Das Land als Ganzes feiern – Ministerpräsident Bodo Ramelow zum Jubiläum

Erfurt.  100 Jahre Thüringen: Im Gespräch mit dem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zum Jubiläum des Landes.

Bodo Ramelow kam vor 30 Jahren nach Thüringen. Jetzt wollte der Ministerpräsident mit den Bürgern das Jubiläum 100 Jahre Thüringen feiern. Das findet nun digital statt und soll zum 3. Oktober nachgeholt werden.

Bodo Ramelow kam vor 30 Jahren nach Thüringen. Jetzt wollte der Ministerpräsident mit den Bürgern das Jubiläum 100 Jahre Thüringen feiern. Das findet nun digital statt und soll zum 3. Oktober nachgeholt werden.

Foto: Sascha Fromm

Die Feier fällt aus. Der Festakt ist in den Herbst verschoben. Doch ob am Tag der deutschen Einheit, für den diesmal Altenburg Gastgeber im Freistaat sein soll, das Landesjubiläum groß in Szene gesetzt werden kann, wer weiß das schon in diesen Corona-Zeiten. Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) würdigt im Gespräch mit dieser Zeitung Land und Leute – beim Blick in die Vergangenheit und in die Gegenwart.

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Was verbinden Sie mit dem Beginn Thüringens vor 100 Jahren?

Die Entstehungsgeschichte von Thüringen ist politisch und historisch besonders spannend. Der Raum, auf dem sich der heutige Freistaat Thüringen gebildet hat, ist bedeutsam mit Blick auf die Kulturgeschichte – und das geht weit über Goethe, Wieland und Herder hinaus. Das ist die reiche Industriegeschichte in einem wirtschaftlich unglaublich starken Raum. Hier entstand die Sozialdemokratie. Starke Teile der Gewerkschaftsgeschichte sind hier angesiedelt. Und gleich nach den Gräueln und Entmenschlichungen des Ersten Weltkrieges siedelte sich hier mit dem Bauhaus eine spannende Bewegung an, die bis in die Gegenwart wirkt. Insofern war für mich Thüringen schon immer ein sehr attraktiver Raum.

Thüringen ist also ...

… ein Topos, der die gesamte Kultur- und Industriegeschichte abbildet. Deswegen habe ich mich auch riesig darauf gefreut, dass wir zum 1. Mai 100 Jahre Thüringen feiern und nicht immer nur aus den 100 Jahren Thüringen einzelne Elemente der Geschichte betrachten.

Die Feier ist vom 1. Mai in Weimar, das damals Landeshauptstadt war, auf den 3. Oktober nach Altenburg verschoben worden. Dabei weiß noch niemand, in welchem Rahmen dann 30 Jahre Einheit und 100 Jahre Land gefeiert werden können.

Wir können aktuell nur vorsichtig planen. Und dabei hatten wir die 30-Jahr-Feier eigens nach Altenburg gelegt, um damit ein Signal im mitteldeutschen Raum zu setzen. Altenburg ist ja insofern spannend, um das Landesjubiläum zu begehen, weil es dort nicht nur die Geschichte der Fürsten und ihre Sammlungen gibt; sondern wir befinden uns dort auch im Mittelpunkt von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die drei Länder haben mehr Gemeinsames als Trennendes. Nun müssen wir sehen, was wir unter noch nicht bekannten Bedingungen in Altenburg für den 3. Oktober gestemmt kriegen.

Thüringen im Wandel der Zeit: Das sind 100 Jahre mit Höhen und Tiefen. Was ist aus Ihrer Sicht besonders beachtenswert in diesem Land?

Ich sehe das Bauhaus als Ausgangspunkt. Deswegen haben wir dessen 100 Jahre zurückliegende Gründung 2019 so groß gefeiert. Mit einem neuen Museum in Weimar konnten wir da einen völlig neuen Akzent setzen. Der Spannungsbogen wird deutlich, wenn man auf der obersten Etage im Bauhausmuseum ins Treppenhaus tritt, das wie eine Himmelsleiter wirkt. Schaut man zum Fenster hinaus, geht der Blick zum Glockenturm von Buchenwald … Nebenan ist das Gauforum, nicht weit entfernt mit dem Haus der Weimarer Republik jetzt ein Lernort, der sich der damaligen Demokratie widmet.

Zur wechselvollen Geschichte Thüringens gehört, dass es zu DDR-Zeiten keine Länder gab, sondern nur Bezirke. Die Thüringer aber wollten wieder eins sein. Wie haben Sie die Zeit 1990 erlebt, als Sie damals als Gewerkschafter nach Erfurt kamen?

Es war eine aufregende und spannende Zeit. Ich war mit der Frage beschäftigt, wie es mit Betrieben weitergeht. Da gab es viel Hoffnung, aber auch viel Trauer. Bischofferode ist der emotionalste Punkt, aber es war insgesamt ein gigantischer Zeitenwechsel. Zunächst überwog das Lächeln bei den Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Es gab so viel Neugier, so viel Zutrauen in die Zukunft.

Haben Sie da ein Beispiel?

Ja, ich erinnere mich an eine Kollegin, die in einer Gewerkschaftsversammlung im Frühjahr 1990 stolz erzählte, dass sie mit einem Lastwagen im Westen war, um Auslegeware zu kaufen für die Bevölkerung. Und die anderen fragte nach dem Wie und Wo. Ich dachte mir: Das würde im Westen keiner verstehen. Klar: Wir lebten in zwei völlig verschiedenen Welten. Ich habe bei meiner Pendelei damals auch festgestellt, dass sich die meisten Menschen im Westen gar nicht vorstellen konnten, welchen Wandlungsbewegungen die Menschen hier ausgesetzt waren. Ich fühlte mich schnell als Teil von hier. Und in dieser Zeit suchte sich dieses Land mit seinen Menschen eine eigene Identität.

Das Land brauchte eine eigene Verfassung. War das ein Thema für Sie?

Ja. Da habe ich mich engagiert. Es ging ja um Fragen wie Recht auf Arbeit. Von Gewerkschaftsseite haben wir schon damals dafür geworben, mehr direkte Demokratie in dieser Verfassung zu verankern. Das war für mich in all den Jahren ein Thema und ist es auch heute noch.

Sind wir nach 30 Jahren Land Thüringen immer noch in guter Verfassung?

Ja, wir haben eine solide Verfassung, mit der sich gut arbeiten lässt. Sie hat uns 30 Jahre Handlungsfähigkeit gegeben. Aber unsere Verfassung hat es auch verdient, weiterentwickelt zu werden.

Wo steht Thüringen heute?

Wir sind nach einem Bruch und der damit verbundenen gigantischen Deindustrialisierung zunächst in einen Transformationsprozess gelangt, der mit Leid, vielen schweren Bürden und Tränen verbunden war. Inzwischen weiß ich, dass dies auch Kräfte freigesetzt hat bei Menschen, die gesagt haben: Wir legen los! Diese Herangehensweise macht ein Land stark. Letztlich hat dies auch dazu geführt, dass wir nun innerhalb der neuen Länder eine Dynamik entwickelt haben, wie sie nicht viele haben.

Insofern kann Thüringen in eine gute Zukunft gehen?!

Ich gehe davon aus. Wenn wir das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, das wir bei der Bewältigung der 1990er Jahre entwickelt haben, zu einer Kraft werden lassen, die uns auch in der jetzigen Corona-Situation stärkt, dann ist mir nicht bange. Wir sollten uns klar werden, dass es lohnt, auf jede Herausforderung positive Antworten zu suchen. Ich spüre, wie es Freude macht, mit den Menschen in Thüringen auf neue Ziele hinzuarbeiten.

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100 Jahre Thüringen: Wäre es da nicht mal wieder an der Zeit, über eine Länderfusion nachzudenken?

Ich halte nichts von solchen formalen Debatten. Ich habe Lust, darüber zu reden, was wir mit unseren Nachbarn zusammen machen können. Kooperativ. Wichtig ist der Zuwachs an Möglichkeiten. Wenn es aber eine Angst gibt, etwas zu verlieren, lassen sich Menschen kaum auf Veränderungsprozesse ein. Also: Die Frage nach einer Fusion stellt sich nicht.

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