Bundesverdienstkreuz für Jenaer Professor Ulrich Schubert

Das Engagement des Jenaer Professors rund um die Internationale Junge Orchesterakademie wurde gewürdigt. Im Interview mit Ulrich Schubert.

Professor Ulrich S. Schubert (links) aus Jena erhält von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue in Berlin den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Unter dem Motto Kultur verbindet zeichnet der Bundespräsident 29 Bürger mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus.

Professor Ulrich S. Schubert (links) aus Jena erhält von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue in Berlin den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Unter dem Motto Kultur verbindet zeichnet der Bundespräsident 29 Bürger mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus.

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Sie sind Professor für organische Chemie in Jena, den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten Sie aber für Ihr Engagement rund um die Junge Orchesterakademie.

Zwischen den beiden Tätigkeiten gibt es aber viele Parallelen. In beiden Bereichen versuchen wir, die besten Leute für uns zu gewinnen, die aus unterschiedlichen Ländern kommen. In beiden Bereichen müssen wir grenzüberschreitend arbeiten und Kulturen verbinden lernen.

Nun lässt nicht jedes Land der Welt Grenzüberschreitungen zu. Will denn manchmal jemand kommen und darf nicht?

Regelmäßig. Dieses Jahr hatten wir zwei unglaublich talentierte Geigerinnen aus Syrien, aus Damaskus. Es führte aber kein Weg dahin, dass die ein Visum bekommen. Man hatte wohl Angst, dass man am Ende zwei weitere Flüchtlinge in Deutschland hat. Ich sehe das ganz anders, denn das sind zwei hochqualifizierte Musikerinnen, die uns bereichern könnten. Andererseits scheitern wir auch manchmal daran, dass die Behörden in den Heimatländern die Leute nicht herauslassen wollen. Zu 95 Prozent gelingt es uns aber, die Musiker zu bekommen, die wir gerne haben möchten, ob das aus der Mongolei, aus Palästina, aus dem Iran oder aus China ist. Das ist eine tolle Quote, deshalb gilt mein Dank unseren Behörden, die sind eine große Hilfe für uns.

Sie haben angesprochen, dass Sie Demoaufnahmen hören. Wie lange dauert es, bis Sie merken, ob jemand gut auf seinem Instrument ist?

Nicht lange. 20 Sekunden bei dem einen, 30 Sekunden bei dem anderen. Zusammen mit dem Lebenslauf, wo man sieht, wo die Leute gespielt haben und im Zweifel Anfragen bei deren Lehrern und unseren Dozenten. Dann bekommt man das Gefühl, ob jemand zu uns passt. Etwas länger dauert es, eine Soloposition zu besetzen. Da kann man nicht nur eine Minute hören. Bei so jemandem muss man wissen, dass auch nach zwei Stunden das Spiel noch top ist. Da hole ich zusätzlich auch immer die Meinung unserer Dozenten ein. Die finale Entscheidung fällt dann beim Probespiel zu Beginn des Orchesterprojektes.

Gibt es eine Obergrenze, wie oft jemand kommen darf?

Nein. Unser Schlagzeuger, der hat mit 16 angefangen, der wird das neunte Mal dabei sein. Alle Bewerber müssen angeben, ob und wann sie schon mal dabei waren. Dann schauen wir nach, ob das ein schwarzes Schaf war oder nicht. Wenn jemand nicht so recht passt, merken wir das natürlich. Zum Beispiel, wenn jede Nacht zu lange gefeiert wird oder zu viel getrunken wird, müssen wir einschreiten.

Kommen auch Leute mehrere Jahre hintereinander?

Ja; das ist eher die Regel. Idealerweise bekommen wir junge Leute, vielleicht mit 16 oder 17. Die haben Wettbewerbe wie Jugend musiziert gewonnen, sind aber unerfahren. Die binden wir als Verdoppelung ein, bei lauten Stellen der Bläser. Mit 20 können sie eine Solostelle bei uns einnehmen, mit Anfang 20 können die schon eine Orchesterstelle bekommen. Wenn wir jemanden über mehrere Jahre begleitet haben, sind wir stolz auf solche Eigengewächse. Wir hatten auch Leute dabei, die noch nie zuvor Klassik gespielt haben. Wir hatten Musiker, die später Professoren geworden sind, Solostellen in großen Orchestern besetzen. Darauf sind wir stolz.

Was macht Sie denn so attraktiv für Musiker aus aller Welt?

Wir versuchen, solche großen Werke zu spielen, die man nicht unbedingt im Hochschulorchester standardmäßig spielt. Die Hochschule hat meistens nicht 100 Musiker über alle Instrumentengruppen hinweg; z.B. 10 Kontrabassisten. Wir nehmen Werke aus dem deutsch-österreichisch Umfeld, passend zu den Dozenten und Dirigenten, und den Spielorten.

Bei Ihnen kann man eher Wagner oder Mahler lernen.

Ganz richtig. Das reizt Musiker aus Süd- und Mittelamerika, Asien oder auch Osteuropa. In der Wagner-Stadt Bayreuth aufzutreten, in Weiden, wo Max Reger gewirkt hat. In Leipzig im Gewandhaus dürfen wir nächstes Jahr zum Jubiläum spielen. Wir nehmen das Beste aus unserer Kultur und teilen es mit jungen internationalen Musikern, die noch nicht die Erfahrung von Profis haben, aber viel Enthusiasmus. Die lehnen sich nicht zurück, die sind Feuer und Flamme. Die muss man bremsen, weil auf Dauer nicht jeden Tag 150 Prozent abrufbar sind.

Es scheint Parallelen zu Ihrer Arbeit in der Forschung an der Universität zu geben.

Da funktioniert es ähnlich. Wir rekrutieren hier keine Leute, die schon jahrelang bei der BASF gearbeitet haben. Aber sie brennen für ihre Sache. Wenn man das richtig kanalisiert, kommt man auf ein sehr hohes Niveau bei Wissenschaftlern und Musikern. Wenn wir jetzt die Aufnahme der 5. Sinfonie von Bruckner anhören, die wir gerade zusammen mit BR Klassik gemacht haben: Die ist auf dem Level der besten deutschen und mitteleuropäischen Orchester. Das können die jungen Leute aber nicht zwei Wochen später auch mit der 6. von Bruckner wiederholen. Da sind die ausgebrannt, wir haben alles herausgeholt. Wir sind ein Projektorchester. Aber wir zeigen, dass ein hohes Niveau möglich ist für fünf oder sechs oder sieben Abende hintereinander.

Haben Sie überhaupt Zeit, zum Vergnügen Musik zu hören, ohne nebenher etwas zu machen?

Der Tag hat auch für mich nur 24 Stunden. Mit fünf Kindern vier davon sind sehr klein dem großen Lehrstuhl, den Musikaktivitäten, da muss man auch etwas streichen. Ich genieße es, wenn wir zur Osterzeit mit unserem Orchester große Werke spielen.

Sie sind ausgebildeter Klarinettist. Haben Sie ein Lieblingsstück?

Johannes Brahms hat in seinen späten Jahren die Klarinette entdeckt, hat ein wunderbares Quintett geschrieben. Das und andere Spätwerke von ihm sind unglaublich. Mozarts Klarinettenkonzerte sind wunderbar. Auch Max Bruch hat Werke mit hohem Spaßfaktor geschrieben. Wer die spielen kann, hat seine Freunde.

Wie viel Zeit haben Sie, um selbst Musik zu machen?

Früher jeden Abend. Dann jede Woche zwei bis drei Mal. Momentan nur punktuell. Wenn man etwas spielen will, muss man ja proben. Sobald die Kinder etwas älter werden, habe ich dafür hoffentlich wieder etwas mehr Zeit. Mir kommt zugute, dass ich über die Jahre sicher 500 Konzerte gespielt habe, da verfügt man über einen gewissen Erfahrungsschatz. Wer aber ein Orchester besetzen will, kann nicht selbst spielen, sondern muss sich eben Probeaufnahmen anhören.

Aber der Intendant muss auch das Geld besorgen.

Denn Kultur ist ja kein Bereich, der normalerweise Gewinn abwirft. So ein Projekt bedeutet, viele Sponsoren gewinnen zu müssen. Auch moderne Verfahren wie Crowdfunding spielen dabei eine Rolle. Bis zum Konzert selbst ist das ein lange währender Kampf. 2018 hatten wir Musiker aus 37 Nationen dabei. Wenn wir zum Beispiel einen jungen Musiker aus Chile haben, der kann sich die 1000 Euro für den Flug hierher gar nicht leisten. Die Hauptarbeit zuletzt ist daher geworden, Stipendien zu besorgen. Dafür reicht es aber nicht, wenn ich davon überzeugt bin, dass da ein toller Musiker ist. Da muss man auch jemand anderen überzeugen. Rotary Clubs, Privatpersonen, Unternehmen. Keiner der Musiker bekommt ein Honorar, aber wenigstens einen Teil der Reisekosten wollen wir in den kritischen Fällen übernehmen.

Erfahrungen aus der Wissenschaft helfen Ihnen da? Dort müssen Sie ja auch Geld einwerben.

Es ist überraschend, wie sehr man auf dem einen Feld von dem anderen lernen kann. Natürlich, viele Kontakte als Wissenschaftler zu verschiedenen Organisationen und Firmenchefs helfen mir, auch auf Musik hinzuweisen. Wir binden zudem die Politik für Schirmherrschaften ein. Es ist ein Wechselspiel zwischen beiden Feldern.

Gibt es in der Wissenschaft auch mal Verquickungen mit der Musik?

Nach meiner Promotion durfte ich ein Jahr meiner Zeit bei einem Nobelpreisträger forschen, auf einer Post-Doc-Stelle. Jean-Marie Lehn aus Straßburg ist ein hervorragender Pianist und Organist. Der hat sicher zig Bewerbungen dafür bekommen. Zweifellos war ich wissenschaftlich einer der besten Bewerber. Aber bei mir stand im Lebenslauf darunter, dass ich Klarinette spiele und eine Konzertausbildung habe. Am Morgen, nachdem ich die Bewerbung nachts gefaxt hatte, rief der Nobelpreisträger an und hat gesagt, dass ich in fünf Wochen bei ihm anfangen kann.

Sie haben dann nicht nur mit ihm geforscht, sondern auch gespielt?

Mit Jean-Marie abends zu musizieren, verbindet. Man lernt auch, dass das viele Üben Makulatur ist, wenn ich es auf einer Bühne nicht rüberbringen kann oder für eine Aufnahme. Der Musiker weiß: Wenn ich eine wichtige Stelle verhaue, dann habe ich es für das ganze Orchester verdorben. Als Wissenschaftler muss man lernen: Es nützt nichts, was ich im stillen Kämmerlein mache. Ich muss es in der Öffentlichkeit rüberbringen können. Das hilft mir. Vor 100 Leuten beim Tag der Chemie am vergangenen Wochenende Wissenschaft so rüberzubringen, dass mir jemand folgen kann, der kein Chemiker ist. Kreativ muss man überall sein. Aber man muss im Team arbeiten können und es hinterher präsentieren können. Da ähneln sich Musik und Wissenschaft.

Weshalb Ihre Musiker und Ihre Forscher das können müssen.

Mir liegt viel daran, dass junge Menschen gefördert und zusammengebracht werden. Das tue ich als Chemiker und als Musiker. Dank der harten Arbeit des Teams über die letzten fast 20 Jahre gehören wir zu den weltweit besten Chemikern und Materialwissenschaftlern. Und wir haben es geschafft, unsere sehr arme Stiftung über 25 Jahre so weit zu bringen, dass wir Musik auf Spitzenniveau produzieren können.

Haben Sie das auch mal gemacht, was der Nobelpreisträger mit Ihnen gemacht hat?

Natürlich sind Zusatzqualifikationen interessant. Auch wenn sich jemand sozial engagiert, zeigt mir das, dass mehr als der Standard vorhanden ist. Ich habe es selbst noch nicht geschafft, das zu verbinden. Als das Gebäude hier fertig war, habe ich ein Klavier gestiftet. Musiker, die als Chemiker hier bei mir sind, können üben, wenn sie wollen. Aber ein Ensemble habe ich noch nicht zusammenbekommen am Lehrstuhl. Kollege Antonietti vom Max Planck-Institut in Potsdam ist Rock-Gitarrist und Sänger. Der hat einen Probenraum und sucht sich seine Mitarbeiter auch danach aus, dass er eine Band zusammenstellen kann. Finde ich klasse.

Reicht die Größe Ihrer Gruppe für ein Orchester?

Das könnte reichen. Aber so viele Top-Musiker, die auch Top-Wissenschaftler sind, sind schwer zu finden.

Vielleicht ein Kammerorchester.

Ja, vielleicht.

Hören Sie eigentlich auch Popmusik? Was gerade im Radio läuft?

Ich höre auch andere Arten von Musik. Selbst habe ich eine Dixieband gegründet in Frankfurt, manchmal höre ich Jazz. Im Auto höre ich aber auch andere Musik. Aber das ist ein anderes Level als eine Bruckner-Sinfonie. Da hat der Komponist fünf Jahre gebraucht, um sie zu vollenden.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, selbst ein Orchester und zuvor ein Festival auf die Beine zu stellen?

Mein Einstieg in die Konzertorganisation ist 25 Jahre her. Da habe ich mein Hauptstudium in Bayreuth gemacht. Dort war ich etwas frustriert von der damaligen Randlage der Stadt. Das markgräfliche Opernhaus, das älteste noch existierende Holz-Barockopernhaus der Welt, habe ich damals kennengelernt. Bei einem Konzert von Professor Tabea Zimmermann, die mit mir zusammen das Bundesverdienstkreuz bekommen wird, hatte ich mir vorgenommen, hier müsste eine Konzertreihe im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth zu gründen. Ich bin dann zu einer Bank gegangen, um sie als Sponsor gewinnen. Da bin ich gleich wieder rausgeflogen.

Aber irgendwer muss weich geworden sein.

Bei der dritten Bank habe ich der Sekretärin gesagt, es ginge um die Zukunft der Bank. Von der dritten Sekretärin wurde ich zum Vorstand vorgelassen. Denen habe ich erzählt, dass sie eine Konzertreihe im Opernhaus brauchen, die klassische Musik auch für junge Leute öffnet und andere Hörerschichten als die typischen Klassik-Konzertgänger. Dafür musste andere Werbung her, andere Programme. Die Vorstände, alle über 60, hatten Zweifel, dass das möglich ist. Sie sind Musiker, das kann nichts werden, hat man mir gesagt.

Sie waren aber schon damals auch Wissenschaftler.

Und am Ende hat man viel Geld in die Hand genommen. 1993 begann das Forum junger Musiker mit vier Konzerten im Jahr. Das Publikum entsprach zu etwa einem Drittel dem Klassik-Publikum, das man sonst hat. Zwei Drittel waren nicht das typische Publikum. Aus dem Projekt hat sich ein Jugendorchester entwickelt, die Keimzelle der Internationalen Jungen Orchsterakademie. Der Anspruch war immer, auch andere Leute mit hineinzunehmen, die normalerweise nicht dabei wären.

Finden Sie, dass das Ansprechen klassikferner Schichten in Thüringen gut funktioniert?

Die Philharmonie in Jena macht das hervorragend. Bei Kindern sehe ich aktuell auch wieder mehr Interesse an Musik. Da wollen mehr Geige oder andere Instrumente lernen.

Hat sich die Resonanz junger Musiker auf das Angebot denn über die Jahre verändert?

Man kann über die 25 Jahre große Verschiebungen feststellen. Als wir begonnen haben, gab es noch kein Internet. Die Leute haben also eine Kassette eingeschickt oder eine CD. Dann kam irgendwann der USB-Stick, heute gibts einen Youtube-Link per E-Mail.

Und regional?

Am Anfang war der Einzugsbereich stärker in Deutschland und Österreich, viele kamen aus Polen. Allgemein war Mitteleuropa sehr stark vertreten. Dann kamen viele Musiker aus Russland, viele mit jüdischem Hintergrund, die nach Deutschland ausgewandert waren. Danach kam eine Phase mit vielen Musikern aus Asien, zum Beispiel aus Südkorea. Spanier kamen dann häufiger hinzu. Die Zahl der Deutschen hat immer weiter nachgelassen.

Seit es Facebook und andere ähnliche Mittel gibt, ist Südamerika hinzugekommen. Am Anfang waren von 100 Musikern 50 aus Deutschland und 20 aus Polen. Der Rest anderswo her. Inzwischen sind wir bei 15 aus Deutschland, 20 aus Polen, 20 aus Spanien. Aus Südamerika könnten wir ganze Orchester besetzen, weil das Interesse so groß ist.

Woher kommt das?

In gewissen Ländern hat man als Musiker gute Aufstiegschancen, ein Job lässt sich mit guter Ausbildung finden. Bei uns fehlt vielen die Muße, neben der Schule noch fünf oder sechs Stunden zu üben. Da merkt man einfach eine Verschiebung der Prioritäten seit der Zeit vor 25 Jahren.

Wie klappt es denn mit der Verständigung?

Wir kriegen auf alle Fälle nie ein Orchester zusammen, in dem alle Deutsch oder Englisch sprechen. Die Franzosen sprechen weiterhin nur Französisch. Wir müssen die Leute also so platzieren, dass am Pult immer mindestens einer eine der Hauptsprachen spricht. Der kann dann die anderen anleiten. Wie man einen Bogen führen muss, das lässt sich auch ohne Sprache zeigen.

Welche Rolle spielen denn Asien und Afrika?

In den 90er-Jahren hatten wir nie Musiker aus Ägypten zum Beispiel. Mittlerweile gibt es da schon bis zu 10 Bewerbungen pro Jahr. In China werden immer wieder neue Orchester gegründet. Hier in Deutschland gibt es einen Rückgang der Orchesterdichte. Derzeit sind wir bei ca. 140, weil überall das Geld knapp geworden ist. Europäische Klassik wird weltweit gehört, aber es gibt Verschiebungen.

Die Zahl der Orchester in Deutschland geht langsam zurück auf hohem Niveau. Finden Sie es wichtig, dass der Staat sich kümmert, dass die Struktur halbwegs erhalten bleibt? Es gibt ja immer wieder Zoff, was bezahlt werden soll. Geld fürs Stadion oder Geld für die Philharmonie?

Man muss sehen, dass wir die höchste Dichte professioneller Orchester weltweit haben. Während des Studiums war ich zur Promotion in Florida: 20 Millionen Einwohner, ein Profi-Orchester. Und selbst das ist regelmäßig pleite. Und dann schauen sie mal auf die Orchesterlandschaft, die wir bei 2,2 Millionen Einwohnern in Thüringen haben. Mittlerweile ist der Rückgang auch nicht mehr so stark. Viele Gäste in Städten kommen von außerhalb, um die Orchester zu hören, zum Beispiel in Leipzig. Das müssten wir viel mehr nutzen. In Thüringen gibt es mit den vielen kleinen Theatern und Orchestern so viel zu entdecken. Die Musiker geben jungen Leuten Unterricht. Deshalb muss das neben Sport-Infrastruktur definitiv gehalten werden, damit müssen wir wuchern. Die Welt beneidet uns um diese Struktur, sie zeichnet uns aus. Als weltweit führendes Industrieland müssen wir uns Kultur leisten.

Könnte es nicht mit Spenden funktionieren?

Das ist eher amerikanisch und funktioniert bei uns nicht. Ich fahre gelegentlich nach Boston und höre dort die Bostoner Symphoniker. Dort sitzen Mäzene. Hinter jedem Musiker steht ein Schild, welcher reiche Amerikaner den finanziert. Diese Kultur haben wir hier nicht. Wenn wir sehen, wie wenig man hier an Spenden zusammenbekommt.

Und woran liegt das?

Wir sind hier gewohnt, eine relativ hohe Steuerlast zu haben. Also soll der Staat sinnvoll Geld in Lehrer, Polizisten und hoffentlich auch Kultur investieren. Das ist unser System, das sollten wir halten. Trotzdem sollten sich alle Kulturschaffenden bemühen, dass weitere Einnahmen hinzukommen. Aber Kultur trägt sich normalerweise nicht selbst. Wir brauchen die staatliche Seite, damit auch Schüler oder Studenten für wenig Geld in Konzerte gehen können.

Pop-Kultur trägt sich doch.

Das ist aber auch ein anderer Aufwand. Ein Konzert mit 50.000 Zuschauern und einem ordentlichen Eintritt, wo fünf Leute auf der Bühne stehen, finanziert sich anders als ein 100-köpfiges Orchester das vor 800 Zuhörern spielt. Das sind andere Verhältnisse. Wie eine Ausstellung mit lauter Rembrandts, die trägt sich von selbst. Aber eine Dauerausstellung, wo man etwas zeigt, das sich in einem Herzogtum über hunderte Jahre verändert hat, die wird sich von selbst nicht so leicht tragen. Beide sind aber wichtig.

Es gibt in den Reihen der 29 Ausgezeichneten zum Beispiel Hans Zimmer. Der ist wohl einer der populärsten Komponisten überhaupt im Moment. Einen Oscar hat er gewonnen, zehn weitere Male war er nominiert. Lassen Sie auch mal was von dem spielen?

Denkbar ist das alles. Überhaupt ist die Liste sehr beeindruckend. Tabea Zimmermann, Hans Zimmer, Neo Rauch. Solche Veranstaltungen sind immer geeignet, um Kontakte zu knüpfen. Die braucht man, um neue Projekte voranzutreiben.

Hat die Musik-Auswahl für 2019 begonnen?

Ich habe einen Drei-Jahres-Plan gemacht. 2017/18/19 bis zu unserem großen Jubiläum. Jetzt haben wir Bruckner 5 eingespielt, die vorletzte. Eine harte, knorrige, die hatte ich zehn Jahre lang aufgeschoben. Nächstes Jahr haben wir Bruckner 4. Das ist die populärste Bruckner-Sinfonie. Zusätzlich spielen wir von Wagners Tristan und Isolde Vorspiel und Liebestod und dann Wagner-Lieder mit einer jungen Solistin aus Leipzig. Ein Programm mit einem großen Orchester, bei den Liedern eher mit einem Kammerorchester. Der BR wird wieder aufnehmen, es wird eine CD geben. Wir sind gerade mit dem MDR im Gespräch, inwieweit die das dann auch senden.

Sie haben eine sehr große Besetzung. Warum eigentlich?

Aus mehreren Gründen besetzen wir bei den Solo-Bläsern alle Stimmen doppelt. Professionelle Orchester machen das nicht. Wenn ich einen tollen Solotrompeter habe, dann muss der zwei Wochen lang jeden Tag bis zu zehn Stunden proben, dann fünf oder sechs Abende Konzerte spielen und eine Aufnahme. Aber was, wenn der krank wird?

Sie besetzen doppelt.

Ich besetze ihn doppelt, richtig. Die Doppelung erlaubt, dass sich einer mal ausruhen kann. Der zweite, der meist noch jünger ist, kommt so an die Spitze heran. An den Fortissimo-Stellen bekommen wir dann eine Dynamik rein, die eine Wucht ist. Unsere Stücke könnten wir auch mit 85 Musikern spielen. Auf 100 kommen wir, weil die Solo-Stimmen verdoppelt sind. Damit bekommt man ein leises Pianissimo hin, wie es sein soll aber auch eine große Dynamik, so dass es die Zuhörer umwirft. Die Verdoppelung bringt uns Sicherheit, den Musikern etwas Ruhe und die eben angesprochene Dynamik. Wenn der Dirigent alles herausholt, dann spielt eine Einheit, wo die Musiker zehn Tage zuvor nicht einmal die Namen der anderen kannten.

Und die Kontakte bleiben.

Freundschaften entstehen. Wir haben viele Ehen und Kinder hervorgebracht, grenzüberschreitend. Wenn es gut läuft, dann schaffen wir nächstes Jahr, dass 40 oder 50 Prozent schon einmal dabei waren. Dann haben wir eine Basis, die vieles einfacher macht.

Zumal manche Musiker anfangs recht jung sind.

Ich hatte mich gefreut, dass in diesem Jahr meine 15-jährige Tochter als Posaunistin dabei war. Sie hat verdoppelt. Das hat sie in ihrer Entwicklung stark vorangebracht. Der 15-jährige Sohn des Dirigenten war dabei, auch als Verdoppelung. Die haben beide viel gelernt. Nächstes Jahr werden die einen Riesen-Sprung gemacht haben. Natürlich muss man da aufpassen, Blechbläser sind ein eigenes Grüppchen, die sind dem Bier durchaus zugetan. Da muss man rechtzeitig schauen, dass man es im Griff hat. Das Gesellige ist aber nach einer Zehn-Stunden-Probe wichtig. Da muss man auch mal etwas zu trinken ausgeben, Bier, alkoholfreie Getränke. Aber um zwölf müssen die Leute schlafen, denn am nächsten Tag wartet eine harte Probe, da geht es von vorn los. Es braucht klar etwas Erzieherisches.

Auch im künstlerischen Bereich?

Bei einem Profi-Orchester sagt der Dirigent, wo sie laut oder leise, schnell oder langsam spielen sollen. Der muss denen nichts erklären, das Stück kennen die Musiker schon lange. Mit jungen Leuten ist das anders. Die wollen was lernen. Da muss man anders vorgehen. Bruckner hat das so komponiert, weil... Wer es intellektuell versteht, kann es anders rüberbringen. Viele Dirigenten sind gar nicht für Jugendorchester geeignet. Also müssen wir die richtigen finden. Matthias Foremny aus Leipzig werden wir nächstes Jahr wieder haben, ein absoluter Glücksfall. Der unterrichtet neue Dirigenten und dirigiert selbst Orchester. Der erkennt auch, wenn Musiker mal nicht mehr können.

Wie läuft denn die Sponsoren-Suche?

Alle unsere Sponsoren-Verträge laufen nach drei Jahren aus. Also fangen wir wieder bei null an und müssen erst mal zusehen, dass wir das Paket wieder zusammenbekommen. Aktuell laufen die Planungen deshalb nur bis 2019. Dann erst sehen wir die Größenordnungen, in denen wir arbeiten können. Vielleicht werden die etwas kleiner.

Es wird schwieriger, Sponsoren zu finden?

In den 25 Jahren hat sich auch das verändert. Als ich selbst noch Student war, war es sehr spannend, von null auf das Geld aufzutreiben. Dann wurde es leichter. 2004 bis 2009 war eine goldene Zeit. Da fiel es mir relativ leicht, die Finanzen aufzustellen. Wir konnten Top-Sachen machen, sogar Opern waren möglich und hatten mehr Zuhörer als heute. 2010 wurde das Opernhaus in Bayreuth geschlossen, das hat auch Außenwirkung auf Sponsoren gehabt. Die Landschaft der Sponsoren hat sich verändert. Vor 15 Jahren gab es im nördlichen Bayern viele Firmenchefs, Sparkassen, Banken. Ansprechpartner vor Ort, die wollten etwas für die Region tun. Vieles ist heute zentralisiert. Das macht es schwieriger.

In Jena auch?

Hier ist das nicht so. Da läuft es mit vielen lokalen Sponsoren optimal. Aber jeder, der versucht, einen Verein am Leben zu halten, merkt, dass es weniger Ansprechpartner gibt, die etwas geben wollen. Jetzt improvisieren wir seit etwa zehn Jahren. Obwohl es eigentlich beliebig viel Geld gibt. Aber das wird anders verteilt. Wir hoffen jetzt, dass uns größere Stiftungen auf Dauer unterstützen können. Jetzt ist erstmal 2019 das große Ziel. Die Kultur- und Sozialstiftung Internationale Junge Orchesterakademie wird weiter ihre Ziele verfolgen, es fragt sich nur, wie wie.

Trägt man den Verdienstorden eigentlich, wenn man ihn bekommen hat?

Noch bin ich nicht erfahren, ich lese mich gerade ein. Für gewisse offizielle Anlässe trägt man es. Bei großen Empfängen werde ich die Chance sicher nutzen. Diese Auszeichnung ist natürlich nach 25 Jahren eine große Ehre. Es hilft, Aufmerksamkeit auf das Jubiläum zu lenken und hoffentlich - weitere Euros für Stipendien einzuwerben. Erst einmal kommt aber die Verleihung. Dr. Andreas Göldel hat mit mir das Ganze gegründet, der wird in Berlin dabei sein. Ein bayerischer Landtagsabgeordneter, der uns seit 15 Jahren unterstützt, ebenfalls. Auch meine Frau; die trägt das seit 11 Jahren mit. Die stehen stellvertretend für die ganze Organisation. Für all die ist es eine tolle Auszeichnung.

CDs nehmen sie mit?

Natürlich.

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