Jenaer Soziologin interviewte Langzeitarbeitslose zum Leben mit Hartz IV

Dr. Karin Scherschel, Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich und Soziologie-Lehrstuhl der Uni Jena, interviewte auch im Kyffhäuserkreis Hartz-IV-Empfänger.

Dr. Karin Scherschel arbeitet am Sonderforschungsbereich und Soziologie-Lehrstuhl der Uni Jena. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten befragte sie auch Langzeitarbeitslose zum Leben mit Hartz IV. Foto: Thomas Lohnes/dapd

Dr. Karin Scherschel arbeitet am Sonderforschungsbereich und Soziologie-Lehrstuhl der Uni Jena. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten befragte sie auch Langzeitarbeitslose zum Leben mit Hartz IV. Foto: Thomas Lohnes/dapd

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Frau, Dr. Scherschel, warum wurden Langzeitarbeitslose in ganz Thüringen und dem Kyffhäuserkreis von Ihnen befragt?

Wir wollten wissen, welche Erfahrungen die Menschen mit der neuen aktivierenden Arbeitsmarktpolitik gemacht haben. Was es für sie bedeutet, ohne Arbeit zu sein und von Arbeitslosengeld II (ALG II) zu leben. Wir haben gefragt, ob ihnen die Arbeitsmarktpolitik den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ermöglicht hat, was ja ihr erklärtes Ziel ist.

Bringt die Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung Arbeitslose wieder in angemessen bezahlte Beschäftigung?

Nein! Ich erinnere mich an keinen Fall. Die wenigen, die eine Arbeit gefunden haben, bekommen diese, weil sie unentwegt damit beschäftigt sind, eine Arbeit zu finden, oder gleich mehrere Jobs machen. Wir haben viele Selbständige interviewt, die mehr oder weniger Tag und Nacht arbeiten. Bisher haben wir keinen Fall, bei dem jemand über einen Ein-Euro-Job oder ein Stellenangebot seines Fallmanagers in Arbeit gekommen wäre. Eine angemessene Bezahlung erhält kaum jemand.

Wie viele Bezieher von Arbeitslosengeld II haben Sie interviewt?

40 Personen in Thüringen, dazu noch 58 in Bremen. Das zentrale Kriterium war der Bezug von ALG II, im Volksmund besser als Hartz IV bekannt. Nicht alle waren arbeitslos, einige waren so genannte "Aufstocker".

Was war der Grundtenor der Antworten?

Die meisten der Interviewten wollen unbedingt arbeiten. Sie machen Ein-Euro-Jobs, bewerben sich, versuchen über Freunde eine Arbeit zu finden. Arbeit hat einen enorm hohen Stellenwert in ihrem Leben. Einige haben aber auch nach Jahren der vergeblichen Suche begonnen zu resignieren.

Gab es Antworten, bei denen sie schlucken mussten?

Ja. Nämlich dann, wenn die Verzweiflung der Menschen so groß war, dass sie während des Interviews in Tränen ausbrachen. Hauptgründe dafür sind die Erfahrung, keine Arbeit zu finden und die Stigmatisierung durch Hartz IV . Besonders berührend sind Situationen, in denen es um Scham und Ausgrenzung in der gesamten Familie geht. Die Kinder können nicht an Klassenfahrten teilnehmen. Sie verschweigen, dass ihre Eltern arbeitslos sind. Die Menschen schämen sich.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat die Scham?

Sozialer Rückzug, Politikverdrossenheit, Ablehnung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund sind eine Folge. Die Solidaritätsbeziehungen in der Gesellschaft werden im Allgemeinen auf eine harte Probe gestellt.

Wie stehen sie nach Ihrer Studie zur aktuellen Diskussion um die Mini- Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze und den Alkoholkonsum von Leistungsempfängern?

Die fünf Euro Erhöhung reicht in keinster Weise aus, um Menschen im ALG II-Bezug eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Die Diskussion um den Alkoholkonsum operiert mit einem Generalverdacht und schadet einer konstruktiven Diskussion um Existenzsicherung.

Was müssten Staat und Unternehmer tun, um die Lage zu entschärfen?

Die Sicherung gleicher Bildungschancen, die Schaffung existenzsichernder Löhne und der Abbau prekärer Beschäftigung wären einige politische Ansatzpunkte.

Muss sich die Gesellschaft eingestehen, dass die Arbeit knapp wird?

Das hängt vom Arbeitsbegriff einer Gesellschaft ab. Sprechen wir über Erwerbsarbeit und Vollbeschäftigung, dann ist letzteres sicherlich nicht mehr erreichbar. Reden wir aber über ehrenamtliche Tätigkeiten oder Hausarbeit, dann geht die Arbeit sicherlich nicht aus.

Gespräch: Alexander Lorenz

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