Die Thüringer Landesvertretung feiert sich und den Freistaat beim jährlichen Sommerfest

In illustrer Nachbarschaft - zwischen nordkoreanischer Botschaft und dem deutschen Auslandsnachrichtendienst - versteht sich die Vertretung des Freistaats beim Bund als Schaufenster Thüringens in Berlin. Allzu viel Transparenz scheint jedoch unerwünscht.

Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen und Wolfgang Thierse auf dem Sommerfest der Landesvertretung Thüringen in Berlin. Foto: Gunnar Lüsch

Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen und Wolfgang Thierse auf dem Sommerfest der Landesvertretung Thüringen in Berlin. Foto: Gunnar Lüsch

Foto: zgt

Berlin/Erfurt. "Irgendwas mit Bund und Ländern", sagt eine 9-Klässlerin. Die Antwort ihres Mitschülers, was er über die Thüringer Landesvertretung in Berlin erfahren habe, fällt noch magerer aus: "Da oben sorgt jemand dafür, dass auf den Schreibtischen die Büroklammern nicht alle werden."

Gerd Frenzel zieht die Augenbrauen hoch, während sich der kreischend-kichernde Pulk der Geschwister-Scholl-Gymnasiasten aus Sondershausen nach draußen schiebt. Dass der angewandte Sozialkunde-Unterricht diesmal keine Früchte trug, ist sicher den altersbedingten Ausfallerscheinungen der pubertierenden Schülerschaft zuzuschreiben. Nicht Frenzel.

Wenn sich die Landesvertretung als Schaufenster Thüringens in der Hauptstadt versteht, dann ist der 58-jährige Saalfelder – um im Sprachbild zu bleiben – für klare Scheiben verantwortlich. Er organisiert Veranstaltungen und kümmert sich um die Verwaltung, bis hin zur Büroklammer. Auch im schlichten Büro von Christine Lieberknecht. Die Fahnen von Freistaat, Deutschland und Europa, eine Leder-Sitzgruppe, zwei Gemälde, ein schwarzer Schreibtisch. Im Rücken ihres bequem wirkenden Büro-Sessels die Nordkoreanische Botschaft. Dazwischen eine Scheibe aus Panzerglas.

Die kleinen Apartments im "Hotel Thüringen" – so wird die 5. Etage mit ihren Dienstwohnungen genannt – sind noch spartanischer. Die Zimmer der Ministerpräsidentin erinnern eher an Klosterzellen, als einen bequemen Rückzugsort. Immerhin, das Duschwasser ist jetzt warm. Bernhard Vogel erwischte es 1999 in dem Neubau für 27-Millionen D-Mark dagegen einmal kalt. Vor Lieberknechts Apartment teilt in luftiger Höhe ein etwa 50 Zentimeter breiter Beton-Streifen den Innenhof zwischen der Landesvertretung und dem benachbarten Arbeitsministerium – intern spricht man von der Beamtenlaufbahn, auf die sich die 25 Mitarbeiter des Hauses eingelassen hätten.

Kaum die Hälfte von ihnen hat Wurzeln in Thüringen. Ein Grill im Innenhof und einer auf der Dachterrasse dienen darum wohl vornehmlich kultureller Grundausbildung.

Neben Thüringer Landesinteressen will die Vertretung auch Unternehmen und Künstlern aus dem Freistaat eine Plattform auf Bundesebene bieten. Etwa durch Fachtagungen oder Ausstellungen. Ob für den Zuschlag zu einer Präsentation die Kenntnis der Telefonnummer von Frau Lieberknecht hilfreich ist? "Nein, es entscheidet allein die Eignung des Konzepts, das uns vorgelegt wird", so Christina Schwetje. Die 52-Jährige ist die Referentin von Reinhard Stehfest, dem Bevollmächtigten des Freistaats Thüringen beim Bund und damit Chef der Landesvertretung.

Der Erfurter Koch und Fotograf Matthias Kaiser hat mit kulinarischen Momentaufnahmen aus dem Freistaat überzeugt. Lediglich eines seiner Bilder fehlt in der aktuellen Ausstellung. Eine in Erfurt wohl stadtbekannte Prostituierte genoss die Thüringer Rostbratwurst offenbar viel zu eindeutig zweideutig. Ansonsten werden die Details aus dem Freistaat auf den gut 5000 Quadratmeter und sechs Etagen nicht versteckt.

Der Eingangsbereich ist mit Travertin und Glas aus der Heimat versehen. Selbstredend gilt dies auch für das Material der Sandstein-Skulpturen und deren Erschaffer. Im Keller hat eine Blockbohlen-Stube aus dem Altenburger Land ihren Platz gefunden. Bernhard Vogel hatte sie einst aus einem baufälligen Haus ausbauen und als Mittelpunkt gemütlicher Stunden nach Berlin schaffen lassen. Doch die "Altenburger Stube" ist eher verwaist. Zu krass ist der Bruch zwischen moderner Bauweise anno 1999 und ländlichem Charme.

Überhaupt scheidet der Stil der Architekten – freilich aus Erfurt – die Geister. Fachleute zeigen sich von den klaren Linien, dem Kontrast zwischen nacktem Stein, Glas und warmem Holz fasziniert. Aus normalen Besuchergruppen kommt hingegen öfter die Frage, wann denn endlich tapeziert werde.

Auch die Mitarbeiter selbst haben so ihre Probleme mit den transparenten Büros. Allerlei Papier schafft Schutz vor Einblicken. Am Chef-Büro von Reinhard Stehfest hängt ebenfalls ein Rollo. Doch Unüberhörbare Stimme und zupackende Art – Türen fliegen unter krachenden Klinken auf – kündigen ihn auch ohne direkte Sicht an.

Auf die neue Ministerpräsidentin hat sich die Landesvertretung schon eingestellt. Die Dienst-Drahtesel für die schnelle Fahrt zu Bundestag oder Bundesrat sind allesamt Damenräder – obwohl Frau Lieberknecht wohl eher den Dienstwagen nutzen dürfte. Die Große Koalition scheint aber noch nicht ganz angekommen. In der Bibliothek des Hauses liegt prominent ein Band über Ludwig Ehrhard aus. Helmut Schmidt staubt weiterhin ein.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.