Entschädigung für DDR-Heimkinder wird ab Frühjahr ausgezahlt

Etwa 2000 Euro pro Arbeitsjahr in einem ehemaligen Jugendwerkhof für Jugendliche über 14 Jahren wurden veranschlagt. Bislang haben sich rund 500 ehemalige Heimkinder bei der zentralen Thüringer Anlaufstelle gemeldet.

Sozialministerin Heike Taubert erklärte gegenüber unserer Zeitung, dass die ersten Gelder aus dem Entschädigungsfonds für Missbrauch in der DDR-Heimerziehung bis Mitte kommenden Jahres ausgezahlt werden sollen. Archivfoto: Thomas Müller

Sozialministerin Heike Taubert erklärte gegenüber unserer Zeitung, dass die ersten Gelder aus dem Entschädigungsfonds für Missbrauch in der DDR-Heimerziehung bis Mitte kommenden Jahres ausgezahlt werden sollen. Archivfoto: Thomas Müller

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Erfurt. Plötzlich erhielten die Jugendlichen Fernseh- und Zeitungsverbot. Der Kontakt zur Außenwelt des Jugendwerkhofs irgendwo in Thüringen wurde komplett abgeschnitten. Das Leben in der Einrichtung ging seinen gewohnten Gang, während in Leipzig, Berlin und Erfurt die Menschen die politische Wende erzwangen.

"Von einem Tag auf den anderen wurde die Jugendlichen dann entlassen", sagt Manfred May. Er kümmert sich heute im Auftrag des Sozialministeriums um die Opfer von einst.

Anders als in den Einrichtungen der alten Länder zogen sich Gewalt und Missbrauch in den Einrichtungen der ehemaligen DDR bis weit in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Bis Mitte kommenden Jahres sollen nun die ersten Gelder aus dem Entschädigungsfonds für Missbrauch in der DDR-Heimerziehung ausgezahlt werden. Das erklärte die Thüringer Sozialministerin Heike Taubert (SPD) im Gespräch mit unserer Zeitung. Insgesamt stünden für die Betroffenen in den jungen Ländern 40 Millionen Euro zur Verfügung. Ein Teil des Geldes soll als direkte Entschädigung an diejenigen ausgezahlt werden, die etwa in Jugendwerkhöfen arbeiten mussten, ohne dass dafür in die Rentenkassen eingezahlt worden war.

"Im Raum stehen etwa 2000 Euro je Arbeitsjahr für alle Jugendlichen über 14 Jahren", kündigte Taubert an. Wichtig sei ihr die dadurch erreichte Gleichstellung mit den Opfern der Heimerziehung in westdeutschen Einrichtungen.

Bislang haben sich rund 500 ehemalige Heimkinder bei der zentralen Thüringer Anlaufstelle gemeldet, um von ihren Erfahrungen mit Gewalt oder sexuellem Missbrauch zu berichten. Manfred May führt diese Beratungsstelle in Suhl. Nicht selten erfährt er sogar noch vor den Ehepartnern von den zum Teil erschütternden Einzelschicksalen in den rund 100 DDR-Einrichtungen auf heutigem Thüringer Territorium.

Manche hätten ihre Erlebnisse verarbeitet, "viele Betroffene aber leiden bis heute unter dem, was ihnen angetan wurde. Oft haben Depressionen ein normales Leben und auch eine geregelte Arbeitsaufnahme verhindert", erklärt May.

Nicht selten kehren die Erlebnisse noch nach Jahren zurück und treffen "mit großer Wucht" auf das einstige Heimkind. Dann etwa seien Betroffene nicht mehr in der Lage, sich in engen Räumen aufzuhalten, sie ertragen keine vergitterten Fenster oder halten große Menschenansammlungen um sich herum nicht mehr aus. "Es gibt Betroffene, die können bis heute keine Konzerte oder Theater besuchen", sagt May.

Speziell für solche Fälle soll aus dem Fonds auch "individuell Hilfestellung" geleistet werden. "Es können Kuren bezahlt werden, die die Kasse nicht übernimmt, psychologische Behandlungen", so Taubert.

Schwieriger wird es nach der Erfahrung von May mit den körperlichen Folgeschäden des erlittenen Unrechts. "Es gibt einen einzigen Fall, in dem Gutachter Schädigungen am Skelett auf harte körperliche Arbeit während der Kindheit zurückführen", erklärt er. Doch schon bei der Anerkennung von Herzkrankheiten oder Bluthochdruck werde es fast unmöglich, den Beweis zu erbringen, dass diese Schädigungen eine Folge der Heimunterbringung sind. Daher müssten die Bestimmungen so ausgestaltet werden, dass für großzügige Lösungen Raum vorhanden sei.

Das fordert auch Heike Taubert. "Es geht schließlich darum, dass es der Staat nicht bei einer Entschuldigung belässt, sondern Hilfe anbietet." Eine vollständige Entschädigung des erlittenen Unrechts in Euro und Cent wird jedoch nicht möglich sein. Allein schon deshalb, weil es für die Kinderheime und die Jugendwerkhöfe keine Rechtsnachfolger gebe.

Leitartikel: Michael Thüsing über ehemalige Heimkinder

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