Gespräch mit Erfurter Expertin über Irak-Politik und Bürgerkrieg in Syrien

Im Gespräch mit der Erfurter Expertin Birgit Schäbler über die islamistischen Milizen, die verfehlte amerikanische Irak-Politik und die Folgen für den Bürgerkrieg in Syrien

Irakische Soldaten beziehen an der Grenze zu Saudi Arabien im Süd-Irak Posten. Foto: Alaa Al-Shemaree/dpa

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Noch vor drei Wochen kannte kaum jemand im Westen die Isis-Milizen, jetzt liefert ihr Vorrücken täglich Schlagzeilen. Was ist da an uns vorbeigegangen?

Experten beobachten Isis schon seit längerer Zeit. Die Organisation entstand im Irak im Umkreis von Al-Kaida, hat sich von ihr gelöst und unterstellt sich nicht mehr ihrem Kommando. Die Gruppe wird von einem gewissen Abu Bakr al-Baghdadi geführt, das ist ein programmatischer Kampfname. Abu Bakr war der erste Kalif, der Nachfolger des Propheten. Damit präsentiert der Isis-Kommandeur seinen politischen Anspruch. Al-Baghdadi bedeutet, dass er bis nach Bagdad will. Eigentlich beschränkten sich ihre Aktionen auf den Irak, sie sind aber auch im syrischen Bürgerkrieg aktiv. Es sind brutale Kämpfer, die einerseits die Unterstützung der Bevölkerung suchen, andererseits den Menschen ihren ex-tremistischen Islam aufzwingen.

Wie konnte eine einzelne Islamisten-Gruppe in so kurzer Zeit so große Schlagkraft gewinnen?

Die Organisation ist bekannt im Westen, auch den US-Geheimdiensten. Die Amerikaner haben in dieser Hinsicht politisch geschlafen, das muss man so sagen. Isis ist mit etwa 8000 Kämpfern keine große Armee. Sie konnte nur dank der Unterstützung der Bevölkerung in den eingenommen Orten so schnell vorrücken. Isis hat es geschafft, die Unzufriedenheit der sunnitischen Bevölkerung mit der irakischen Führung unter Al-Maliki auszunutzen.

Dem gibt die US-Führung jetzt die Schuld. Sind das aber nicht auch die Früchte einer völlig verfehlten amerikanischen Irak-Politik?

Auf jeden Fall. Der US-Zivilverwalter Paul Bremer hatte damals beschlossen, alle sunnitischen Offiziere und alle Angehörigen der unter Saddam regierenden Baath-Partei auszuschalten. Das waren Tausende unzufriedene Männer im besten Alter, die sich in einem sunnitischen Untergrund organisiert haben.

Die Deutsche Regierung war damals gegen diesen Krieg, aus gutem Grund. Die USA hatten kein Konzept, wie die Gesellschaft nach Saddam Hussein zusammengeführt werden sollte. Was Paul Bremer getan hat, war für das Land völlig kontraproduktiv.

Ist die Isis-Offensive womöglich ein Menetekel für Künftiges? In Nigeria entführt Boko Haram Schulmädchen, die somalische Al-Shabaab terrorisiert über Landesgrenzen, in Libyen kämpft Ansar al-Sharia für einen Gottesstaat. Haben diese Islamisten das Potenzial, zu einer globalen Bewegung zu wachsen?

Das haben sie nicht. Sie sind global vernetzt, haben aber ihre regionalen Interessen. Letztlich geht es um Macht und Einfluss, es ist nicht auszuschließen, dass sie sich gegenseitig im Streit darum bekämpfen.

Was unterscheidet Isis von anderen islamistischen Bewegungen?

Nicht viel, alles sind sie Dschihadisten die so extremistisch sind, dass sie selbst gemäßigte Muslime und natürlich alle Schiiten als "Ungläubige" betrachten. Inhaltlich werden sie von sehr schlichten islamistischen Vorstellungen getragen. Die Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Leben zum Beispiel ist ein Ziel, das sie alle verbindet.

Diese Milizen haben den Westen in größte Aufregung versetzt, sogar strategische Allianzen zwischen den USA und dem Iran bahnen sich an. Hat Isis große Geldgeber, sind sie besonders gut aufgestellt oder was macht sie so gefährlich?

Akteure in Saudi-Arabien und auch in Golfstaaten wie Katar haben viel Geld und Waffen in die islamistischen Rebellen in Syrien gesteckt. Es war klar, dass diese Ressourcen am Ende bei den stärksten und skrupellosesten landen würden. Das waren die Isis-Milizen.

Diese Hilfe brauchen sie jetzt nicht mehr, sie haben andere Quellen. Es ist bekannt, dass sie Millionengewinne mit geraubten Antiquitäten in Syrien gemacht haben und sie haben inzwischen Einnahmen aus den Ölquellen in eroberten irakischen Orten wie Mossul.

Isis propagiert ein islamistisches Emirat vom Tigris bis zum Mittelmeer. Für die Mehrheit der Menschen in der Region, die einen gemäßigten Islam leben wollen, wäre das eine Katastrophe. Wie realistisch ist eine solche Gefahr?

Dieses Ziel von Isis ist nicht realistisch. Denn niemand will das zulassen. Der Iran hat das klar gemacht, auch Saudi-Arabien beginnt vorsichtig umzuschwenken. Im Norden werden sie von den Kurden bekämpft, die USA hat militärische Unterstützung zugesagt. Isis hat sich in einen Krieg begeben, den sie nicht gewinnen kann.

Wie lange werden sich Deutschland und Europa heraushalten können?

Was Syrien betrifft, hat sich Europa zu lange zurückgehalten.

Man hätte die gemäßigte Opposition gegen Baschar al-Assad viel früher viel stärker unterstützen müssen. Nachdem sich der Bürgerkrieg so zugespitzt hat, ist das natürlich schwer. Aber Europa ist gefordert, Position zu beziehen.

Auf welche Weise wäre das jetzt sinnvoll?

Nicht militärisch. Aber durch Wiederaufbauhilfe in den befreiten syrischen Gebieten, die nicht von Isis kontrolliert werden, zum Beispiel. Humanitäre Hilfe von Flüchtlingen ist ohnehin nötig.

Isis bedroht nicht nur mit seinem islamistischen Terror die Region bis zur Türkei. Sie bedroht auch das Regime in Damaskus. De facto haben der Westen und der Diktator einen gemeinsamen Feind. Was bedeutet das für die westliche Syrien-Politik?

Baschar al-Assad hat versucht, sich als Verteidiger gegen den Extremismus zu verkaufen, als die Extremisten noch gar nicht im Land waren. In dieser Situation hätte der Westen den demokratischen Widerstand unterstützen müssen.

Das ist nicht geschehen, aber was bleibt jetzt noch, der Pakt mit dem Teufel?

Ich war immer der Meinung, dass man mit Baschar verhandeln muss. Was nicht bedeutet, dass man ihn in die Zukunft hinein anerkennt. Das Recht, Syrien zu regieren hat er verwirkt, nach dem was er seinem Volk angetan hat. Man muss die friedliche Opposition unterstützen, man muss auf Friedenskonferenzen beharren, auch wenn die Ergebnisse noch so klein sind. Und man muss weiterhin auf Baschar al-Assad und seine Unterstützer Druck ausüben. Druck kann man aber nur auf jemanden ausüben, zu dem man eine Beziehung unterhält.

Politik kann zynisch sein, halten Sie es für möglich, dass der Isis-Vormarsch den syrischen Diktator durch die Hintertür im Westen wieder salonfähig macht?

Das ist gewissermaßen ja schon passiert. In diesem Krieg sterben täglich Hunderte Menschen. Man muss alles tun, was das Leiden der Syrer verringert, und was diesen Krieg beenden kann.

In Deutschland fürchtet man inzwischen gewaltbereite islamistische Rückkehrer aus diesem Krieg. Wie gerechtfertigt sind solche Ängste?

Dass junge Deutsche angeworben werden von Dschihadisten, ist eine Tatsache. Inzwischen sind etwa 100 zurückgekehrt, sie muss man beobachten. Doch man darf eines nicht vergessen. Es gibt in Deutschland auch anderen Terror. Der rechtsextreme Terror mit seiner Muslimen-Feindlichkeit schaukelt den islamistischen Terror hoch. Die Politik ist hier gefordert, mit Augenmaß vernünftige Lösungen zu finden.

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