Der Mut der Verschwörer beeindruckt bis heute

Berlin  Das Attentat vom 20. Juli 1944 und das „Unternehmen Walküre“ waren der Versuch, Deutschland von der nationalsozialistischen Herrschaft zu befreien.

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers“, Martin Bormann (l.), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg (rechts) am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten.

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers“, Martin Bormann (l.), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg (rechts) am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten.

Foto: Heinrich Hoffmann/UPI/dpa

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Im Sommer 1944 war die militärische Lage des Deutschen Reiches, Adolf Hitlers immer wieder vorgebrachten Durchhalteparolen zum Trotz, ausweglos geworden. Auf allen Seiten brachen die Verteidigungslinien in sich zusammen: Im Osten rückte die sowjetrussische Rote Armee immer weiter vor, im Süden hatten es die Westmächte dank überlegener Technik schon bis Mittelitalien geschafft.

In der nordfranzösischen Normandie landeten im Rahmen der alliierten „Operation Overlord“ zwischen dem 6. und 12. Juni 1944 über 326.000 Mann, 104.000 Tonnen Material und 54.000 Fahrzeuge. Eine weitere Front war eröffnet. Wer mit wachen Augen das Kriegsgeschehen verfolgte und Zugriff auf die nötigen Informationen hatte, konnte jetzt, bereits neuneinhalb Monate vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, nur zu einem Schluss kommen: dass Deutschland den Krieg verloren hatte.

„Attentat muss erfolgen – um jeden Preis“

Vor diesem Hintergrund ist ein Schreiben Henning von Tresckows an Claus Schenk von Stauffenberg zu lesen, das heute als eines der berühmtesten Dokumente der Geschichte des militärischen Widerstandes gilt. Tresckow gehörte als Generalmajor der Wehrmacht neben Stauffenberg schon seit einigen Jahren zu den Zentralfiguren des militärischen Widerstands. „Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte“ – um jeden Preis, schrieb er im Juli 1944. „Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“

Das Attentat und der damit verbundene Staatsstreichplan im Rahmen des „Unternehmens Walküre“ scheiterten, und der Historiker Joachim Fest hat mit Blick auf die Haltung von Tresckows vom „Lohn der Vergeblichkeit“ gesprochen. In ihm mag man einen der Gründe dafür sehen, warum das Attentat vom 20. Juli 1944 wie kaum ein anderer Akt des Widerstands gegen Adolf Hitler die Fantasien der Nachwelt beflügelt hat.

Ungezählte Studien, Dokumentationen und Spielfilme sind über den Kreis der Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg veröffentlicht und diskutiert worden, zuletzt etwa Brian Singers US-Großproduktion „Valkyrie“ (2008), in der Tom Cruise die Rolle des Stauffenberg übernahm. Gedankenspiele wurden unternommen: Was wäre gewesen, wenn Stauffenberg eine zweite Zündladung mit in die Aktentasche gesteckt hätte? Hätte er im Raum bleiben sollen, den eigenen Tod in Kauf nehmend? Ging durch seinen Flug nach Berlin nicht viel zu viel Zeit verloren, in der der Putschversuch kopflos blieb? Und in welchem Staatswesen würden wir heute leben, wäre das Unternehmen erfolgreich gewesen? Es waren ja keine überzeugten Demokraten, die hier am Werke waren.

Stauffenberg und die Seinen waren entschiedene Gegner der Weimarer Demokratie

In seiner sehr lesenswerten, im Frühjahr erschienenen Biografie „Stauffenberg. Porträt eines Attentäters“ (Blessing, 368 Seiten, 24 Euro) hat der in Berlin lebende Publizist Thomas Karlauf den enormen Einfluss hervorgehoben, den der Schriftsteller Stefan George (1868– 1933) schon in jungen Jahren auf Stauffenberg und seine Brüder ausübte. Stauffenberg ließ sich in den Sitzungen des George-Kreises von der Vision einer heraufziehenden geistig-seelischen Elite begeistern, die in einer neuen, hierarchisch organisierten Gesellschaft den Ton angeben würde.

Das fügte sich nicht nur in seine genuin adlige Prägung, es passte auch zu einer eisern antirepublikanischen Grundhaltung. Stauffenberg und die Seinen waren entschiedene Gegner der Weimarer Demokratie, sie begrüßten deshalb die politischen Erfolge Hitlers genauso wie die durch ihn veranlasste Aufrüstung. Sie unternahmen auch nichts gegen den sich zuspitzenden Antisemitismus, nicht einmal gegen die systematischen Judenmorde im Krieg seit 1941, über die sich Stauffenberg stets in Kenntnis setzen ließ.

Zu einer Heldenfigur kann man ihn also, aufs Ganze betrachtet, nicht ernennen. Und wenn er erfolgreich gewesen wäre? Joachim Fest hat ausgerechnet, dass in den neuneinhalb Monaten nach dem gescheiterten Attentat mehr Deutsche ihr Leben verloren als in den fünf Kriegsjahren zuvor. Diese Überlegung blendet allerdings aus, welcher politische Preis für ein erfolgreiches Attentat und eine frühere Kapitulation zu bezahlen gewesen wäre.

Staatsstreich scheiterte in der Berliner Bendlerstraße

Ohne das Schreckensende der letzten neun Monate, zitiert Karlauf den Schriftsteller Carl Zuckmayer mit seiner Rede zum 25. Jahrestag des Attentats, „hätte der Sturz des Regimes keine volle Glaubwürdigkeit bei der wahllosen Menge besessen, die ihm damals noch hörig war, und ein ermordeter Hitler wäre ein schwerer Ballast, eine fast untilgbare Hypothek auf dem Gebäude eines neuen Deutschlands gewesen“.

Und doch wünscht man sich heute natürlich, dass der Krieg früher und von Deutschland selbst beendet worden wäre – worin man einen weiteren Grund für die Spannung sehen kann, mit der wir immer noch die Ereignisse rund um den 20. Juli betrachten. „Er schafft es, dass man zwei Stunden lang atemlos auf der Stuhlkante sitzt“, schrieb Michael Althen 2008 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über den Film „Valkyrie“, „obwohl man weiß, dass der Sache kein Erfolg beschieden war“. Mit dem besseren Wissen des später Geborenen will man den Akteuren immerzu in den Arm fallen und ihre Pläne doch noch zum Erfolg bringen.

Es waren ja nicht nur die Ereignisse in der Wolfsschanze. Der Staatsstreich scheiterte in der Berliner Bendlerstraße in Tiergarten, im Sitz des Allgemeinen Heeresamtes, und er scheiterte an wechselnden Loyalitäten und einem Mangel an Entschlossenheit. Stauffenberg traf dort um 16.45 Uhr ein, wohl immer noch im Glauben, dass Hitler bei der Explosion ums Leben gekommen sei.

Er meldete sich bei Friedrich Fromm, dem Befehlshaber des Ersatzheeres. Er bekannte sich zu dem Attentat. Der Staatsstreich sei im Gange. Aber Fromm, dem die Umsturzpläne seit Langem bekannt waren, handelte nicht nach ihnen, sondern rief in der „Wolfsschanze“ an und bekam zu hören, dass das Attentat fehlgeschlagen sei – woraufhin er sich vom „Unternehmen Walküre“ distanzierte und sich festnehmen ließ.

Den Generälen fehlte es an Nervenstärke

Dass man den Staatsstreich auch trotz eines lebendigen Hitlers hätte durchführen können, lag außerhalb seines Horizonts. „Für mich ist dieser Mann tot. Davon lasse ich mein weiteres Handeln bestimmen. Von dieser Linie dürfen wir nicht abweichen, sonst bringen wir unsere eigenen Reihen in Verwirrung“ hatte der Generaloberst a.D. Ludwig Beck als Parole ausgegeben – aber diese moralische Konsequenz stand Fromm nicht zu Gebote.

„Nachdem sich 1942/43 abgezeichnet hatte, dass die Verschwörer innerhalb der Generalität keine wirkliche Unterstützung finden würden“, schreibt Karlauf, „fehlte es am Nachmittag und Abend des 20. Juli den maßgeblichen Generälen Fromm, Olbricht, Wagner, Kluge und Witzleben an Nervenstärke“. Über den Rundfunk verbreitete sich die Meldung vom Überleben Hitlers, der in der „Wolfsschanze“ mit dem Empfang Mussolinis schon wieder seinen Geschäften nachging. Drei Generalstabsoffiziere erreichten die Freilassung Fromms. Die Erhebung war gescheitert.

Ludwig Beck wurde die Gelegenheit zur Selbsttötung gegeben (nach deren Misslingen man ihn erschoss), die anderen Umstürzler mussten im Hof des Bendlerblocks vor die Wand treten und wurden im Licht der Autoscheinwerfer erschossen. Ob Stauffenbergs letzte Worte nun „Es lebe das geheime Deutschland“ oder „Es lebe das heilige Deutschland“ waren, wird wohl für immer unklar bleiben. Noch einmal Karlauf: „Welches Deutschland auch immer Stauffenberg vor Augen stand: Sein letzter Ruf ist nicht als Botschaft an die Nachlebenden zu verstehen, sondern als Beschwörung der Welt, aus der er kam.“

Was bleibt, ist der Respekt vor dem Mut, einem unmenschlichen Regime die Stirn zu bieten.

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