Ein Mahnmal für Björn Höcke

Bornhagen/Erfurt  Warum im Eichsfeld-Dorf Bornhagen 24 betonartige Stelen aufgebaut wurden – und was sie mit dem AfD-Landeschef zu tun haben.

Das „Zentrum für politische Schönheit“ stellte auf dem Nachbargrundstück von AfD-Politiker Björn Höcke in Bornhagen 24 Stelen auf, nachdem er das Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte.

Das „Zentrum für politische Schönheit“ stellte auf dem Nachbargrundstück von AfD-Politiker Björn Höcke in Bornhagen 24 Stelen auf, nachdem er das Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte.

Foto: Eckhard Jüngel

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Das Dorf Bornhagen, in dem keine 300 Menschen leben, ist bekannt für die Burg Han-stein, seine besonders schöne Umgebung – und neuerdings auch für Björn Höcke. Seit der Geschichtslehrer das alte Pfarrhaus bezog, um später in der AfD aufzusteigen, kommen lauter Leute in den Ort, die zuvor kaum in diesen kleinen Winkel des thüringischen Eichsfelds fanden: Linksautonome, Journalisten, Polizisten.

Gestern ist es wieder soweit. Der Polizeihubschrauber kreist, mehrere Einsatzwagen stehen herum, Journalisten schleppen Kameras und Mikrofone durchs Dorf. Die Attraktion befindet sich auf dem Nachbargrundstück von Höckes Haus: 24 graue Klötze, die sehr genau jenen 2711 Betonstelen ähneln, die in Berlin-Mitte stehen.

Es handelt sich um das Holocaust-Mahnmal im Kleinformat. Ausgedacht hat es sich das „Zentrum für politische Schönheit“, das für derlei Inszenierungen bekannt ist. Vor drei Jahren montierte die Initiative 14 Gedenkkreuze für Maueropfer am Berliner Spreeufer ab – aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik. Vergangenes Jahr hielten sie über zwei Wochen vier lebende Tiger in einem großen Käfig vor dem Maxim-Gorki-Theater und kündigten an, dass sich dort Flüchtlinge öffentlich „zerfleischen“ lassen würden.

Das Nachbarhaus wurde offenkundig vor Monaten angemietet

Jetzt also Höcke, der vor fast einem Jahr im Zusammenhang mit dem Holocaust-Gedenken von „dämlicher“ Bewältigungskultur und einem „Denkmal der Schande“ sprach. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich AfD-Landeschef als äußerster Rechtsaußen seiner Partei etabliert – und als bevorzugtes Zielobjekt linken Protests.

Die Aktion im Eichsfeld ist, wie bei der Berliner Gruppe üblich, von einer Medienoffensive nebst Spendenaktion begleitet. Während in Berlin Mitteilungen verschickt und Filme ins Netz gestellt werden, führen in Bornhagen Mitglieder der Initiative durch einen schmalen Flur des Hauses in den kleinen Garten, in dem die Stelen stehen.

Bemerkenswert wirkt dabei, wie konspirativ die Aktivisten, die sich selbst stets und konsequent Künstler nennen, vorgegangen sind. Das Haus wurde offenkundig vor Monaten angemietet. Von den Vorbereitungen bekam niemand wirklich etwas mit, nicht der Bürgermeister, nicht die Bewohner.

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Noch bemerkenswerter ist aber, dass die Initiative behauptet, Höcke seit Längerem ausspioniert zu haben. Zwar ist bei diesen Verlautbarungen, weil ja alles eine Kunstaktion sein soll, nur schwer zwischen Satire und Realität zu unterscheiden. Doch Höcke, so berichtet es sein Co-Landeschef Stefan Möller, habe sich schon vor einiger Zeit darüber beklagt, dass seine Papiertonne verschwunden sei. Zudem sei ein Mann mit Kamera gesehen worden, der sich ums Haus schlich. Jetzt, sagt er, wisse man ja, wer dahinterstecke.

Björn Höcke selbst sagt zu all dem: nichts. Oder präziser: Fast nichts. Am Morgen, als in Bornhagen die Stelen aufgebaut werden, führt die AfD-Fraktion ihre reguläre Sitzung im Landtag in Erfurt durch. Es gibt Kaffee und Wasser, irgendjemand hat Merci-Schokolade hingelegt.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall

Höcke kommt im grauen Anzug, ohne Schlips. Ein leicht gequältes Lächeln hat er für den wartenden Reporter übrig, mehr aber auch nicht. Was er von der Aktion in Bornhagen halte? „Da reden wir ein andermal drüber“, sagt er und geht weiter. Was habe er mitbekommen? „Ich muss da mir erst einmal drüber Gedanken machen“, sagt er und verschwindet im Sitzungssaal.

Der AfD-Landesvorsitzende muss sich auch sonst gerade so über einiges Gedanken machen. Seit die frühere Parteivorsitzende Frauke Petry aus der Partei austrat, hat sich das Ausschlussverfahren, das der Bundesvorstand nach seiner Rede wider das Gedenken gegen ihn einleitete, endgültig erledigt. Für Dezember ist vom Landesschiedsgericht noch einmal eine mündliche Anhörung geplant, dann wird die Angelegenheit wohl abgewickelt.

Zudem steht der Bundesparteitag an, bei dem Höcke erwägt, für den Vorstand zu kandidieren. Er denke weiterhin darüber nach, hatte er am Dienstag auf Nachfrage bestätigt. Und ja, es sei auch nicht ausgeschlossen, dass er im Falle von Neuwahlen für den Bundestag kandidiere.

Die Aktion trifft also den AfD-Landesvorsitzenden nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt. Stefan Pelzer von der Initiative gibt offen zu, dass es darum gehe, Höcke vor dem Bundesparteitag zu beschädigen. Man werde den Druck aufrechterhalten und Informationen, die man über Höcke gesammelt habe, in den nächsten Tagen veröffentlichen. „Zum Beispiel wird die Öffentlichkeit erfahren, was Höcke dieses Jahr am Hitlergeburtstag gemacht hat.“

Was ist das? Kunst? Kampagne? Krawall? Oder alles zusammen? Während sich die AfD empört und sich rot-rot-grüne Politiker klammheimlich bis öffentlich freuen, verschickt am Abend der Parlamentspräsident eine Mitteilung, die keinen Interpretationsspielraum darüber zulässt, was er meint. „Die Aktion ist ein Angriff auf die Freiheit des Mandats, die Unversehrtheit von Familie und ein ungeheuerlicher Eingriff in das Leben eines Menschen“, teilt der Christdemokrat Christian Carius mit. Er erwarte, dass die Polizei Ermittlungen aufnehme.

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