Brüssel. Deutschlands Wirtschaft schrumpft, während die EU Wachstum erwartet. Die neue Prognose der EU-Kommission listet unsere Probleme auf.

Alarmierende Nachrichten für die deutsche Wirtschaft: Deutschland ist nach einer neuen Prognose der EU-Kommission Konjunktur-Schlusslicht in Europa. Die am Montag in Brüssel vorgelegte Prognose sagt für Deutschland einen Rückgang der Wirtschaft im laufenden Jahr um 0,4 Prozent voraus – in der Europäischen Union wächst die Wirtschaft dagegen um immerhin 0,8 Prozent. Der Vergleich mit den anderen großen Wirtschaftsnationen Europas fällt noch ungünstiger aus: Spaniens Wirtschaft wird dieses Jahr um 2,2 Prozent wachsen, die französische Wirtschaft auch noch um 1 Prozent, das Wachstum in Italien liegt mit 0,9 Prozent ebenfalls über dem europäischen Durchschnitt.

Bei der Inflation dagegen rangiert Deutschland vor diesen Ländern: Auf 6,4 Prozent taxiert die EU-Kommission die Preissteigerung hierzulande für dieses Jahr, in Spanien dagegen nur auf 3,4 Prozent, in Frankreich auf 5,6 Prozent. Grund: Die hiesigen hohen Energie- und Lebensmittelpreise. Allerdings liegt Deutschland damit noch unter dem Durchschnitt der EU-Länder, die eine Inflation von 6,5 Prozent erwarten. Die Prognose der EU-Kommission ist für Deutschland und Europa insgesamt skeptischer als im Frühjahr. „Die EU-Wirtschaft hat mit der Corona-Pandemie und Russlands Krieg gegen die Ukraine zwei massive Schocks erlitten“, fasste der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, zusammen.

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Die Wirtschaft wachse, aber mit reduziertem Schwung, sagte der zuständige Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni: „Die Wirtschaft der EU-Länder kämpft mit mehrfachem Gegenwind“. Entsprechend korrigierte die Brüsseler Behörde ihre Vorhersage für das Wachstum in der EU von 1 Prozent auf 0,8 Prozent und die für das kommende Jahr von 1,7 Prozent auf 1,4 Prozent. Die Inflation werde aber weiter zurückgehen.

So brisant ist die Lage der deutschen Wirtschaft

EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni.
EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. © dpa | Aurore Martignoni

Der Befund für Deutschland ist düster: Ein Wachstumsrückgang im ersten Quartal, Stagnation im zweiten Quartal – das erste Halbjahr sei schwächer verlaufen als erwartet., so der Bericht der Kommission. Reallohn-Verluste hätten den privaten Konsum geschwächt, die Investitionen im Bausektor gingen zurück, auch die Exporte litten unter schwacher Dynamik. Der Abwärtstrend bei der Stimmung im verarbeitenden Gewerbe sei am stärksten ausgeprägt in der energieintensiven Industrie – sie werde besonders hart vom Energie-Preisschock als Folge des Ukraine-Krieges getroffen.

Auch nachdem dieser Schock nachgelassen habe, seien die Energiepreise in Deutschland höher geblieben als an anderen Produktionsstandorten vor allem außerhalb Europas – was sich negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirke. Wegen der Wachstumsschwäche der Industrie zeigten aber auch die Indikatoren für andere Bereiche nach unten, etwa für Transport und Logistik.

Allerdings macht die EU-Prognose Hoffnung auf leichte Besserung für 2024: Dann wird die deutsche Wirtschaft um 1,1 Prozent wachsen, was allerdings niedriger ist als noch im Frühjahr erwartet – Grund für die Korrektur sei der Rückgang in der Bauindustrie und die geringe Exportdynamik, so Gentiloni. Deutschland liegt dann immer noch unter dem erwarteten Durchschnitt der EU-Länder (1,4 Prozent) und hinter Spanien (1,9 Prozent), Frankreich (1,2 Prozent) oder Polen (2,5 Prozent). Insgesamt wirke sich die Schwäche der Inlands-Nachfrage und die anhaltende Inflation stärker auf die Konjunktur aus als noch im Frühjahr vermutet.

EU-Kommission mahnt zu staatlichen Investitionen

Auch wenn sich die globale Wirtschaft etwas besser entwickele als gedacht, könne Europa nicht auf starke Unterstützung durch internationale Nachfrage hoffen, heißt es in der Prognose weiter. Die Wachstumsschwäche werde sich daher nächstes Jahr fortsetzen. Ohnehin sei der Ukraine-Krieg weiter ein Risiko für die Wirtschaftsentwicklung. „Russlands brutaler Krieg gegen die Ukraine verursacht nicht nur menschliches Leid, sondern auch Belastungen und Unsicherheit für die Wirtschaft“, sagte Gentiloni. Dennoch rief der Wirtschaftskommissar zu Vertrauen und Zuversicht in die europäische Wirtschaft auf. „Wir können viel dafür tun, die nachhaltiges Wachstum zu unterstützen“, meinte Gentiloni. Wichtig sei eine investitionsfreundliche Haushaltspolitik in den EU-Staaten - die Reform der Stabilitätsregeln müsse deshalb bis Ende des Jahres abgeschlossen werden.

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