Jenaer Sepsis-Forscher machen Druck auf Gesundheitsminister Spahn

Jena  120 Teilnehmer der Mitteldeutschen Sepsis Kohorte treffen sich in Jena. Deutschland hinkt sowohl bei der Aufklärung als auch bei der Forschung hinterher.

In Jena trafen sich Teilnehmer der Mitteldeutschen Sepsis-Kohorte. Referenten waren André Scherag, Studienleiter der Mitteldeutschen Sepsis Kohorte, Ministerpräsident a.D. Kurt Biedenkopf, Ernährungsexpertin Jana Serzisko, Konrad Reinhardt, Vorsitzender der „Global Sepsis Alliance“, Frank Köhler, der eine Sepsis überlebt hat, und Wolfgang Sauter von der Klinik Bavaria

In Jena trafen sich Teilnehmer der Mitteldeutschen Sepsis-Kohorte. Referenten waren André Scherag, Studienleiter der Mitteldeutschen Sepsis Kohorte, Ministerpräsident a.D. Kurt Biedenkopf, Ernährungsexpertin Jana Serzisko, Konrad Reinhardt, Vorsitzender der „Global Sepsis Alliance“, Frank Köhler, der eine Sepsis überlebt hat, und Wolfgang Sauter von der Klinik Bavaria

Foto: Fabian Klaus

Konrad Reinhart lässt derzeit kein gutes Haar an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der Gründer der Deutschen Sepsis-Gesellschaft und Senior Professor an der Uniklinik Jena kritisiert, dass es keine nationalen Anstrengunen gebe, die Sepsis als vermeidbare Todesursache Nummer eins in Deutschland zu bekämpfen.

Bei Krebs oder HIV gebe es dieses gemeinsame Vorgehen indes. „Nur dann, wenn diese Anstrengungen auch für die Sepsis erfolgen, können wir etwas erreichen“, macht Reinhart gegenüber dieser Zeitung deutlich. Er fordert vom Bundesgesundheitsminister, dass ein nationaler Sepsis-Plan erstellt wird. 30 Fachgesellschaften weiß Reinhart hinter sich. Auch die Gesundheitsminister der Länder votierten eindeutig dafür. „Aber der Bundesgesundheitsminister fühlt sich nicht zuständig. Er hat die Verantwortung an die Länder zurückgegeben“, macht Reinhart deutlich.

Spahn solle nicht aus der Verantwortung entlassen werden: „Wir werden die Forderung aufrechterhalten. Das Votum von 30 Fachgesellschaften kann man nicht einfach in den Skat drücken.“

Entwicklungsland der Sepsis-Forschung

Kurt Biedenkopf strahlt Vitalität aus. Mit jedem Satz, den der einstige Ministerpräsident in Sachsen sagt, vermittelt er Frische. Kaum zu glauben, dass er erst 2017 eine Sepsis überstanden hat. Das macht all denen Mut, die selbst diese Krankheit durchleiden müssen oder Angehörige von Betroffenen sind. Beim zweiten Teilnehmertreffen der Mitteldeutschen Sepsis Kohorte am Wochenende in Jena sagt Biedenkopf: „Im Moment kann ich sagen, dass ich wieder voll arbeiten kann. Ich bin nicht mehr behindert.“

Der CDU-Politiker ist das prominente Gesicht der Kohorte. 88 Jahre alt, will er vor allem erreichen, dass die Forschung zur Bekämpfung der Sepsis vorankommt. Deshalb hält er sich zurück, wenn es um die Frage geht, was im deutschen Gesundheitssystem verbessert werden muss, um den Stand zu erreichen, den Länder wie Australien, England oder die USA längst haben.

Kurt Biedenkopf schildert indes die Erfahrungen mit seiner Sepsis. „Tatsächlich tritt sie in Erscheinungen auf, die zunächst verwundern oder irritieren bei denen, die sie haben oder denen, die es sehen“, sagt er. Angst vor Treppen und schlecht laufen können seien Dinge gewesen, die er durchlebt hat. Aber auch Vergesslichkeit gehört dazu.

Namen von Freunden seien ihm zunehmend entfallen, berichtet er. Und Begriffe suche er nicht selten vergebens. „Wobei ich sie finde, wenn ich sie nicht suche“, sagt er schmunzelnd – und rät Betroffenen zur Geduld.

Die 120 Teilnehmer der Mitteldeutschen Sepsis Kohorte können mitfühlen, was der prominente Schirmherr erzählt. Frank Köhler hat ebenfalls eine Sepsis überstanden. Und kämpft nach wie vor mit den Folgen. Vier Jahre liegt die Erkrankung bei ihm bereits zurück. „Das erste Jahr ist wie im Rausch an mir vorbeigegangen“, sagt er.

Psychische Belastung für Betroffene ist enorm

Kognitive Störungen traten bei Köhler auf, nachdem er die Sepsis überlebt hatte. „Aber keiner wollte das wirklich wahrhaben“, sagt er. Viele Betroffene hätten ihm ähnliche Erlebnisse berichtet, seien von Ärzten abgewiesen worden, wenn sie Symptome schilderten. Mittlerweile sei nachgewiesen, dass es durch eine Sepsis zu Hirnschädigungen kommen kann. Ein Kampf sei es gewesen, Gehör zu finden.

An der Uniklinik Jena wird indes mit dem Aufbau der Mitteldeutschen Sepsis Kohorte (MSC) eine Forschungsarbeit forciert, die es so bisher nicht gibt. Beteiligt daran sind die Uni-Kliniken Halle und Leipzig, die Zentralklinik Bad Berka, das Helios Klinikum Erfurt und eben die Uni-Klinik Jena. Studienleiter André Scherag berichtet: „Bisher wurden vom Studienteam schon mehr als 1000 Interviews mit Betroffenen in verschiedenen Zeitabständen geführt.“

Wie notwendig Forschung in Deutschland ist, das verdeutlicht Konrad Reinhart, Vorsitzender der Sepsis-Stiftung und Gründer der deutschen Sepsis-Gesellschaft. „Sepsis ist unter den vermeidbaren Todesursachen die Nummer 1“, sagt Reinhart. Aus seiner Sicht ein grotesker Zustand in einem Land, das von sich selbst behauptet, eines der besten Gesundheitssysteme der Welt zu haben. „Wir haben es nicht“, sagt der Senior-Professor in aller Deutlichkeit.

Dennoch gebe es eine Entwicklung. Die Gesundheitsministerkonferenz der Länder habe, angestoßen über Thüringens Ministerin Heike Werner (Linke), mit einem eindeutigen Votum einen nationalen Sepsis-Plan eingefordert. Auch 30 Fachgesellschaften – darunter das Robert-Koch-Institut – haben ein Memorandum zum Sepsis-Plan unterzeichnet.

„Das kann man nicht einfach in den Skat drücken“, sagt Reinhart dieser Zeitung – und weiß, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das derzeit aber doch tut. Er fühle sich nicht zuständig, habe die Verantwortung an die Länder zurückgegeben. „Für mich ist das unakzeptabel“, macht er deutlich und nennt Krebs oder HIV als Beispiele für Erkrankungen, bei denen es nationale Anstrengungen gegeben habe, diese zu bekämpfen. Die Zahlen der Sepsis-Toten zeigen, dass das auch hier notwendig sein könnte. Nahezu jede fünfte in einem Krankenhaus gestorbene Person erlag 2017 einer Sepsis.

Dann sind da noch die nicht abschätzbaren Folgen für Betroffene und deren Angehörige. Teresa-Maria Deffner spricht als Expertin darüber beim Treffen in Jena. Sie sagt: „Wenn sich bei Angehörigen die Erleichterung einstellt, dass es den Patienten besser geht, dann kann beim Patient erst eine psychische Krise auftreten.“ Denn zuvor bekommen die Betroffenen meist kaum etwas von ihrem schweren Zustand mit – das ist die Phase, in denen die Angehörigen voller Sorge sind, weil sie das Leiden, dass durch eine Sepsis ausgelöst wird, bei ihren Lieben sehen.

Daran etwas zu ändern, das haben sich Forscher und Teilnehmer als Ziel gesetzt.