Kandidaten für SPD-Vorsitz in Erfurt – „Die Wende beginnt in Thüringen“

Erfurt  Die SPD-Karawane, die um den Vorsitz der Partei kämpft, hielt in Erfurt. Nebenbei wurde Landtagswahlkampf gemacht.

Zwei SPD-Mitglieder schauen lachend in das Kandidatenblatt. Sieben Kandidatenpaare präsentieren sich bis Mitte Oktober auf Regionalkonferenzen.

Zwei SPD-Mitglieder schauen lachend in das Kandidatenblatt. Sieben Kandidatenpaare präsentieren sich bis Mitte Oktober auf Regionalkonferenzen.

Foto: Andreas Arnold/dpa

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Es ist noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Kandidatenschau in der Erfurter Arena, da rollt das erste Team die Koffer zum Eingang. Und, erschöpft von der Herumreiserei? „Nein, natürlich nicht“, antwortet der SPD-Vizevorsitzende Ralf Stegner, der das „Vize“ vor dem „Vorsitzenden“ gerne streichen möchte. „Das ist hier was für Leute mit guter psychischer und physischer Kondition. Und die haben wir!“ Neben ihm lächelt fröhlich sein Co-Kandidatin Gesine Schwan, frische 76 Jahre alt.

Dies hier ist die siebte von 23 Stationen auf der Tournee mit dem inoffiziellen Motto „Die SPD sucht sich neue Vorsitzende“. Es gibt neben Schwan und Stegner noch sechs Bewerberduos und einen Einzelkandidaten, also insgesamt 15 Bewerber. Bis zum 12. Oktober ist die Kandidatenkarawane unterwegs, bevor die SPD-Mitglieder per Post oder online abstimmen. Das Ergebnis soll am 26. Oktober bekannt gegeben werden, einen Tag vor der Landtagswahl in Thüringen.

Die Beteiligten waren schon in Saarbrücken, Hannover oder Bernburg an der Saale, später wird es noch nach Filderstadt oder Baunatal gehen. Aber an diesem Abend ist man erst einmal in Erfurt, in Thüringen, wo die SPD gerade gegen die nächste, vielfach prognostizierte Wahlniederlage kämpft. In den Umfragen liegt die Landes-SPD bei 9 Prozent, nochmals gut drei Prozentpunkte unter dem Rekordtief von 2014.

Tiefensee: Die SPD solle sich jetzt einmal alle Nickeligkeiten sparen und kämpfen

Der Saal ist voll, mehr als 400 Menschen sind da, einige müssen stehen, das entspricht einem Zehntel der gesamten Mitgliedschaft der Thüringer SPD. Natürlich nutzt der Landesvorsitzende, Wirtschaftsminister und Spitzenkandidat den Termin, um Wahlkampf zu machen. Der mit nachdenklichen Cello-Klängen unterlegte, in ernstem Schwarz-Weiß gehaltene Werbespot wird abgespielt, auf dem Wolfgang Tiefensee in einem sehr weißen Boot über einen sehr dunklen See rudert. Dazu warnt er aus dem Off vor der Verödung des Landes jenseits der Städte. „Im Dorf gibt es kaum einen Arzt, kein Bus fährt in die nächste Stadt . . .“

Der Kandidat, der danach live und in Farbe auf die Bühne springt, wirkt da schon deutlich lebendiger und optimistischer. Die SPD, ruft Tiefensee, solle sich jetzt einmal alle Nickeligkeiten sparen und kämpfen. Applaus im Saal.

Dann beginnt die Vorstellungsrunde. Alle bemühen sich, sehr oft „Thüringen“ oder doch mindestens „Ostdeutschland“ zu sagen. Klara Geywitz, die brandenburgische Landtagsabgeordnete, die zusammen mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz kandidiert, zeigt besonders viel Ortskenntnis vor und nennt mehrere thüringische SPD-Politikerinnen mit Vornamen. Und klar, sagt sie, habe sie gerade schon eine Bratwurst gegessen.

Es gibt auch unangenehme Fragen

In einem derart großen Kandidatenfeld lässt sich nur mit sehr klaren Botschaften durchdringen. Der Verdi-Chefökonom Dierk Hirschel versucht es mit: „Wer die braune AfD wählt, der wählt seine eigenen Schlächter“ und bekommt ordentlich Beifall. Der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach erhält für den Satz „Die SPD muss, und zwar ohne Verzug, die große Koalition verlassen“ allerdings deutlich mehr Applaus.

Es gibt auch Fragen aus dem Publikum – und nicht nur angenehme. „Deine Kandidatur hat mich verärgert“, sagt ein Mann zu Olaf Scholz. Er stehe für Hartz IV, also eine Politik, die man überwinden müsse.

Der Finanzminister ist vorbereitet. Er sei es gewesen, der die 12 Euro Mindestlohn in die öffentliche Debatte gebracht habe, sagt er. Als Sozialdemokrat „finde er sich „sehr authentisch“.

Die Ministerin Pe­tra Köpping aus Sachsen, wo die SPD zuletzt bei der Landtagswahl nur noch auf 7,7 Prozent kam, versucht sich in gutem Zureden. „Die SPD in Sachsen hat es genauso schwer wie Ihr“, sagt sie zum Landeschef Tiefensee: „Wolfgang, Dein Film hat mich sehr schwer beeindruckt, er war ein bisschen traurig vielleicht.“

Viel Beifall bekommt übrigens an diesem Abend Ralf Stegner, als er ruft: „Ich hoffe, die Wende beginnt in Thüringen!“

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