Der Kampf um die Briefkästen - AfD gründet Firma für eigene Druckerzeugnisse in Thüringen

Gehren  Zur Verbreitung ihrer Botschaften hat die Thüringer AfD eine Firma gegründet. Geschäftsführer ist Robert Teske, Chef der vom Verfassungsschutz beobachteten JA Bremen.

Die Thüringer AfD will ihre Wahlinformationen verstärkt in Briefkästen platzieren. Das Internet allein ist ihr als Werbeplattform nicht erfolgversprechend genug. Archivfoto: Marco Schmidt

Die Thüringer AfD will ihre Wahlinformationen verstärkt in Briefkästen platzieren. Das Internet allein ist ihr als Werbeplattform nicht erfolgversprechend genug. Archivfoto: Marco Schmidt

Foto: Marco Schmidt

In einem Briefkasten am Ortsrand von Gehren im Thüringer Wald ist jetzt ein frankiertes Schreiben gelandet, das auf künftige Wahlkämpfe in Thüringen einen gewissen Einfluss haben dürfte.

Absender: Zentrales Handelsregister Thüringen, Jena.

Inhalt des Schreibens: Eintragung der „Alternative Service GmbH“ ins Handelsregister, Registernummer HRB 515701.

Firmensitz: Xavier-Vorbrüggen-Straße im Industriegebiet von Gehren, Stadt Ilmenau.

Einziger Gesellschafter der am 29. April 2019 registrierten Alternative Service GmbH ist die AfD Thüringen. Monatelang hatte die Partei auf das amtliche Schreiben aus Jena gewartet. Doch immer wieder zog sich die Bearbeitung des Antrags zum Teil wegen Formfehlern in die Länge.

Jetzt kann im Superwahljahr 2019 mit Kommunal-, Europa- sowie Landtagswahlen wohl doch noch „der Kampf um die Briefkästen“ beginnen, den Thüringens AfD-Chef Björn Höcke im Januar dieses Jahres bei einer Zusammenkunft in Dresden vor Parteifreunden angekündigt hatte.

„Wir müssen runter vom Sofa“, hatte Höcke bei einem Treffen der AfD-Gruppierung „Der Flügel“ gefordert, deren Grundgesetztreue dem Bundesamt für Verfassungsschutz eine intensive Prüfung wert ist.

„Wir müssen weg vom PC“, sagte Höcke in Dresden. „Wir müssen raus aus der Whatsapp- und Facebook-Blase, in der wir oftmals noch viel zu viel Zeit verbringen.“ Hier gab es viel Beifall im Saal. „Wir müssen raus auf die Straße. Aber wir müssen vor allem den Kampf um den größten unverstellten Resonanzraum der Meinungsfreiheit in den nächsten Monaten führen und intensivieren.“ Das, rief Höcke, „ist der Kampf um die Briefkästen. Und den müssen wir gewinnen!“

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Kampf um Wählerstimmen aus den Internet verlagern

Die Partei habe ihre Präsenz im Internet zwar deutlich gesteigert, doch im Kampf um politische Mehrheiten reiche dies nicht aus, hatte Co-Parteichef Stefan Möller in seinem Rechenschaftsbericht bereits beim AfD- Parteitag in Pfiffelbach im November 2018 betont.

Das strategische Wahlkampfziel von 30 Prozent der Wählerstimmen „erreichen wir nicht, indem wir unsere Botschaften abschleifen“, sagte Möller. Das erhoffte Wahlziel könne nur erreicht werden, „indem wir unsere Botschaften unverfälscht zu den Leuten bringen“.

Durch die Tätigkeit der neuen Service-Gesellschaft und den von ihr organisierten „Kampf um die Briefkästen“ soll dies nun geschehen. Vorhandene Vertriebswege, um Informationsmaterial in die Haushalte zu tragen, habe die AfD nicht nutzen können, erläuterten Höcke und Möller in Pfiffelbach.

An der Spitze der GmbH steht als Geschäftsführer ein junger AfD-Politiker, der als Garant für unverfälschte Botschaften gelten kann: Robert Teske, Bremer Landesvorsitzender der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative (JA). Teske steht der AfD-Vereinigung vor, die als erste in Deutschland von einem Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet wurde.

Geschäftsfeld der GmbH ist breit angelegt

Die JA Bremen werde „insbesondere wegen ihrer fremden- und muslimenfeindlichen und völkisch-nationalistischen Äußerungen sowie ihrer Verbindungen zu den rechtsextremistischen ,Identitären‘ seit September 2018 beobachtet“, heißt es im Bremer Verfassungsschutzbericht 2018.

Welche Aktivitäten die Alternative Service GmbH genau entfalten wird und wann dies beginnt, steht noch nicht fest. Die AfD Thüringen bereite eine eigene Zeitung vor, in der Anzeigenplätze gebucht werden können, sagte Stefan Möller gestern. Diese Zeitung, die noch keinen Namen trage, soll über die Service GmbH verteilt werden.

Das Geschäftsfeld der GmbH ist breit angelegt. Der Gesellschaftsvertrag nennt als Gegenstand des Unternehmens: „das Erstellen und der Vertrieb von Druckerzeugnissen und Druckvorlagen, das Erstellen von Medien, das Verlegen von Büchern und Zeitschriften, das Betreiben von Onlineangeboten inklusive Onlinehandel mit Druckerzeugnissen und Werbeartikeln, das Erstellen und der Vertrieb von Werbematerial“.

Kontakte zu bedeutenden Unternehmerpersönlichkeiten

Das ist nicht alles. Zum Geschäftszweck gehören ferner „die Vermittlung von Dienstleistungen, das Halten und Verwalten von Immobilien“ sowie „Organisation und Durchführung von Veranstaltungen und die Unternehmensberatung“.

Zu diesem Zweck, heißt es, „kann die Gesellschaft im In- und Ausland andere Unternehmen gründen, erwerben oder sich an ihnen beteiligen“.

Im Hintergrund der aktuellen Firmengründung hat es Entwicklungen gegeben, die aufzeigen, welche Kontakte die AfD Thüringen zu bedeutenden Unternehmerpersönlichkeiten unterhält oder unterhalten hat.

An erster Stelle ist Jürgen Lindhorst zu nennen, Unternehmensinhaber der Lindhorst-Gruppe aus Winsen an der Aller in Niedersachsen. Sie gehört zu den führenden deutschen Privatunternehmen, tätig in den Bereichen Immobilien, Pflege und Gesundheit, Bioenergie und Landwirtschaft. Nach einem Bericht der Celleschen Zeitung arbeiten unter dem Dach der Lindhorst-Gruppe etwa 200 Firmen.

Zur Bedeutung der Gruppe im Bereich der Landwirtschaft heißt es auf der Homepage des Unternehmens: „Die JLW Holding AG ist eines der größten Agrarunternehmen in Deutschland. Wir arbeiten auf insgesamt 22.000 ha eigenen Flächen sowie auf Pachtflächen.“

Vor allem in Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist die JLW (Jürgen Lindhorst Winsen) Holding als Aufkäuferin von Agrarbetrieben unternehmerisch aktiv. In Thüringen lehnen fast alle Parteien in öffentlichen Stellungnahmen diesen Vorgang, der als Land Grabbing kritisiert wird, ab. In vorderster Abwehrfront steht auch die AfD.

In Thüringen engagiert sich die Unternehmerfamilie Lindhorst bisher nicht als Aufkäuferin von Agrarbetrieben, sondern engagiert sich stark im Naturschutz. Über eine Familienstiftung und die „Naturerbe Hohe Schrecke GmbH“, deren Geschäftsführer Jürgen Lindhorst ist, treibt Lindhorst ein „Großprojekt des Naturschutzes von nationaler Bedeutung“ voran, heißt es auf der Homepage der Naturerbe GmbH.

Das Projekt „Hohe Schrecke“, das als Natura 2000-Fläche auch Bestandteil des europäischen Naturerbes ist, werde in Kooperation mit den Anrainerkommunen von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der Frankfurter Zoologischen Stiftung und dem Bund Naturschutz Deutschland (BUND) unterstützt und gefördert.

Dort sollen von der Familie Lindhorst insgesamt 3.600 Hektar Buchenwald erworben, langfristig in die Familienstiftung überführt und ein erhebliches Stiftungskapital für Projekte des Naturschutzes und der nachhaltigen Entwicklung des einmaligen Waldgebietes zur Verfügung gestellt werden. So steht es auf der Homepage der Naturerbe GmbH.

Gemeinsam mit der AfD Thüringen hat Jürgen Lindhorst im vergangenen Jahr einen ersten Versuch unternommen, die Alternative Service GmbH auf den Weg zu bringen. Zwei Gesellschafter waren zunächst vorgesehen: Die Alternative für Deutschland, Landesverband Thüringen, mit einem Geschäftsanteil von 25.000 Euro und Jürgen Lindhorst mit einem Geschäftsanteil von 24.000 Euro.

„Die Geschäftsanteile sind in voller Höhe bar eingezahlt“, heißt es in einem Schreiben an das Amtsgericht Jena, dem Sitz des Zentralen Handelsregisters.

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Firma sollte keinen politischen Hintergrund haben

Verfasser des Schreibens an das Amtsgericht war Höckes langjähriger Büroleiter Gerhard Siebold, der zunächst als Geschäftsführer der GmbH vorgesehen war, sich aber dann von dem Posten zurückgezogen hat. Vorwiegend „aus Altersgründen“, wie es aus Siebolds engstem Umfeld heißt. Ob das der einzige Grund war, ist unklar.

Nach Recherchen unserer Zeitung hat Siebold auch dem mit ihm befreundeten Unternehmer Lindhorst zum Ausstieg aus dem Projekt geraten. Ein zu langes Abwarten „könnte schmerzhaft werden“ und dem Ruf des Unternehmens schaden.

Jürgen Lindhorst, der gestern nicht persönlich zu sprechen war, ließ über eine Mitarbeiterin ausrichten, die Alternative Service GmbH sei der Versuch gewesen, „um eine gemeinsame Geschäftsidee umzusetzen, die keinen politischen Hintergrund hatte“. Ein engerer Kontakt zwischen Jürgen Lindhorst und Björn Höcke hat sich offenbar im vorigen Jahr entwickelt. Er habe Höcke im Thüringer Landtag kennengelernt und ihn als „sympathisch und sehr intelligent“ wahrgenommen, wird Lindhorst in der Celleschen Zeitung wiedergegeben. „Höckes Vita und seine Einstellungen zu Familie und traditionell deutschen Werten haben mich beeindruckt“, sagte Jürgen Lindhorst der Zeitung. „Diese Menschen machen mich neugierig.“

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