Gewaltbereite Neonazis drängen in die Kampfsportszene

Plauen/Berlin/Dortmund  Rechtsradikale und Neonazis wappnen sich für den Straßenkampf und trainieren dafür – auch in Erfurt.

Im sächsischen Ostritz treffen sich beim „Schild und Schwert Festival“ Hunderte Rechtsradikale. Immer mehr von ihnen zeigen gerne Muskeln.

Im sächsischen Ostritz treffen sich beim „Schild und Schwert Festival“ Hunderte Rechtsradikale. Immer mehr von ihnen zeigen gerne Muskeln.

Foto: dpa/pa

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Die Tritte sind bis draußen zu hören. Bis auf den Parkplatz vor der alten Kaufhalle im Erfurter Südosten zwischen Plattenbauten und Straßenbahngleisen. Eine Treppe führt zu einer Stahltür, an der Wand prangen meterhoch die Worte: national, revolutionär, sozialistisch – daneben ein Kranz aus Eichenlaub, es ist das Symbol der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“.

Der Eingang ist mit einer Videokamera überwacht. In einem großen Hinterzimmer liegen Gewichte auf dem Boden, Hanteln hängen an einem Fitnessgerät, neben einer Stereoanlage liegt eine CD der Rechtsrock-Band „Kraftschlag“. Es riecht nach Schweiß an diesem Nachmittag im Februar.

Training der „Arbeitsgemeinschaft Körper und Geist“ des „III. Wegs“. Knapp ein Dutzend Männer treten gegen Boxsäcke, stemmen Gewichte oder schlagen mit der Faust gegen ein Kissen aus Schaumstoff. Einer von ihnen ist ein junger Mann, 31 Jahre alt, der sich für das Gespräch nur Andy nennen will. Gerade bereitet er sich auf einen Kampf in Griechenland vor. Und am Wochenende wolle er an einem „Gedenkmarsch“ für getötete Wehrmachtssoldaten in Ungarn teilnehmen. Sein Ziel sei ein „deutscher Sozialismus“. Auf die Frage, wer dazugehöre, antwortet er: „Die Volksgemeinschaft entscheidet.“

Andy, dessen richtiger Name und Foto leicht auf der Webseite des „III. Wegs“ zu finden sind, war nach eigenen Angaben Fallschirmjäger bei der Bundeswehr und schon früher in der rechtsextremen NPD und in Neonazi-Kameradschaften in Süddeutschland, heute arbeite er als Angestellter. Wegen gefährlicher Körperverletzung wurde er 2012 zu gut einem Jahr Haft verurteilt. Laut Urteil verletzte Andy gemeinsam mit Mittätern einen linken Aktivisten nachts in Fürth. Jetzt steht er im Trainingsraum in Erfurt, streift sich einen grünen Kapuzenpullover mit Parteisymbol über den Kopf.

Neonazis werben offensiv für die Kämpfe

Vor wenigen Monaten stieg Andy auch im sächsischen Ostritz in den Ring. Im Oktober veranstalteten Neonazis den „Kampf der Nibelungen“. Vorbestrafte Hooligans und den Sicherheitsbehörden bekannte Rechte reisten an. Das Netzwerk der Kampfsportgruppen reicht von Nordrhein-Westfalen bis nach Thüringen. Experten und Verfassungsschutz schätzen, dass zwischen 700 und 850 Zuschauer und Kämpfer vor Ort waren.

Noch vor wenigen Jahren liefen Szene-Events konspirativ ab, Eingeweihte erhielten Telefonnummern und einen geheimen Treffpunkt. Doch mittlerweile gehen Rechte mit ihrem Kampfsport in die Offensive, promoten die Events über Facebook, drehen Werbevideos und dokumentieren die Wettkämpfe auf aufwendig produzierten Internetseiten. Für die Neonazis bringen die Wettbewerbe Aufmerksamkeit und Zulauf. Zudem spült die hohe Nachfrage Geld in die Kasse, das zumindest in Teilen zurück in den Aufbau rechtsextremer Organisationen fließt. Der Hooligan-Forscher Robert Claus fasst die neue Macht des Kampfsports in der Neonazi-Szene so zusammen: „Gewalt wird professionalisiert.“

Das spüren auch die Sicherheitsbehörden. Die Organisatoren beachten Vorschriften für Rettungswege, Grenzen für Lautstärken und melden die Veranstaltung ganz offiziell bei den Behörden an. „Das macht Verbote für den Staat deutlich schwieriger“, sagt Frank Nürnberger, Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz in Brandenburg.

Treffen zum „Kampf der Nibelungen“

Experten sagen, dass das Jahr 2018 für die Szene ein Durchbruch war. Dreimal traten Rechte allein zum „Kampf der Nibelungen“ an, zweimal davon beim „Schild und Schwert Festival“ im Juni und November im sächsischen Ostritz. Die Partei „Der III. Weg“ baute einen Ring beim eigens organisierten „Jugend im Sturm“-Fest im thüringischen Kirchheim auf, Eintritt 25 Euro. Es kamen gut 200 Besucher. Auch Parteimitglied Andy trat an.

Harmlose Sportwettkämpfe? Auf dem „Schild und Schwert Festival“ propagierte die NPD „Kindergärten statt Asylheime“. Die Partei „Die Rechte“ oder das Neonazi-Magazin „N.S. heute“ richteten Infostände ein. Beim „Jugend im Sturm“ hielt Wolfram Nahrath eine Rede auf der Bühne neben dem Kampfring. Nahrath war Anwalt des verurteilten NSU-Mord-Gehilfen Ralf Wohlleben und lange Vorsitzender der heute verbotenen „Wiking Jugend“.

„Nach dem Verbot von Vereinen und Kameradschaften in Deutschland sind diese Veranstaltungen die neuen Netzwerke. Kaum einer gründet heute mehr Kameradschaften“, sagt Henry Krentz, Rechtsextremismus-Experte beim sächsischen Verfassungsschutz.

Bekannte Neonazis haben sich an die Spitze dieser Bewegung gesetzt. Thorsten Heise zum Beispiel, Vize-Chef der NPD und mehrfach vorbestraft. Oder auch Denis K., der sich in der Szene Denis Nikitin nennt, russischer Staatsbürger, aber in Köln gemeldet ist. Nikitin ist Gründer des europaweit einflussreichen Labels „White Rex“, das auch den „Kampf der Nibelungen“ sponsert. Wie ein Schlager-Star der Rechten reist er von Event zu Event, in Deutschland, England und Italien, und tritt selbst in den Ring.

Manche in den Sicherheitsbehörden nennen Menschen wie Nikitin „rechte Unternehmer“, erfolgreiche Geschäftsleute, die verstanden haben, wie mit diesen Events Geld zu verdienen ist. Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz spricht von einer „Erlebniswelt Rechtsex­tremismus“, die Spaß und Gemeinschaft verbinde – mit einem Faible für Mixed Martial Arts (MMA), einem Kampfsport, in dem wenig verboten und viel erlaubt ist.

Zuschlagen, „wenn das System am Ende ist“

Die Szene bereite sich mit Training und Kämpfen „auf einen sogenannten Tag X vor, an dem die Neonazis wehrhaft sein wollen, damit sie aus ihrer Sicht zuschlagen können, wenn das verhasste ‚System‘ am Ende ist“, sagt Nürnberger vom Verfassungsschutz in Brandenburg. Auch Analyst Krentz vom sächsischen Nachrichtendienst sieht eine „zunehmende Militanzbereitschaft“ unter Rechtsextremisten. „Wir beobachten einen Trend hin zu einer konkreten Vorbereitung auf einen Straßenkampf. Es geht einigen Akteuren auch darum, für den Kampf mit politischen Gegnern zu trainieren.“

So wie Ende August 2018 in Chemnitz. Zwei Flüchtlinge sollen einen Deutsch-Kubaner in einem Streit mit einem Messer erstochen haben. Die Nachricht macht schnell die Runde – auch in der rechten Szene. Tausende demons­trieren in den Tagen danach, unter ihnen etliche polizeibekannte Rechte. Auch mehrere Kampfsportler der Gruppe „Imperium Fight Team“ um Benjamin B. mischten sich unter die Protestierenden, ebenso Vertreter der rechten Marken „Label 23“ und „Black Legion“.

Leipzig, 11. Januar 2016, am Abend feiert der Pegida-Ableger „Legida“ einjähriges Bestehen nahe des Leipziger Hauptbahnhofs. Zeitgleich ziehen mehr als 200 vermummte Rechtsextreme und Hooligans durch die linke Hochburg Connewitz im Süden der Stadt, bewaffnet mit Äxten, Eisenstangen und Holzlatten. Innerhalb einer Stunde beschädigen sie 23 Geschäfte und zahlreiche Autos. Auch hier sind mehrere Kämpfer des „Imperium Fight Teams“ dabei.

Die Rechten bleiben nicht im Ring. Sie treten auf die Straße, stehen Polizei und Gegendemonstranten gegenüber. Manche schlagen zu.

Das Parteibüro des „III. Wegs“ liegt in einem Eckhaus in Plauen. Dort sollen an diesem Februarsonntag schon die Kleinsten lernen, sich zu verteidigen gegen eine Welt, die laut Parteifunktionär Matthias Fischer „feindlich“ ist. Ein Mann, der sich als Nick vorgestellt hat, blickt streng auf die Gruppe: „Wir sind hier, um zu lernen, uns zu verteidigen“, sagt er mit fester Stimme, und: „Wir haben keine Angst, vor niemandem.“ Nicks Schüler schauen ihn erwartungsvoll an. Acht Mädchen und zwei Jungen stehen an diesem Vormittag auf den provisorisch ausgelegten Gummimatten, viele sind jünger als zehn Jahre. Sie sehen nicht aus, als ob sie sich fürchten.

Zur Sache: „Der III. Weg“

Die rechtsextreme Kleinstpartei „Der III. Weg“ wurde 2013 gegründet. Das Bundesinnenministerium beschreibt die Ausrichtung der Partei in einem internen Bericht als dezidiert antisemitisch, rassistisch und islamfeindlich. Die Spitzen sind seit Jahren aktiv in der rechtsextremen Szene, viele haben typische Delikte wie Volksverhetzung oder Körperverletzung begangen. Allerdings liegen den Sicherheitsbehörden nach eigenen Angaben keine Anhaltspunkte etwa für offene Aufrufe zu Gewalt durch die Partei vor. Darin sehen die Behörden eine „taktische Zurückhaltung“, um ein Verbot zu vermeiden.

Hier gibt es ein Video zum Beitrag.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde am 12. März aktualisiert.

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