Glückwunsch, Demokratie! Die Weimarer Republik wird 100

Weimar  Am 6. Februar 1919 tritt in Weimar erstmals die verfassunggebende deutsche Nationalversammlung zusammen. Die Stadt Goethes und Schillers gibt der ersten deutschen parlamentarischen Demokratie ihren Namen.

Der Weimarer Kunstprofessor Hans W. Schmidt hat das Ereignis für die Nachwelt festgehalten. Das Parlament der ersten demokratischen Republik tagte im Deutschen Nationaltheater. Die Nationalversammlung erarbeitete bis zum Sommer eine Verfassung, die zu den fortschrittlichsten ihrer Zeit zählte. Illustration: Hans W. Schmidt/Deutsches Historisches Museum, Berlin

Foto: Hans W. Schmidt/Deutsches Historisches Museum, Berlin

6. Februar 1919 in Weimar: Das beschauliche Thüringer Städtchen gleicht einem Heerlager. Tausende Soldaten patrouillieren durch die Straßen, ein kilometerweiter Ring aus Geschützen und Maschinengewehrstellungen umzieht die Stadt. Militärs bewachen das Deutsche Nationaltheater, sie stehen sogar auf der Bühne. Hier in der Provinz, fernab von den politischen Unruhen in Berlin, wird vor 100 Jahren Geschichte geschrieben.

Wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1914-1918) und dem Sturz der Monarchie tritt in Weimar erstmals die verfassunggebende deutsche Nationalversammlung zusammen. Die Stadt Goethes und Schillers gibt der ersten deutschen parlamentarischen Demokratie ihren Namen: Weimarer Republik. Die am 31. Juli 1919 beschlossene Verfassung „ist die damals modernste Verfassung der Welt“, sagt der Politikwissenschaftler Michael Dreyer, Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik an der Universität Jena.

„Sie hat weitreichende liberale und wirtschaftliche Grundrechte, die Regierungskontrolle durch das Parlament, eine starke Stellung des Reichspräsidenten und ein modernes Verhältniswahlrecht mit einer föderalen Grundordnung vereint“, so Dreyer. Vorbilder seien die Verfassungen westlicher Demokratien wie der USA, Frankreichs und Großbritanniens gewesen. Hinzu kamen Innovationen. „Zum Beispiel war die in der Verfassung verankerte betriebliche Mitbestimmung mit dem Recht zur Gründung von Betriebsräten damals international völlig neu.“

Als Tagungsort standen auch Jena, Bayreuth und Nürnberg zur Wahl

„Die Volkssouveränität, das Frauenwahlrecht, aber auch das nun in der Verfassung verbriefte Recht, gewerkschaftlich tätig zu werden, katapultierten das vormals reaktionäre Deutschland in eine moderne und progressive Verfassungsrealität“, erklärte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Weimarer Nationalversammlung , zu denen unter anderem ein Festakt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 6. Februar am historischen Tagungsort gehört.

Als Tagungsort der Nationalversammlung standen auch Jena, Bayreuth und Nürnberg zur Wahl, wie eine Ausstellung im Stadtmuseum Weimar dokumentiert. Gegen Berlin sprachen nicht nur Sicherheitsgründe, sondern auch Vorbehalte in Süddeutschland gegen einen Tagungsort in Preußen. Weimar punktete mit der zentralen Lage sowie ausreichend Raumkapazitäten und Unterkünften für die mehr als 2000 Gäste – 423 Abgeordnete, dazu Beamte, Diplomaten, Journalisten. Täglich pendelten Expresszüge zwischen Berlin und Weimar, die erste zivile Fluglinie in Deutschland transportierte Post zwischen den beiden Städten.

Die Stadt sei anfänglich stolz gewesen auf ihre durch die Nationalversammlung gewonnene Bedeutung, erzählt Museumsdirektor Alf Rößner. „Doch die Stimmung kippte, je länger die Nationalversammlung in Weimar blieb.“ Die starken Sicherheitsvorkehrungen störten die Einheimischen, Kohlen und Lebensmittel wurden immer knapper. „Es herrschte auch Verbitterung über die für Deutschland harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrags“, so Rößner. Die Nationalversammlung hatte dem Vertrag nach kontroverser Debatte und einer Regierungskrise zugestimmt.

Später erstarkten radikale Kräfte

Die Weimarer Verfassung sei keine schwache Verfassung gewesen, ist der Politikwissenschaftler Dreyer überzeugt. Dass die junge Demokratie mit rechtsextremen Putschversuchen durch Kapp und Hitler, kommunistischen Aufständen wie in Mitteldeutschland, Krisen nach politischen Morden oder der Ruhrbesetzung 1923 fertig wurde, spreche im Gegenteil für ihre Widerstandsfähigkeit. „Sonst hätte die Weimarer Republik das Jahr 1923 nicht überlebt.“

Später erstarkten allerdings die radikalen Kräfte, die Nazipartei NSDAP und die Kommunistische Partei - vor allem unter dem Eindruck der seit 1929/30 grassierenden Wirtschaftskrise, die Millionen Menschen ins Elend stürzte. Ausgerechnet in Weimar wurde 1930 Wilhelm Frick als erstes NSDAP-Mitglied Minister in einer Landesregierung, der von Thüringen. In Berlin regierten die Reichskanzler Heinrich Brüning und Franz von Papen zunehmend mithilfe von Notverordnungen am Parlament vorbei. Straßenschlachten von Kommunisten und Nazis prägten neben immer fragileren Mehrheitsverhältnissen im Reichstag das Bild von den «Weimarer Verhältnissen».

Angesichts des Aufschwungs der AfD hat dieses Bild wieder Konjunktur. Der Politikwissenschaftler Dreyer warnt davor, solche Parallelen zu ziehen. „Weimar ist durch eine mehrheitlich antidemokratische politische, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Elite bewusst zerstört worden.“ Dies sei mit der heutigen Situation nicht vergleichbar.

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