Jusos in Erfurt: „Auf Kriegsfuß mit der Bundes-SPD“

Erfurt  Zwischen Anti-GroKo-Kampf und OB-Wahlkampf durchleben die Erfurter Jusos turbulente Zeiten.

Justin Witzeck, Hannah Brand, Fabian Litz, Sophia Schneider, Kilian Deyerl und Toni Lütgenau

Foto: Friederike Huff

Die ersten Plakate hängen – acht Wochen vor der Oberbürgermeisterwahl verbringen die Erfurter Jusos ihr Wochenende damit, unzählige Bausewein-Plakate an Laternenpfählen anzubringen.

Gut erinnern sich Justin Witzeck, Hannah Brand, Fabian Litz, Sophia Schneider, Kilian Deyerl und Toni Lütgenau daran, als sie das letzte Mal plakatiert haben: Im August, als sie noch dachten, dass Martin Schulz Kanzler werden und ihre Partei aus der Krise führen kann. Das waren bessere Zeiten. Denn von der Parteiführung der Bundes-SPD sind sie heute enttäuscht und kämpfen gemeinsam mit den meisten deutschen Jusos dafür, die Große Koalition in letzter Sekunde zu verhindern.

Im OB-Wahlkampf wollen sie ihre Partei in den nächsten Wochen trotzdem unterstützen.„Auf Kriegsfuß stehen wir ja nur mit der Bundes-SPD, helfen wird uns das, was gerade in Berlin passiert, im Wahlkampf aber vermutlich nicht“, gibt Vorsitzender Justin Witzeck zu.

In ihrer kleinen „Parteizentrale“ am Juri-Gagarin-Ring sind auf dem Tisch Gummibärchen mit SPD-Logo, Kaffee und Koalitionsverträge verteilt.

Juso-Chef Kevin Kühnert am Sonntag in Erfurt

Seit Monaten bestimmt die Bundespolitik die Stimmung bei den Jusos. „Ein Tiefpunkt war erreicht, als auf dem Parteitag im Januar für die Aufnahme von Verhandlungen gestimmt wurde, obwohl wir als eine der ersten Landesverbände dagegen gestimmt hatten“, erinnern sich Sophia Schneider und Fabian Litz. Ein Hoffnungsträger ist für die Erfurter Jusos Kevin Kühnert, der Bundesvorsitzende der Jusos. An seiner Kampagne „Ein Zehner gegen die GroKo“ beteiligten sie sich entschlossen und versuchten auf dem Anger Erfurter zu überzeugen, für das Mitgliedervotum in die SPD einzutreten. So konnten sie allein im Februar 20 Neueintritte bei den Jusos verzeichnen. 20 von 463 723 SPD-Mitgliedern, die bis zum 3. März über den Koalitionsvertrag abstimmen können – vielleicht sind sie am Ende entscheidend.

Die Erfurter SPD Mitglieder vom „Nein zur GroKo“ überzeugen soll Kevin Kühnert selbst, wenn er am 25. Februar mit der „NoGroKo“ Tour in Erfurt Halt macht. „Heilsbringern gegenüber sind wir seit Martin Schulz zwar etwas skeptisch, aber Kevin Kühnert ist einer der besten Vorsitzenden, die wir je hatten“, meint Justin Witzeck, das Rennen sei noch nicht entschieden.

Von den 177 Seiten Koalitionsvertrag, die jedes SPD-Mitglied zugeschickt bekommt, hat jeder ein Stück gelesen, „inhaltlich ist das ein Trauerspiel“, findet Hannah Brand. Bezahlbarer Wohnraum, Digitalisierung oder verbindliche Klimaziele wären ihnen wichtig gewesen. „Statt greifbarer Themen für junge Leute gibt es eine Obergrenze unter anderem Namen und ein Heimatministerium für Horst Seehofer“, ärgert sich Toni Lütgenau. Wie der Großteil der Jusos war auch er schon gegen die Aufnahme von Sondierungen, denn irgendwann seien alle Gemeinsamkeiten einfach aufgebraucht. Den Studenten ärgert es besonders, dass eine Minderheitsregierung so verteufelt werde. Wenn Neuwahlen die einzige Alternative wären, würde Merkel sich das schon nochmal überlegen, meint er, „aber der Ball liegt immer bei uns, das ist das Problem“.

Einen Kampf der Generationen sehen die Jusos beim Thema GroKo nicht: Gerade letzte Woche hätten sie sich mit der „AG 60+“ der Erfurter SPD getroffen. „Wir waren uns im Prinzip einig, dass der Koalitionsvertrag furchtbar ist und ziehen höchstens andere Konsequenzen daraus“, erzählt Justin Witzeck.

Zum Plakatieren sind auch ältere Genossen ins Büro der Jusos gekommen – auch Oberbürgermeister Andreas Bausewein holt sich einen Stapel Plakate ab. Auf den anstehenden Straßenwahlkampf in der Stadt freuen sich die Erfurter Jusos. Bei Fragen zu den Entwicklungen im Willy Brandt Haus wollen sie die Wähler dazu bringen, zwischen Lokal- und Bundespolitik zu differenzieren. Neue Wahl, neues Glück – es kann nur besser werden.

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