Auf dem Kolonnenweg (27): Fluchtversuche in den Westen

Rainer Schmalzl
| Lesedauer: 11 Minuten
Die sagenhafte Werra-Schleife - beobachtet von der Teufelskanzel nahe der Burg Hanstein. Diese Schleife kann es in ihrer Schönheit mit der viel berühmteren Saar-Schleife nahe der französischen und luxemburgischen Grenze aufnehmen. Zu sehen ist Lindewerra (links), das seinen Namen nach den Linden hat, die einst auf dem Werder standen. Bis 1952 durften die Einwohner noch auf die andere, die westliche Seite der Werra, mit einer Fähre fahren, um zu ihren Feldern zu kommen. Im Hintergrund ist die Eisenbahn-Brücke (rechts) zu sehen, auf der die Amerikaner ihre Züge vom Hafen in Bremerhaven im Norden zur amerikanischen Zone im Süden schickten. Da die Züge einige Kilometer durch die sowjetische Zone fuhren, einigten sich die Besatzungsmächte im Wanfried-Abkommen auf den Tausch einiger Gebiete – damit der Zug unbehelligt nur durch westliche Zonen dampfen konnte. Hinter der Brücke ist das hessische 600-Einwohner-Dorf Oberrieden zu sehen, ein Stadtteil von Bad Sooden-Allendorf. Foto: Paul-Josef Raue

Die sagenhafte Werra-Schleife - beobachtet von der Teufelskanzel nahe der Burg Hanstein. Diese Schleife kann es in ihrer Schönheit mit der viel berühmteren Saar-Schleife nahe der französischen und luxemburgischen Grenze aufnehmen. Zu sehen ist Lindewerra (links), das seinen Namen nach den Linden hat, die einst auf dem Werder standen. Bis 1952 durften die Einwohner noch auf die andere, die westliche Seite der Werra, mit einer Fähre fahren, um zu ihren Feldern zu kommen. Im Hintergrund ist die Eisenbahn-Brücke (rechts) zu sehen, auf der die Amerikaner ihre Züge vom Hafen in Bremerhaven im Norden zur amerikanischen Zone im Süden schickten. Da die Züge einige Kilometer durch die sowjetische Zone fuhren, einigten sich die Besatzungsmächte im Wanfried-Abkommen auf den Tausch einiger Gebiete – damit der Zug unbehelligt nur durch westliche Zonen dampfen konnte. Hinter der Brücke ist das hessische 600-Einwohner-Dorf Oberrieden zu sehen, ein Stadtteil von Bad Sooden-Allendorf. Foto: Paul-Josef Raue

Foto: zgt

Reiner Schmalzl, unser Redakteur in Mühlhausen, hat viele Geschichten von gelungenen und misslungenen Fluchten gesammelt und erzählt einige davon.

Döringsdorf. Mit seinem roten Skoda S 100 hatte es ein Autofahrer bis vor das Tor Nummer 27 in der Feldflur von Hildebrandshausen geschafft. Da stand der junge Mann vor einem etwa zwei Meter hohen Zaun, der auf der gesamten Fläche zusätzlich mit Stacheldrähten bespannt war. Oben auf dem Zaun befand sich nochmals ein Geflecht aus über zehn gezogenen Stacheldrähten.

Flucht am Tor Nummer 27

Mit Werkzeug und Geschick gelang es dem etwa 30 bis 35 Jahre alten Mann offensichtlich, das Tor zu knacken und fuhr dann hindurch. Dass es sich aber lediglich um den ersten Grenzzaun - den sogenannten Signalzaun - handelte, wusste der Flüchtling nicht.

Er wähnte sich nach dem erfolgreichen Überwinden der Sperren nämlich schon im Westen und fuhr weiter, aber eben noch auf DDR-Gebiet.

Zwei Grenzposten trauten ihren Augen nicht, als ihnen am Abend des 18. August 1989 auf dem Kolonnenweg zwischen Hildebrandshausen in Richtung Döringsdorf plötzlich ein ziviles Fahrzeug entgegen kam. Einer der Grenzer schoss in den Motorblock des Skodas, sodass das Auto stehen blieb. Der Fahrer wurde zu Boden gerissen und festgenommen.

Die Menschen aus Döringsdorf hielten den Atem an, als sich an jenem August-Abend dramatische Ereignisse zwischen ihrem Ort und der Grenze zum Westen abspielten.

Die Flucht eines jungen DDR-Bürgers war gescheitert. Um Haaresbreite hätte er im Kugelhagel sein Leben gelassen und es kurz vor dem Mauerfall ein weiteres Todesopfer an der Grenze zwischen dem Eichsfeld und Hessen gegeben.

Militär und Polizei riegelten den Tatort am Fuße des Hülfensberges ab, und die Döringsdorfer wurden gebeten, in ihre Häuser zu gehen.

Der Einwohnerin Simone König zittern heute noch die Knie, wenn sie von dem spektakulären Vorfall erzählt.

Schließlich war die Grenze damals noch scharf bewacht und den Leuten wurde nach wie vor Angst eingeflößt. Frau König erinnert sich ganz genau, als bei ihnen zu Hause an dem besagten Abend gegen 18 Uhr das Telefon klingelte und eine Frau aus der Nachbarschaft sagte, dass man mal schnell hoch zur Grenze gucken sollte. "Wir stürzten zum Fenster und sahen ein rotes Auto zwischen den Zäunen stehen. Das kam auf dem Kolonnenweg aus Richtung Hildebrandshausen. Am Friedhof, wo sich der erste Zaun befand, war schon ein Tumult von Grenzern."

Als sich immer mehr Leute dorthin gewagt hatten, seien Offiziere gekommen und hätten die Dorfbewohner in ihre Häuser verwiesen. "Das Fernglas weg", rief ein Grenzer Neugierigen zu. Die Leute seien abgewimmelt worden, während der Ort des Geschehens mit Tarnplanen abgeschirmt wurde.

Dann sei der Mann von bewaffneten Grenzern in einem Jeep abgeführt worden. Gegen 21.30 Uhr wurde auch das Fluchtfahrzeug, der Skoda, abgeschleppt.

Später erfuhren die Döringsdorfer, dass es sich um einen Mann aus Höngeda bei Mühlhausen handelte. Er wurde in einem damals üblichen Eilverfahren wegen Republikflucht zu drei Jahren Haft verurteilt. Hinzu kam eine Geldstrafe von 5000 Mark wegen Grenzbeschädigung am Tor Nummer 27. Kurz nach der Grenzöffnung wurde der junge Mann aus der Haft entlassen.

Mit Leiter in die Freiheit

Wahlhausen. Mit einer Leiter gelang einem etwa 20 bis 30 Jahre alten Handwerker nördlich von Bad Sooden-Allendorf die Flucht in den Werra-Meißner-Kreis.

"Er überwand den mit optischen und akustischen Alarmanlagen bestückten Grenzsperr- und Signalzaun. Beim Überklettern des 3,20 Meter hohen Metallgitterzaunes wurde er vermutlich von der Besatzung eines in der Nähe stehenden Beobachtungsturmes gesehen", berichtete die in Eschwege erscheinende Werra-Rundschau in ihrer Ausgabe vom 22. August 1989.

Am Tag zuvor hatte der junge Mann zur Mittagszeit den Zaun überklettert. Die Stelle wurde kurz darauf von Mitgliedern der DDR-Grenztruppe abgeriegelt, die Leiter sichergestellt. Anschließend erfolgte nach Beobachtungen die üblichen Dokumentationen und Spurensicherungen.

"Der junge Handwerker, der sich beim Übersteigen des Zaunes leicht an den Händen verletzt hatte, meldete sich in Bad Sooden-Allendorf. Als Fluchtgrund gab er Unzufriedenheit mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in der DDR an", hieß es weiter unter der Schlagzeile "Mit Leiter in die Freiheit".

Todesangst und Glücksgefühl

Hildebrandshausen. Erst 16 Jahre nach einem mysteriösen Vorkommnis an der Grenze und zehn Jahre nach der Wiedervereinigung sollten die Leute in Hildebrandshausen die genauen Hintergründe erfahren. Und zwar in einem Beitrag in der Thüringer Allgemeinen vom 19. August 2000. Denn nur einem kleinen Kreis von Grenzern, Polizisten und Staatssicherheitsleuten war bekannt, welche Schicksale sich an der einstigen innerdeutschen Grenze zugetragen hatten. Meldungen über erfolgreiche Fluchten erschienen zumeist nur in der westlichen Presse.

Vage Andeutungen über mögliche Grenzverletzungen - so lautete die offizielle Lesart in der DDR - finden sich allerdings in den "Traditionen der Grenzkompanie Hildebrandshausen".

Dabei handelt es sich um eine Art Tagebuch aus der Zeit zwischen 1961 bis 1984, das nur durch glückliche Umstände gerettet werden konnte und nun im Dokumentationszentrum zur innerdeutschen Nachkriegsgeschichte im Heimatmuseum in Wanfried aufbewahrt wird. Die wohl wichtigste Eintragung aus Sicht der DDR-Grenzer lautete: "Am 21. August 1968 versuchte der Imperialismus, durch konterrevolutionäre Umtriebe unseren südlichen Nachbarn, die CSSR, aus dem sozialistischen Lager herauszulösen. Auch dieser Angriff endete mit einen Niederlage des Imperialismus. Unsere Genossen haben auch in dieser Zeit bewiesen, dass auf die Grenzer jeder Zeit Verlass ist."

Dies dürfte allerdings nicht der Fall gewesen sein, wie eine Eintragung in dem Hildebrandshäuser Grenz-Tagebuch fünf Jahre vor dem Fall der Mauer vermuten lässt: "Leider musste unsere Kompanie einen Tiefschlag einstecken. Es geschah am 15. Januar 1984, wo für uns alle ein schwarzer Tag war. Am Abend dieses Tages geschah im Grenzdienst ein Militärverbrechen, größer als je ein Vorkommnis. Es entstand für uns alle ein großer politischer Schaden . . ."

Um was es sich hierbei genau handelte, konnte die Wanfrieder Geschichtsforscherin in ihrer Broschüre "Leben im Schatten der Grenze" (2. Auflage 1999) nicht mitteilen. Auch in Hildebrandshausen selbst war von niemand etwas zu jener mysteriös klingenden Meldung zu erfahren.

Beim Recherchieren in den dicken Bänden des Heimatmuseums Wanfried wurde der TA-Reporter relativ schnell fündig. "Kumpel im Turm eingesperrt" – so lautete eine Schlagzeile in der Werra-Rundschau vom 26. Januar 1984. Einem 20-jährigen DDR-Soldaten war bei Frieda die Flucht in den Westen geglückt. "Ich hab's geschafft, ich bin rübergekommen", sagte der junge Mann zu der Familie in der Goethestraße in Frieda, als er dort gegen 18.30 Uhr mit weichen Knien, am ganzen Körper zitternd, im Spannungsfeld zwischen Todesangst und Glücksgefühl vor der Haustür stand.

Der 20-Jährige aus Ost-Berlin war über die Grenzsperren geklettert, nachdem er zuvor seinen Kumpel mit dem er auf Streife war, in einem Wachturm eingeschlossen hatte. So sicherte er sich den Sekunden-Vorsprung zur Flucht in die Freiheit.

Schwerer für Flüchtlinge

Wanfried. Die Zahl der Flüchtlinge, die im Jahr 1967 über die hessisch-thüringische Grenze in den Bereich des Zollgrenzkommissariats Wanfried kamen, war im Vergleich zu den Vorjahren erheblich zurückgegangen. Das schreibt die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA) in ihrer Ausgabe vom 23. Februar 1968.

"Bei den Flüchtlingen handelte es sich vorwiegend um junge Leute, die in der Sowjetzone keine familiären Bindungen haben." So gelang 1967 nur 18 Menschen die Flucht, während es im Jahr zuvor noch 47 Menschen waren.

"Strenge Kontrollen in der 5-Kilometer-Sperrzone jenseits des Stacheldrahts sind nach Ansicht der Zollbeamten der maßgebliche Grund für den Rückgang der Flüchtlingsziffer." Ohne besonderen Ausweis gelinge es nur in seltenen Fällen, in Gemeinden innerhalb dieser Sperrzone zu kommen. Aber selbst dort, so hieß es weiter in der HNA, würden meistens die Flüchtlinge als Ortsfremde schnell erkannt.

"Der letzte Sicherheitsstreifen", erklärte ein Sprecher des Zollkommissariats weiter, "wird vorwiegend in der Nacht an Stellen überschritten, die von keiner Gemeinde berührt werden."

Die Flüchtlinge - so war später ihren Aussagen zu entnehmen – gelangten vorwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis an das Sperrgebiet und schlugen sich dann bis Stacheldraht und Todesstreifen durch.

Nur einmal gerieten 1967 Flüchtlinge aus der DDR unter Beschuss, als ein Unterleutnant der NVA, der im Raum Großtöpfer eingesetzt war, flüchtete. Anfang 1968 wurden von den Grenztruppen im Raum Wanfried an der Mühlhäuser Straße und im Raum Heldra in der Treffurter Lache, Flüchtlinge vor der Grenze gestellt.

"Mit der Zahl der Menschen, denen der Schritt in den Westen gelang, sank auch die Zahl derer, die aus der Bundesrepublik im Bereich des Zollgrenzkommissariats Wanfried in die Sowjetzone gingen. Im vergangenen Jahr waren es 15 Menschen und im Jahr davor 33, die in diesem Bereich die Zonengrenze in Richtung Osten überschritten", lautete es im Januar 1968 in der HNA.

Westdeutsche wurden beschossen

Treffurt. "Mit dem Schrecken davon kamen am Sonntag ein 17-jähriges Mädchen und ein 19-Jähriger aus der Lüneburger Heide, die an der Zonengrenze bei Heldra im Kreis Eschwege von Angehörigen der DDR-Streitkräfte beschossen wurden", meldete die HNA am 14. Juli 1969. Das Paar sei in Unkenntnis des Grenzverlaufs in der Nähe von Treffurt etwa zehn Meter auf DDR-Gebiet geraten. Aus einem etwa 400 Meter entfernten Beobachtungsturm eröffneten Zonen-Soldaten aus Maschinenpistolen ohne vorherige Warnung das Feuer." Die beiden jungen Leute erreichten jedoch unverletzt wieder westdeutsches Gebiet.

Geruchssperren für Wild

Wanfried. Den Gipfel des Absurden bildeten sogenannte Geruchssperren. Eine entsprechende Nachricht verbreitete die Werra-Rundschau am 6. Juni 1969. So würden DDR-Grenzer im Bereich der Mühlhäuser Straße das Wild vom Überqueren der Grenze beziehungsweise des Minengürtels mit Geruchssperren abschrecken. An Pfählen entlang des Doppelzauns wurden Glasbehälter mit einer schwarzen oder blauen Flüssigkeit angebracht, die langsam verdunstet. Wie das Zollkommissariat Wanfried bestätigte, werden die Behälter von Streifen der Nationalen Volksarmee regelmäßig wieder aufgefüllt. Der Geruch sei so stark, dass er noch auf westdeutschem Gebiet wahrgenommen werde.

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Reiner Schmalzl ist unser Reporter der Grenze