Ausnahmezustand bei Thügida-Aufmarsch in Jena: Menschen verletzt, Autos beschädigt

Jena  Knapp 4000 Menschen protestieren in Jena gegen 200 Thügida-Anhänger. Stein- und Flaschenwürfe trüben das Bild vom gewaltfreien Jena. Die Bilanz bis Mittwochabend: Sechs demolierte Autos, Verletzte, unter ihnen 16 Polizisten.

Thügida-Kundgebung in Jena: Die „88“ am Hinterkopf bedeutet: „Heil Hitler“ und gilt als verfassungswidrig. Foto: Martin Schutt/dpa

Thügida-Kundgebung in Jena: Die „88“ am Hinterkopf bedeutet: „Heil Hitler“ und gilt als verfassungswidrig. Foto: Martin Schutt/dpa

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„We shall overcome“ erklingt zum Friedensgebet an der Stadtkirche: „Wir werden es überwinden, wir werden siegen, eines Tages. Tief in meinem Herzen glaube ich daran. Wir werden in Frieden leben, eines Tages, wir werden alle frei sein - eines Tages.“ So heißt es in dem Song, den Joan Baez weltberühmt gemacht hat.

Dass Jena die Aufmärsche der Nazis eines Tages überwinden wird, dass diese die Lust verlieren, nach Jena zu kommen und Jena frei bleibt von menschenverachtenden Parolen, von Hass und Gewalt, das ist der Wunsch der Menschen, die sich am Mittwoch (20. April 2016) in der Innenstadt versammelt haben, um Thügida lautstark ihren Protest entgegenschallen zu lassen. Redner wie Teilnehmer brachten ihre Hoffnung zum Ausdruck, die Kundgebungen mögen friedlich verlaufen.

Schröter beteiligt sich als Privatier an Gegendemonstrationen

„Es muss friedlich verlaufen. Die Nazis sollen nicht behaupten können, die Gegendemonstranten sind die Gewalttäter“, appellierte Albrecht Schröter, der sich traditionell als Privatier an den Gegendemonstrationen beteiligt. Die Polizei werde ihre Pflicht tun, aber angemessen handeln. „Jena ist eine internationale Stadt, das macht uns reich. Jena ist nicht wie Dresden. Dort hat Pegida den Ruf der Stadt versaut. Jena aber wird um seinen Ruf kämpfen. Wir wollen solche Leute nicht hier.“

Auch Jenas Polizeichef Thomas Quittenbaum wünschte sich einen friedlichen, aber durchaus lauten Protest. „Es ist unschön, eine solche Versammlung an einem solchen Datum zu haben. Aber es war versammlungsrechtlich leider nicht zu beanstanden.“ Mehrere Hundertschaften Polizei waren im Einsatz - aus Thüringen, Brandenburg und Bayern. Ihr Ziel war es, die verschiedenen Lager konsequent zu trennen, was auch gelang.

Gegen 22 Uhr ging die Polizei von knapp 4000 Gegendemonstranten und 200 Thügida-Teilnehmern aus. Die Bilanz bis Mittwochabend: mehrere beschädigte Fahrzeuge - zwei wurden komplett „entglast“, einige Verletzte, unter ihnen zwei Polizisten. Es gab mehrere Anzeigen gegen Demonstranten aus beiden Lagern - unter anderem wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung. Thomas Quittenbaum verurteilt scharf die Gewalt gegen Polizeibeamte: Das sei selbst für Jena eine neue Qualität - und das meine er nicht positiv.

Fackeln hatten keine bedrohliche Wirkung

Der Kabelbrand auf der Bahnstrecke, der verhindert hatte, dass zahlreiche Thügida-Teilnehmer rechtzeitig in Jena ankamen, hat weitreichende Folgen: Polizeisprecherin Steffi Kopp sprach von einem 24-stündigen Zugausfall zwischen Jena-Göschwitz und Großheringen .

Lautstarken Protest gab es aus allen Ecken, besonders, als sich der Fackelmarsch in Bewegung setzte: Pfeifkonzerte, „Nazis-raus!“-Rufe übertönten teils die Nazi-Parolen. Aber es gab auch Flaschen- und Steinewürfe auf Polizisten und Thügida-Teilnehmer, außerdem flogen mit Wasser gefüllte Kondome in Richtung Neonazis und Polizei. Mehrfach mussten die Thügida-Demonstranten ermahnt werden, Provokationen Richtung „Gegner“ zu unterlassen. Von 25 Thügida-Teilnehmern wurden Personalien aufgenommen, da sie Polizisten beleidigten und Flaschen zurückwarfen auf die Gegendemonstranten.

Auch mussten einige Fackeln gelöscht werden, weil es mehr waren, als erlaubt. Ohnehin hatten die Fackeln nicht die bedrohliche Wirkung, die sich die Thügida-Anhänger gewünscht hatten, da sie bei Tageslicht marschiert wurde. Einige Gegendemonstranten hatten zuvor versucht den Fackelmarsch mit Sitzblockaden zu verhindern, wurden jedoch von der Polizei teils recht rabiat daran gehindert.

Christine Tutzschke vom Ortsteilrat Lobeda war mit Dr. Dieter Mikolajetz und dessen Frau Anita - beide haben ihre Väter im Zweiten Weltkrieg verloren - „durch die braune Sippe“, wie sie sagten - zur Gegendemonstration gekommen. Die drei Senioren hatten sich vorsorglich Sitzkissen eingepackt und hätten sich den Neonazis auch entschlossen „engegengesetzt“: „Wer nicht dagegen ist, ist dafür“, sagte Christine Tutzschke. In Sachsen habe man viel zu spät reagiert. In Jena dürfe man diesen Fehler nicht machen.

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