoschin? Bisher keine Beweise

Und auch nun gibt es Stimmen, die von einem Anschlag sprechen. So berichtet "Grey Zone", das Flugzeug sei von der russischen Flugabwehr abgeschossen worden. Der angebliche Beweis: Anwohner in der Nähe des Unglücksorts sollen zwei Knallgeräusche gehört haben. Zudem sollen zwei Kondensstreifen am Himmel zu sehen gewesen sein. Diese könnten auf den Einsatz von Raketen hindeuten. Belege gibt es für die Behauptung bisher jedoch keine.

Dieses Foto zeigt die Stelle, an der das Flugzeug mit Jewgeni Prigoschin an Bord abgestürzt sein soll.
Dieses Foto zeigt die Stelle, an der das Flugzeug mit Jewgeni Prigoschin an Bord abgestürzt sein soll. © AFP PHOTO/RUSSIAN INVESTIGATIVE COMMITTEE

Dennoch gibt es auch auf dem russischen Telegram-Kanal "Romanov Light" ähnliche Anschuldigungen. "Vermutlich wurde das Flugzeug von zwei S-400-Raketen abgeschossen", heißt es dort. Erneut sind also Flugabwehrsysteme im Fokus. Weiter schreibt "Romanov Light": "'Wagner' wurde enthauptet. Wer auf ein solches Flugzeug das Feuer eröffnen kann, ist eine rhetorische Frage. Ich denke, wir sollten uns auf eine unglaubliche Flut von Lügen einstellen."

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Während in Russland die offiziellen Ermittlungen zur Ursache des Unglücks noch laufen, ist man sich in der Ukraine, wo Prigoschins Söldner zuletzt die russischen Streitkräfte unterstützten, schon sicher, den Schuldigen gefunden zu haben. Der Absturz sei "ein Signal Putins an die russischen Eliten" gewesen, erklärte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. Dis Aussage: "Illoyalität bedeutet Tod." Der kremlnahe Politologe Sergej Markow geht dagegen von einem "Terroranschlag" westlicher Geheimdienste oder ukrainischer Kräfte aus. Beweise gibt es für beide Behauptungen nicht.

Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldner-Gruppe Wagner.
Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldner-Gruppe Wagner. © -/Prigozhin Press Service/AP/dpa

Experte über Prigoschins Tod: "Das war zweifellos Putin"

Dennoch melden sich auch im deutschsprachigen Experten zu Wort, die meinen, den Schuldigen zu kennen. "Das war zweifellos Putin. Ich denke, Prigoschins Flugzeug wurde auf seine Weisung hin abgeschossen. Es war Putins Rache für den gescheiterten Putsch-Versuch vor zwei Monaten", sagte etwa der Schweizer Politik- und Militärforscher Albert Stahel dem "Focus". Für den Tod des Wagner-Chefs sei "mit größter Wahrscheinlichkeit Kreml-Chef Wladimir Putin verantwortlich", betont auch der österreichische Politikwissenschaftler und Russland-Experte Gerhard Mangott im Gespräch mit dem ORF.

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Ob irgendwann aufgeklärt wird, ob es sich bei dem Absturz um ein Unglück oder einen Anschlag handelt, darf derweil angezweifelt werden. Letztlich dürfte das zwar durchaus relevant, vor allem für die russische Führung aber egal sein. Denn ohnehin bleibt der Eindruck, dass ein Mann gestorben ist, der sich erst zwei Monate zuvor gegen Wladimir Putin aufgelehnt hatte. Das dürfte Menschen, die Ähnliches im Sinn haben, abschrecken – unabhängig davon, ob der russische Machthaber tatsächlich beteiligt war.