Jeder hat etwas zu verbergen: Symposium zum Thema Datenschutz in Erfurt

Erfurt.  Experten fordern eine Regulierung beim Umgang mit künstlicher Intelligenz. Zahlreiche Fragen sind weiterhin ungeklärt.

Den Datenstrom vollständig beherrschen kann niemand mehr. Aber Internetnutzer können viel dafür tun, dass persönliche Informationen in den richtigen Bahnen bleiben.

Den Datenstrom vollständig beherrschen kann niemand mehr. Aber Internetnutzer können viel dafür tun, dass persönliche Informationen in den richtigen Bahnen bleiben.

Foto: Ole Spata / dpa-tmn

Jeder hat etwas zu verbergen: Seine Privatsphäre. Das ist die Botschaft eines Symposiums des Thüringer Datenschutzbeauftragten. Welche Gefahren ergeben sich aus der Digitalisierung? Was riskiere ich bei der Nutzung großer Internetplattformen zum Einkaufen oder beim Videostreamen? Wie schnell sind welche Erkenntnisse über mich als Nutzer gesammelt, ausgewertet und womöglich weiterverarbeitet?

All diese Fragen beschäftigten am Montag im Erfurter Augustinerkloster Wissenschaftler, Experten und interessierte Zuhörer.

Bereits mit sechs bis sieben Einträgen bei Facebook kenne das soziale Medium dich so gut wie deine Arbeitskollegen, ab 270 so gut wie deine Ehefrau. Das ermögliche Verhaltensvorhersagen, mache den Menschen gläsern, warnt Thüringens Datenschutzbeauftragter Lutz Hasse.

Inzwischen sei es auch ohne Gesichtserkennung möglich, Menschen eindeutig, beispielsweise am Gang zu identifizieren. China könne so inzwischen den Aufenthalt jedes Bewohners binnen drei Sekunden ermitteln.

Komme künstliche Intelligenz mit ins Spiel, reiche die Auswertung beispielsweise von Internetdaten bis hin zur Vorhersage von Verhaltensweisen. Das eröffnet auch die Möglichkeit Mensch gezielt in einer bestimmten Art und Weise zu manipulieren, betont der Experte.

Geschäftsmodelle lassen sich mit Profilen optimieren

Lutz Hasse fordert bessere Vorschriften beispielsweise für den Umgang mit und die Nutzung von künstlicher Intelligenz. Er spricht sich dafür aus, dass Profiling meldepflichtig werden müsse, damit Unternehmen oder soziale Medien nicht unkontrolliert personenbezogene Daten ihrer Nutzer auswerten dürfen.

„Sie sind derjenige, der Ressourcen generiert, mit denen andere viel Geld verdienen“, warnt Kevin Baum, Dozent an der Universität des Saarlands. Gemeint ist beispielsweise das Einkaufen im Internet oder die Kommunikation auf sozialen Medien. Aus diesem Verhalten lassen sich Profile erstellen, betont der Ethikexperte. Geschäftsmodelle lassen sich so optimieren aber auch soziale Bewertungen treffen, welche Angebote jemand erhält und zu welchem Preis.

200 Tage Amazon-Nutzung produzierten 15.365 Dateneinträge

Problematisch bei dieser Profilbildung sei, dass sie auf Wahrscheinlichkeitsbewertungen beruhe, die zunehmend von selbstlernenden Maschinen und neuronalen Netzwerken kommen. Das werfe zahlreiche ethische und moralische Fragen auf, erklärt der Wissenschaftler: Beispielsweise wenn China derartige Systeme bei Gesichtsscans nutze, um Minderheiten zu identifizieren. Aber auch, wenn künftige Aufstände oder Straftaten vorhergesagt werden sollen.

Er sei gespannt, wie Gerichte entscheiden, wenn gesagt werde, die Wahrscheinlichkeit für eine Tat sei statistisch gegeben gewesen. Faktisch lasse sich das aber nicht belegen, so Kevin Baum. Auch der Forscher spricht sich für Regularien beim Einsatz von künstlicher Intelligenz aus. „Wir wollen keinen Überwachungskapitalismus oder chinesische Verhältnisse haben.“

Was das konkret bedeutet, testete Katharina Nocun. Unter anderem bei Amazon und Netflix hat sie teils hartnäckig abgefragt, welche Nutzerdaten über sie gespeichert wurden. Beim Auswerten der Antworten bekam sie professionelle Hilfe von der Programmiererin Katja „Letty“ Dittrich. Ihre Spezialität ist die Datenanalyse.

Knapp 200 Tage Amazon-Nutzung produzierten 15.365 Dateneinträge, die der Versandhändler gespeichert hatte, erklärt Katharina Nocum. „Nichts was wir machen bleibt unentdeckt“, so ihr Fazit: Weder ein Klick noch ein Ortswechsel.

Allein die Größe des Datensatzes berge aus ihrer Sicht Gefahren beim Profiling. Denn damit lasse sich fast jede Annahme belegen. Netflix wisse genau, wann welchen Film geschaut, welche Szene übersprungen oder immer wieder angeschaut wurde. „Warum darf eine Firma derart privates Wissen anhäufen“, fragt die Expertin.

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